Bericht über die Haltung von Menschenvieh

Der neue Spielfilm des Briten Steve McQueen erzählt eine unerhörte Episode aus der Geschichte der Sklaverei. «12 Years a Slave» ist ein Meisterwerk.

Der dunkle Hintergrund der amerikanischen Unabhängigkeit: Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor, 3. v. r.) wird zwölf Jahre lang versklavt.

Der dunkle Hintergrund der amerikanischen Unabhängigkeit: Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor, 3. v. r.) wird zwölf Jahre lang versklavt. Bild: Ascot Elite

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Grosses Kino soll grösser sein als das Leben? Das mag vorkommen, aber es ist auch eine prächtige Ausrede, wenn wieder einmal Kolorit mit Farbe verwechselt worden ist. Am grössten war Kino doch immer, wenn Kunst versuchte, Lebensgrösse zu erreichen im Bewusstsein, dem Leben, das nun mal kein Film ist, nicht das Wasser reichen zu können. In dieser Hinsicht ist «12 Years a Slave», der dritte Spielfilm des britischen Künstlers und Regisseurs Steve McQueen, allergrösstes Kino. Es erweist dem Leben den Respekt, es nicht sein zu wollen, sondern bloss zu skizzieren.

Man nennt das Glaubwürdigkeit, unter anderem. Vielleicht ist die dramatische Zurückhaltung ihre nobelste Form, im Umgang mit Geschichte zum Beispiel, die zuhanden der Fiktion Tatsachen und Begebenheiten bereithält, die in ihrer Unerhörtheit eine Vergrösserung gar nicht nötig haben. So eine Begebenheit aus der Geschichte des Menschenmöglichen ereignete sich im Jahr 1841, als der schwarze Violinist Solomon Northup, Vater und Ehemann, ein frei geborener Bürger des Staates New York, in Washington City entführt und als Sklave auf die Baumwollplantagen von Louisiana verkauft wurde, wo man ihn Platt nannte und in den folgenden zwölf Jahren versucht hat, den Solomon aus ihm herauszuprügeln.

Zähflüssiges Grauen

Die Peitsche war ein starkes Argument, und das Herausprügeln ist fast gelungen, aber 1853 kam dieser Solomon dann doch wieder frei, weil das Unrechtssystem der Südstaaten es mit dem Eigentumsrecht seltsam genau nahm. Im selben Jahr noch veröffentlichte er seine Erinnerungen, «Twelve Years a Slave» lautete der schlichte Titel: ein Bericht, als habe er sich die verlorene Zeit als Handelsware und Teil eines menschlichen Viehbestands von der Seele schreiben müssen; und die Erinnerung daran, was für ein Häufchen Elend genügend Schläge aus einem Menschen machen.

Das hat Steve McQueen nun verfilmt, und er hat das grandios inszeniert: kleiner als das erinnerte Leben und trotzdem auf Augenhöhe mit ihm. Denn natürlich fehlt dem Film die unvorstellbare Epik eines zwölfjährig dahinfliessenden Unglücks, auch die Trägheit der fürchterlichen Routine, in der das Unglück sich selbst kaum mehr spürt. Ein Drama kann das einfach nicht leisten. Es unterteilt Leid und Lebensgefühl in seine dramatischsten Abschnitte. Aber in seiner Zeichenhaftigkeit, in der Sorgfalt, mit der es seine Fragmente wählt, und in der Ruhe, mit der es sie bündelt, kann es ein Dazwischen ahnen lassen. Sozusagen das zähflüssige Grauen. Und darin wieder das Ganze des Schreckens.

Die Schlimmsten sind die Guten

So scheint einem Steve McQueens Film: ein ahnungsvolles Bruchstück. Das ist die Art einer künstlerischen Achtsamkeit, die aus einem heissen Herzen kommt und aus einem kühlen Kopf. Die Gefühlswärme von «12 Years a Slave» ist deshalb nie überhitzig und der Abscheu vor der Sklaverei nicht sentimentalisch empört. Dies ist keine besserwisserische Geschichte, mit der sich unser besseres Wissen nachträglich wieder wohlfühlen könnte. McQueen hält sich an Stimmung, Ton und Zustand einer Zeit, deren Scheusslichstes nicht die blutige Brutalität war, sondern ihre legale Selbstverständlichkeit.

