Pro-und-Kontra

«Christian Krachts Gekicher ist das schlimmste Geräusch überhaupt»

Das filmische Deutschland-Porträt «Finsterworld» ist so umstritten wie sein Drehbuchautor. Ein Pro und Kontra.

Ab morgen in den Deutschschweizer Kinos: «Finsterworld» von Christian Kracht und Frauke Finsterwalder.


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Frauke Finsterwalder und ihr Ehemann Christian Kracht erzählen in «Finsterworld» in mehreren Episoden von Menschen, die unter der Kälte in ihrem Leben leiden und sich nach Wärme und Nähe sehnen. Ein Ehepaar, das nur noch streitet. Ein Sohn, der sich inmitten des familiären Wohlstands Nähe und Wärme wünscht. Ein Polizist, der sich als Kuscheltier verkleidet. Und ein Fusspfleger, der seine alten Kundinnen mit seinen Besuchen glücklich macht. Und dann ist da noch die verstörende Seite: Jugendliche, die eiskalt und übersättigt sind und sich von nichts mehr anrühren lassen. Auch wenn die Welt noch so schön ist: Überall lauern Abgründe. Der Film wurde am letzten Zurich Film Festival mit dem Preis für den besten deutschsprachigen Spielfilm und mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet. (sda)

«Eine diebische Freude»

«Bitte die höchste Wagenklasse und auf keinen Fall ein Nazi-Auto», so bestellen die beiden Alt-68er ihren Mietwagen. Also kein Mercedes oder BMW. Am Schluss ist es ein Cadillac – dessen Felgen bei voller Fahrt ein Hakenkreuzmuster bilden. Solche Einfälle kommen heraus, wenn sich die Regisseurin Frauke Finsterwalder (was für ein Name!) mit Christian Kracht zusammentut. Er ist ihr Ehemann, Schweizer und dazu ein berühmter Bestsellerautor («Faserland»). Mit einem Händchen für provokante Stoffe. Als Georg Diez Kracht im «Spiegel» fahrlässigen Umgang mit rechtem Gedankengut vorwarf (es ging um den Roman «Imperium»), schrieb sich das ganze deutschsprachige Feuilleton die Finger wund. Auch «Finsterworld», dieser Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft, zeigt eine diebische Freude an der Provokation. Geht es nicht um Hakenkreuze am Cadillac, dann um einen KZ-Besuch, bei dem zwei Schüler eine Klassenkameradin in einen Brennofen sperren. Oder um einen Fusspfleger, der die abgehobelte Hornhaut einer Kundin in herzförmige Kekse verbackt. Doch am meisten Freude machen die Dialoge, ein Destillat aus Adorno und Tarantino. Da diskutieren die beiden Cadillac-Mieter mit einem jungen Mann über die Deutschlandfahne. Das Ergebnis: Die sei absichtlich so hässlich gestaltet, um dem verheerenden Nationalstolz der Deutschen entgegenzuwirken. Dabei verkommen Provokation und Cleverness nie zum Selbstzweck, die Filmemacher nehmen ihre Figuren nämlich sehr ernst. Man nehme zum Beispiel den backenden Fusspfleger und seine Liebe zu alten Füssen. Als er die Hornhaut seiner Lieblingskundin abschmirgelt, fällt der Staub wie Schnee an einem stillen Wintertag – eines der schönsten Bilder in diesem oft märchenhaft schönen Film. Finsterwalder und Kracht ziehen eine Zivilisation in Zweifel, die Nazis hervorgebracht hat, und stellen unbedingte menschliche Liebe dagegen. Nur ein Monster würde ihnen Kitsch vorwerfen.
Gregor Schenker

«Bitte nicht»

Vom Komiker Jerry Seinfeld ist das Prinzip bekannt, hinzustehen und zu fragen: «What's the deal with...?» Und dann irgendetwas einzusetzen. Zum Beispiel das Essen in Flugzeugen. «What's the deal with airplane food?» Wieso sind die Portionen alle so winzig? Hehe, macht das Publikum, es hat sich das auch schon gefragt, einfach nicht bewusst, und jetzt sagt es einer. «Finsterworld» funktioniert nach diesem Prinzip des beobachtenden Humors. «Warum reisen die Deutschen so gern?», fragt eine Figur sinngemäss in dem Film. «Weil es hier so hässlich ist.» Haha. «Was ist das Problem mit Deutschland?», wird ein anderes Mal gefragt. «Dass es keinerlei Vorbilder gibt.» Ausser Hitler natürlich. Hihi. «Was hat es eigentlich mit den Uniformen der Nazis auf sich? Die hatten ja wenigstens Stil!» Harhar. Im Unterschied zu Jerry Seinfeld allerdings werden die Fragen, die sich über die Welt wundern, gar nicht gestellt. Wir kriegen nur die Antworten. Und die kommen sich wahnsinnig frech und böse vor. Aus der Ensemblekomödie «Finsterworld», geschrieben vom Schweizer Schriftsteller Christian Kracht und von seiner Frau Frauke Finsterwalder, die auch Regie führte, dringt ein grauenhaftes Geräusch: das des Schnösels, der seine pennälerhaften Beobachtungen über den Zustand von Deutschland in sein Leinenjournal notiert und sich dabei so originell findet, dass er ob seiner eigenen Originalität irr zu kichern beginnt. Es ist das Gekicher von Christian Kracht, das schlimmste Geräusch überhaupt. Wer sich diesem Lärm aussetzen möchte – nur zu. Man kriegt zusätzlich noch einige halb- und dreiviertelkluge Zitate über den deutschen Wunderwald und den deutschen Beton, der schwer über aller Schuld und allem Unheil liegt. «Der böse Mann mit dem kleinen Bart ist noch gar nicht tot», sang Jan Delay, er lebt weiter im Joghurt und grinsen kann er jetzt auch. Die Beobachtung ist schärfer als dieser ganze Film. Und sie klang deutlich besser.
Pascal Blum

Erstellt: 19.03.2014, 11:45 Uhr

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