Coolness ist total uncool

Romeo und Julia waren Teenager, als sie sich verliebten. Jetzt haben 47 Sekundarschüler einen Film über das berühmte Drama gedreht und tanzen im Opernhaus ihre eigene Version.

Wie ein Klassiker vom Klassenzimmer auf die Bühne gelangt.
Video: Schule Hirschengraben/3.Sek/Dominique Lorez

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Gänsehaut ist alles andere als cool. Aber wer den Jugendlichen bei den Proben zum Tanzstück «#Romeo_Julia» auf der Studiobühne des Opernhauses zuschaut, der spürt sie. Ebenso beim Betrachten der Rohschnitte zum Film, der im Rahmen dieses anspruchsvollen Schulprojekts entstanden ist.

Es ist berührend und zugleich beeindruckend zu sehen, was die Schülerinnen und Schüler der 3. Sek aus dem Schulhaus Hirschengraben in den vergangenen Monaten erarbeitet haben. Das liegt nicht an dem überraschenden Grad an Perfektion, den sie trotz ihrer immer noch sehr verhaltenen Körpersprache erreicht haben. Es liegt an der Aufrichtigkeit, mit der sich die 15- bis 17-Jährigen ihren Kollegen und dem Publikum stellen.

Entsprechend rasch springt der Funke über: Man spürt die emotions­geladene Atmosphäre in jeder Faser dieser zaghaften Körper. Die Unsicherheit der Jugend, die sich wie ein roter Faden durch die ganze Produktion zieht, passt zu ihrem Leben ebenso wie zu Shake­speares Drama. Und zur Gänsehaut gesellt sich eine Mischung aus Rührung und Bewunderung, Erinnerungen an die eigene Adoleszenz und der Erleichterung zu wissen, dass mit der Zeit auch mehr Klarheit ins Leben kommt.

Monatelange Vorbereitungen

Der Applaus wird den Darstellern gewiss und hochverdient sein: Sie sind cool, gerade weil sie selbst nicht cool geblieben sind. Und sie wissen es selbst am besten: Weder im Film noch auf der Tanzbühne wären sie sonst so weit gekommen.

Die Vorgeschichte zu «#Romeo_Julia» ist lang: Schon im vergangenen Jahr begeisterten Bettina Holzhausen, die Tanz­pädagogin, und Roger Lämmli, der Musiktheaterpädagoge des Opernhauses, den Ballettdirektor Christian Spuck für die Idee, am Opernhaus Zürich mit Sekundarschülern eine Tanzaufführung unter professionellen Bedingungen zu produzieren. Auf die Ausschreibung des ehrgeizigen Projekts meldeten sich die Abschlussklassen des Sekundarschulhauses Hirschengraben. Die Vorbereitungen begannen im Januar dieses Jahres. Seit Juni hatten die Jugendlichen Zeit, sich ausschliesslich mit dem Projekt zu beschäftigen, ganztags zu proben und dem Film den letzten Schliff zu ver­leihen.

Weil die Studiobühne viel zu klein wäre für ein Tanzstück mit 47 Jugendlichen, wurden die Schülerinnen und Schüler in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Hälfte erarbeitete das Tanzstück unter der Leitung der Choreografinnen Lucia Baumgartner und Teresa Rotemberg. Die andere Gruppe drehte mithilfe der Filme­macherin Katrin Oettli und des Regisseurs Roger Nydegger den Film.

Das ging nicht immer ohne Konflikte. So mussten einige zwangsweise der Tanzgruppe zugeteilt werden, während die Filmschüler bald einmal feststellten, dass zu einem Dreh mehr gehört als ein Handy und ein paar selbstdarstellerisch begabte Pausenclowns. Auch mit Ideen für ein Drehbuch war es noch lange nicht getan. Heute wissen sie, wie man mit einer professionellen Kamera verschiedene Ausschnitte wählt, wie man mit Ton und Licht Atmosphäre schafft, und wie viel Konzentration und Zeit es braucht, bis aus dem Rohmaterial die letzte Fassung geschnitten ist. Nicht nur ihre Texte fanden Eingang in den fertigen Film, sondern auch eigene Lieder und der selbst komponierte Musik­hintergrund.

