Blick hinter die Kreuzfahrtschiff-Maschinerie

In «All Inclusive» ergründet Corina Schwingruber Ilic das Phänomen Ferien auf hoher See. Ihr Kurzfilm läuft als einziger Schweizer Beitrag am Filmfestival Venedig. Eine Begegnung.

Sie drehte auf dem Mittelmeer und in der Karibik: Die Luzerner Regisseurin Corina Schwin­gruber Ilic am Vierwaldstättersee. Foto: Reto Oeschger

Sie drehte auf dem Mittelmeer und in der Karibik: Die Luzerner Regisseurin Corina Schwin­gruber Ilic am Vierwaldstättersee. Foto: Reto Oeschger

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Der Himmel füllt das Bild. Einzig in der rechten unteren Ecke sehen wir ein Stück gebogene Röhre, durch die irgendwann ein winziger Mensch rutscht und krabbelt. Wie eine Ameise im Reagenz­glas. Die Röhre gehört zu einer Wasserrutschbahn, die wiederum Teil eines gigantischen Kreuzfahrtschiff-Vergnügungsparks ist.

«All Inclusive», der 10-minütige Kurzfilm von Corina Schwin­gruber Ilic, erzählt vom Leben auf hoher See, von dieser «Kleinstadt», wie es die Luzerner Regisseurin nennt, wenn sie aufs Thema zu sprechen kommt. «Für mich repräsentieren solche Schiffe die Gesellschaft, sie spiegeln unser Konsumverhalten und verdeutlichen anhand von Urlaubern und Bediensteten den Graben zwischen Arm und Reich.»

«All Inclusive» läuft als einziger Schweizer Beitrag im Wettbewerb des Filmfestivals Venedig. Das ist für die 37-jährige Luzernerin nicht nur eine grosse Ehre, sondern auch eine Rückkehr in die Lagunenstadt, wo sie für den Recherche-Dreh ihres Films weilte. «Ich musste zuerst herausfinden, wie die Abläufe sind, wie die Maschinerie auf Kreuzfahrtschiffen funktioniert. Wenn man nur mitfährt, kann man schnell die Übersicht verlieren.» Nach der Recherche, zu der auch Schiffsrundgänge auf Youtube gehörten, drehte Schwingruber auf zwei Kreuzfahrtschiffen, einmal im Mittelmeer, einmal in der Karibik.

«Ich wollte es so clean und kalt wie möglich haben»

Den Eindruck von Massenunterhaltung vermittelt «All Inclusive» auf betont zurückgenommene Art. Wir sehen eine Fitnessgruppe, verfolgen Schönheits-und andere Wettbewerbe, werden Zeugen einer Polonaise durch den Speisesaal. Doch die Regisseurin verzichtet auf Voice-over-Kommentare, Menschen kommen keine zu Wort. «Für diese Entscheidung habe ich mich beim Schnitt gehasst», sagt Schwingruber. «Wenn Dialoge fehlen, dann fällt die Orientierung sogar im eigenen Film schwer.»

Die Regisseurin will jedoch keine Geschichten von Menschen erzählen, sondern ein Phänomen beleuchten. So gesehen, lässt sich «All Inclusive» als Stummfilm mit Geräuschen und Musik bezeichnen, wobei Letztere zu 95 Prozent nicht original sind, sondern nachvertont wurden. Der Grund: «Beim Dreh liefen im Hintergrund ständig Evergreens, deren Rechte wir uns nicht leisten konnten.» Was man jetzt hört, ist ein 90er-Synthesizer, bedient von Popmusikerin ­Heidi Happy, mit der Schwingruber schon bei früheren Projekten zusammenarbeitete. «Bloss keine warmen Klänge», lautete die Vorgabe. «Die Musik sollte die künstliche Atmosphäre auf dem Schiff unterstreichen.»

