Coming-Out als Ablenkungsmanöver

Kevin Spacey hat sich für einen sexuellen Übergriff auf einen 14-Jährigen entschuldigt – und zur Ablenkung sein Coming-out bekannt gegeben.

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«Kevin Spacey outet sich» lautete heute eine der weltweit meistbeachteten Schlagzeilen. Gerüchte über die Homosexualität Spaceys kursierten schon länger. Doch der zweifache Oscar-Preisträger Spacey, der in der Netflix-Serie «House of Cards» als bisexueller US-Präsident brilliert, hatte dies stets bestritten und auf seine Privatsphäre gepocht. Umso überraschender war das öffentliche, freiwillige Coming-out. Dass der Schauspieler gleichzeitig für eine andere Schlagzeile sorgte, ging da fast unter: «Kevin Spacey entschuldigt sich nach Belästigungsvorwürfen.»

Der Schauspieler Anthony Rapp, der derzeit in der TV-Serie «Star Trek: Discovery» zu sehen ist, beschuldigt Spacey eines sexuellen Übergriffs. Er selbst sei bei den Vorgängen 14 Jahre alt gewesen, Spacey 26. Rapp habe an einer Party in Spaceys Wohnung TV geguckt, als der ältere Schauspielkollege zu ihm ins Zimmer gekommen sei, ihn auf ein Bett gelegt habe, um auf ihn zu steigen. Er habe sich aus der Attacke «herauswinden» können und die Wohnung verlassen.

«Unangemessenes betrunkenes Verhalten»

Genau genommen gibt es zwischen den beiden Schlagzeilen eine Kausalität. Der 58-jährige Spacey gab sein Coming-out erst bekannt, nachdem das Onlineportal «Buzzfeed» Anthony Rapps Geschichte veröffentlicht hatte. Auf dem sozialen Netzwerk Twitter antwortete Spacey, er könne sich an den Vorfall «ehrlich nicht erinnern». Aber wenn er sich damals so verhalten habe, wie Rapp es beschreibe, dann schulde er ihm eine aufrichtige Entschuldigung für etwas, das zutiefst unangemessenes betrunkenes Verhalten gewesen wäre.

Weiter schrieb Kevin Spacey, dass Rapps Geschichte ihn dazu bewogen habe, «andere Punkte» in seinem Leben anzugehen. Er habe Beziehungen zu Männern und zu Frauen gehabt, er habe in der ganzen Zeit aber Männer geliebt und sich nun entschieden, «als schwuler Mann zu leben».

Spaceys Aussage betreffend Rapp klingt wie ein Geständnis. Nun könnte man argumentieren, dass er den Übergriff wenigstens zugegeben hat – Harvey Weinstein versuchte zuerst noch, die Missbrauchsvorwürfe an ihn abzustreiten. Tatsächlich wäre Rapps Vorwurf, sofern keine weiteren mehr auftauchen, an einem Superstar wie Spacey wohl abgeprallt. Doch Spaceys Aufrichtigkeit macht den Vorfall nicht weniger schlimm. Vor allem aber legt sein gleichzeitiges Coming-out nahe, dass er damit von der Übergriffsgeschichte ablenken will. Das ist nicht nur berechnend, Spacey erweist der Schwulenbewegung damit auch einen Bärendienst. Indem er den Übergriff mit seiner Homosexualität in Verbindung bringt, erweckt er den Eindruck, als ob dies eine Entschuldigung für seine Attacke auf Rapp ist.

Vorwürfe müssen sich aber auch jene Medien gefallen lassen, die sich auf die Coming-out-Story stürzten. Für sie ist Homosexualität offenbar immer noch irritierender als sexuelle Gewalt.

Erstellt: 30.10.2017, 16:00 Uhr

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