Hartes Training, voller Einsatz

Auch der Tanzgruppe war schnell klar, dass nicht die Bewegungsfreude allein zählt. Die beiden Choreografinnen verlangten harte Disziplin und stundenlangen Einsatz bis zur Belastungsgrenze. Es ging nicht um das Einüben vorgeschriebener Schrittfolgen, sondern darum, ­eigene Bewegungen zu finden und Gefühle auszudrücken. Nach neun Jahren hinter Schulpulten eine enorme Herausforderung für alle. Wer allein über den Körper ausdrücken muss, was Hingabe bedeutet, muss alles einsetzen, was er hat, und schafft das nur mit absoluter Ehrlichkeit. Sonst wirkt es unglaubwürdig. Das ist wohl das Letzte, was man in diesem Alter sein möchte. Die Jugendlichen mussten sich öffnen – vor den Choreografinnen, vor den Filmemachern, vor ihren Mitschülern und nicht zuletzt auch sich selbst gegenüber.

Weder im Tanzstück noch im Film wurde versucht, Shakespeares Liebesdrama nachzuspielen. Stattdessen überlegten sich die Schülerinnen und Schüler, was die fünf Hauptthemen des Dramas – Liebe, Gangs, Familie, Freundschaft und Tod – in ihrem Alltag und für sie ganz persönlich bedeuten. Entstanden sind einzelne Szenen, die im Tanz ganz ohne Worte, im Film mit stilistischem Aberwitz und einer verbindenden Liveperformance gezeigt werden.

So entstand ein Abend aus zwei gänzlich unterschiedlichen, je 45 Minuten dauernden Teilen, denn der Film und das Tanzstück wurden unabhängig voneinander entwickelt und haben nichts miteinander gemeinsam, ausser Auf­führungsort und Thematik. Eine engere Zusammenarbeit hätte die Möglichkeiten des ohnehin schon aufwendigen Projekts gesprengt.

Wer allein mit dem Körper ausdrücken will, was Hingabe bedeutet, muss alles einsetzen, was er hat.

Die Jugendlichen, für die mit dem Schulabschluss auch ein neuer Lebensabschnitt beginnt, sind im Laufe der Proben zu jungen Erwachsenen gereift. Es ist ihnen nicht mehr peinlich, Gefühle zu zeigen, und vor allem sind sie zu starken Teams zusammengewachsen. «Wenn auch nur einer aus der Reihe fällt oder nicht aufpasst, sieht die ganze Szene scheisse aus», weiss eine Schülerin, von der man sich kaum noch vorstellen kann, dass sie nie im Leben auf einer Bühne stehen wollte.

Sie hätten sich gegenseitig immer stärker unterstützt, bestätigen alle Beteiligten – und davon profitiert, dass sie ebenso ernst genommen wurden wie die Profis aus dem Kulturbetrieb, mit denen sie zusammenarbeiten durften. Auch wenn oder gerade weil die jungen Laien und das professionelle Kulturschaffen nicht immer reibungslos zusammen­zubringen waren.

Der Traum von den 15 Minuten Ruhm, den Warhol einst als menschliches Bedürfnis deklarierte, scheint bei den ­Zürcher Teenagern längst an den erniedrigenden Szenen aus den TV-Casting-Shows zerschellt zu sein. Statt das Rampenlicht zu suchen, haben sie die Chance genutzt, über die Kulturarbeit ein Stück ihrer eigenen Persönlichkeit besser kennen zu lernen. Auch das sieht man im Ergebnis auf der Bühne und auf der Leinwand. Und das ist es, was niemanden cool lässt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2015, 00:21 Uhr

Die Jugendlichen sind während der Proben zu jungen Erwachsenen gereift: Szene aus «#Romeo_Julia». Foto: Sabina Bobst

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