Ebenso radikal verfuhr die Regisseurin bei der Bildsprache. Wenn ein Handtuch oder ein Logo auf der Leinwand störte, wurde es wegretuschiert. Dank hochauflösenden 4K-Aufnahmen konnte sie nachträglich sogar den Bildausschnitt verändern: «Ich wollte es so clean und kalt wie möglich haben.» Das Verfahren erinnert an Andreas Gurskys legendäre «Rhein II»-Fotografie. Auf dessen übergrosser Aufnahme, die 2011 zum Rekordpreis von 3,1 Millionen Euro verkauft wurde, sieht man den Fluss schnurgerade durch grasbewachsene Deiche fliessen. Störende Gebäude und Menschen wurden allesamt wegretuschiert.

In der Welt des Kurzfilms kennt sie sich aus

Dieser Wille zur Reduktion ist Schwingrubers Kurzfilmen eingeschrieben. Es begann mit «Ins Holz» (2017), einem Gemeinschaftswerk mit Thomas Horat übers Baumfällen in der Innerschweiz, wo die Stämme flössbar gemacht werden und schliesslich wie choreografiert im Wasser treiben. Als Nächstes möchte sie einen Kurzfilm «über den Tourismus an Land» drehen.

Zuvor steht allerdings ein ungleich grösseres Projekt an: «Dida», Schwingrubers erster Langdokumentarfilm, erzählt von der Beziehung ihres Gatten, Kameramanns und zeitweiligen Co-Regisseurs Nikola Ilic zu ­seiner Mutter. Diese ist geistig eingeschränkt und benötigt Unterstützung in Belgrad, was sich insofern schwierig gestaltet, als der Sohn inzwischen in der Schweiz lebt.

Die Regisseurin zeigt Respekt vor dem Langformat. Ihre Welt sei schon der Kurzfilm, da kenne sie sich aus. Damit wirkt sie dem Klischee entgegen, Kurz­filme seien nur etwas für den Nachwuchs, ein Sprungbrett für Filmschulabgänger. Und sie setzt sich für dieses Format ein als Mitbegründerin des Verbands Pro Short. «Kurzfilme lohnen sich finanziell immer weniger; da läuft in der Förderung etwas schief», sagt sie. «Immer mehr Produzenten hören deswegen auf, Kurzfilme herzustellen, weil ihnen der Aufwand zu hoch ist für den kleinen Ertrag.» Dem will Schwingruber entgegenwirken, denn: «Dieses Format hat durch die Art, wie das Publikum heute auch online Filme konsumiert, ein grosses Zukunftspotenzial. Zudem sind Schweizer Kurzfilme an internationalen Festivals extrem erfolgreich.» Mit «All Inclusive», der in Venedig Premiere feiert, geht sie selbst mit bestem Beispiel voran. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2018, 21:17 Uhr

Virtuelles in Venedig

Anders als in Cannes, wo der Rückzugsort Kino verteidigt wird, ist man am Filmfestival Venedig aufgeschlossen für moderne Entwicklungen. Für fast 40 Virtual-Reality-Installationen hat man eine ganze Insel freigeräumt, und was Anbieter wie Netflix betrifft, so zeigt die Mostra die jüngsten Werke der Coen Brothers («The Ballad of Buster Scruggs») oder von Alfonso Cuarón («Roma»). Auch das erst jetzt vollendete Orson-Welles-Werk «The Other Side of the Wind», das Cannes verschmähte, segelt unter Netflix-Flagge am Lido.

Eröffnet wird das Festival mit «First Man» von Damien Chazelle, der am Lido 2016 mit «La La Land» durchstartete. Jetzt nimmt er sich die Apollo-11-Mondmission von 1969 vor (mit Ryan Gosling als Neil Armstrong). Eine der grösseren Attraktionen wird Bradley Coopers Regiedebüt «A Star Is Born» sein, Haupt­darstellerin in seinem Musical-Remake ist Lady Gaga. Für Aufsehen sorgen dürfte auch der Dokfilm «American Dharma» über Steve Bannon, den einstigen Trump-Chefstrategen. (zas)

Filmfestival Venedig: 29.8.– 8.9.

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