Wahrscheinlich werden Mägen revoltieren, moralisch gerührt und physisch gereizt, wenn der Plantagenbesitzer Edwin Epps, einer von Northups Eignern, ein Säufer und Schänder, eine junge Frau an einen Pfahl bindet und sie peitscht, bis der Rücken platzt (nach «Hunger» und «Shame» spielt Michael Fassbender für McQueen abermals eine Männerfigur von manischer Konsequenz). Aber schwerer noch zu ertragen ist die lapidare Darstellung einer Normalität, die auf solche Szenen hinausläuft: dass der Epps das eben darf, wann immer ihm danach ist.

Bedrückender ist die Lakonie, mit der menschliches Schwarzvieh angeboten wird und Zähne geprüft und die zäheren Muttertiere von ihren zarteren Jungen getrennt werden. Und widerwärtiger als ein Epps, der wenigstens den mildernden Umstand des Wahsinns einfordern dürfte, ist jener «gute» Sklavenhalter William Ford (der brillante Benedict Cumberbatch bringt verdiente Schande über den Namen), der mit seinen Sklaven betet und dem Solomon Northup eine Geige schenkt, bevor er dann doch einen Wechsel mit ihm einlöst. Immer scheint durch die individuelle Tragödie der grosse Skandal eines ökonomischen Systems: jener dunkle Hintergrund der amerikanischen Unabhängigkeit.

Da ist also wieder einmal ein Historienfilm, dessen Genauigkeit nicht bei den Kostümen endet. Einer über die Zerbrechlichkeit der Menschenwürde. Einer, der Geschichtsbewusstsein einfordert und es beschämt – aber womöglich wäre das Steve McQueen schon zu pathetisch ausgedrückt. Zu missionarisch. Im Grunde folgt «12 Years a Slave», wo es zur moralischen Botschaft kommt (da ist eine, gewiss; sie hat mit dem Recht toter Sklaven zu tun, nicht vergessen zu werden), ja einfach der Melodie der höflichen, fast schüchternen Sätze, mit denen Solomon Northup seinerzeit seine Lebenserzählung begann: «Nachdem ich, geboren als ein freier Mann in einem freien Staat, über dreissig Jahre lang die Segnungen der Freiheit genossen hatte, wurde ich entführt und in die Sklaverei verkauft, wo ich in Fesseln geschlagen zwölf Jahre lang verblieb bis zu meiner glücklichen Rettung im Januar 1853. Man hat mir bedeutet, ein Bericht über mein Leben und Geschick werde für eine Leserschaft nicht uninteressant sein . . .»

Einen Oscar, bitte

Nicht uninteressant, weiss der Himmel! In Northups Memoiren hat Steve McQueen eine Quelle von exemplarischer Originalität gefunden und in Solomon Northup einen herzzerreissenden Helden. Zu finden war dann nur noch einer, der ihm das Leben zurückgab, im Elend und in der Erlösung, und das ist Chiwetel Ejiofor. Ein hochdifferenzierter britischer Schauspieler ist das (preisgekrönt mit dem Laurence Olivier Theatre Award für seinen Othello, nebenbei gesagt): In seinem Gesicht, das älter wird ohne grosse Nachhilfe der Maskenbildner, spiegeln sich zwölf Jahre Demütigung, eine zunehmende Zerschundenheit und gleichzeitig, scheints, der glimmende Funke einer bewahrten Würde. In ihm steckt der lebendige Kern dieses Films. Manche behaupten, er habe den Oscar für den besten Hauptdarsteller jetzt schon gewonnen. Es wäre nichts als gerecht.

Der historische Northup übrigens wurde am Ende gerettet von einem kanadischen Zimmermann, der an der richtigen Stelle Bescheid gab (Brad Pitt, Co-Produzent von «12 Years a Slave», verkörpert diese kleine Rolle ganz allürenlos). Solomon starb um 1857 unter ungeklärten Umständen. Seine Entführer waren zuvor angeklagt, aber nie verurteilt worden. Und ein Happy End und eine historische Gerechtigkeit kann man das eigentlich nicht nennen.

Erstellt: 08.01.2014, 08:31 Uhr

Trailer

Kinotrailer: «12 Years a Slave» von Steve McQueen

Im Kino

12 Years A Slave (USA/GB 2013). 134 Minuten. Regie: Steve McQueen. Mit Benedict Cumberbatch, Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Paul Giamatti, Brad Pitt u. a.
Vorpremiere ab Donnerstag im Zürcher Lunchkino im Arthouse Le Paris, ab 23. Januar im Kino

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