Analyse

Champagner in 3-D prickelt nicht

Wieso nur wurde die Literaturverfilmung «The Great Gatsby» in 3-D gedreht? Immerhin: Die ohnehin überflüssige Technologie schaufelt sich so ihr eigenes Grab.

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Wer sich den «Grossen Gatsby» im Kino anschauen will, sollte rechtzeitig Tickets reservieren. Die Literaturverfilmung liegt auf Platz 1 der Schweizer Filmcharts, zumindest am Wochenende sind die Vorstellungen alle ausverkauft. Das heisst, fast alle: Für die 3-D-Versionen sind Tickets in der Regel erhältlich.

Zwar wird der Film weniger häufig in 2-D gezeigt, was die Nachfrage nach 2-D-Tickets ankurbelt. Doch der rückläufige Trend bei der Nachfrage nach 3-D-Produktionen lässt sich nicht wegdiskutieren. Waren es bei «Avatar» noch 71 Prozent der Zuschauer, wollten «Toy Story» nur noch 60 Prozent in 3-D sehen. Bei «Despicable Me» waren es noch gerade 45 Prozent. «Pirates of the Carribbean 4» und der letzte «Harry Potter»-Film bestätigten den Trend. Die grosse 3-D-Euphorie ist verschwunden.

Intensive Beziehungen

Noch vor zwei Jahren prophezeite Arthouse-Filmer Wim Wenders: «Ich glaube, dass 3-D in gar nicht mehr so weiter Ferne die neue Norm sein wird, man kann den Zuschauer ganz anders mitnehmen in das Leben von anderen Menschen – nicht nur auf fremden Planeten, sondern eben auch auf unserem.» Tatsächlich hat man mit «Great Gatsby» nun einen Literaturklassiker in die dritte Dimension gesetzt.

Das Resultat ist fragwürdig. Während in 3-D-Produktionen wie «Avatar» noch Raumschiffe aus der Leinwand auf den Zuschauer schossen, ragt einem im «Great Gatsby» gerade mal Leonardo DiCaprios Champagnerglas ins Gesicht. Wieso sollte das einen beeindrucken? Und warum kam 3-D im «Grossen Gatsby»überhaupt zum Einsatz? «Man spürt so die intensiven Beziehungen, die die Figuren unter einander haben», so Leonardo DiCaprio in den Produktionsnotizen zum Film: «Das Publikum befindet sich so ausserdem mit den Figuren im selben Raum.»

Bloss: Die Verbindung zwischen Publikum und Filmfiguren ist auch bei älteren Filmen wie «Citizen Kane» oder «Scarface» gegeben. Im Gegenteil: Der «Zwangsfokus», der einem das individuelle Umherschweifen im Bild verhindert, ist schon bei Actionfilmen ärgerlich – bei einem Drama ist er nur noch absurd. Dazu kommt, dass «The Great Gatsby» wie die meisten 3-D-Produktionen zu dunkel ist und flimmernde Bilder aufweist, ob denen manche Zuschauer Kopfschmerzen entwickeln. Andere wiederum entwickeln gar nichts: Fünf Prozent der Bevölkerung sehen die Welt nur in zwei Dimensionen – was besonders ärgerlich ist: bezahlt man für 3-D-Vorstellungen doch mehr Eintritt als für zweidimensionale.

Filmpiraterie umgehen

Damit wären wir beim springenden Punkt angelangt – dem Geld. Filmstudios verfolgen mit 3-D-Produktionen keine künstlerischen Absichten und drehen sie auch nicht zum Vergnügen des Publikums. Sie wollen damit Filmpiraterie umgehen und vor allem ihren Umsatz steigern. Vor fünf Jahren, als «Avatar» herauskam, ging diese Strategie auf. Rückblickend weiss man warum: Die Zuschauer waren neugierig und wollten die neue, verbesserte 3-D-Technologie testen.

Dass 3-D heute zunehmend nicht mehr im Interesse des Publikums liegt, zeigen zum einen die rückläufigen Zuschauerzahlen. Aber auch in der Filmindustrie stehen die Zeichen auf 2-D. Geschmackvolle Action-Filme wie «The Dark Knight Rises» oder «Skyfall» bekamen keine 3-D-Version verpasst. Der kommende Superman-Film wird in den USA mit mehr 2-D- als 3-D-Kopien vertrieben. Und ein weiteres 3-D-Drama ist gar nicht erst in Sicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.05.2013, 14:04 Uhr

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