Da sieht «Wallander» blass aus

Im Internet sorgt ein neuer Podcast für Furore: «Serial» erzählt die wahre Geschichte eines 15 Jahre alten, ungeklärten Mordfalls. Moderatorin und Zuschauer amten als Detektive.

Multimedialer Podcast: Karte mit involvierten Personen des Verbrechens, zu finden auf Serialpodcast.org.

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Es ist der 9. Februar 1999, und Hae Min Lee ist offiziell tot. Knapp vier Wochen nach ihrem Verschwinden findet ein Wartungsarbeiter die 17-jährige Highschool-Schülerin stranguliert und vergraben in einem Park in einer Vorstadtgemeinde ausserhalb von Baltimore. Als Täter kommt ihr Ex-Freund Adnan Syed infrage – er hat kein Alibi für die Tatzeit, und der Kronzeuge, ein Kumpel von ihm, sagt gegen ihn aus. Syed wird zu ­lebenslanger Haft verurteilt; er kommt in ein Hochsicherheitsgefängnis in Maryland, und der Fall wird zu den Akten gelegt. Bis die Journalistin Sarah Koenig 2013 einen Anruf von einer damals involvierten Anwältin erhält, die von der Unschuld Syeds überzeugt ist.

Koenig, Produzentin der beliebten US-Radiosendung «This American Life», beginnt zu recherchieren. Und stösst auf eine Story, die jeden «Wallander» blass aussehen lässt: Die Aussage des Kronzeugen hat grosse Lücken, wichtige Dokumente fehlen, Menschen ändern nach 15 Jahren ihre Aussagen, und eine Mitschülerin, die Adnan ein mögliches Alibi liefern wollte, wurde nie in den Zeugenstand gerufen. Der Mordfall hat das Zeug zum Justizskandal, jetzt muss er nur noch gut erzählt werden. Also macht Koenig mit dem Material, was sie am besten kann: Sie verwandelt es in einen Krimi fürs Ohr, holt das Podcast-Format aus der staubigen Ecke und erzählt ­damit ihre Geschichte Woche für Woche weiter. Jeden Donnerstag nimmt Koenig den Hörer an die Hand und führt ihn durch neue Erkenntnisse. Sie spürt alte Mitschüler auf, untersucht die lückenhaften Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, spricht mit Syeds Familie und immer wieder auch mit dem Verdächtigen selbst, der seine Unschuld beteuert.

Dabei ist sie meist nicht viel weiter als ihre Hörer; die journalistischen Nachforschungen laufen auch jetzt nach der neunten Folge noch. Das tut der Spannung des Podcasts keinen Abbruch, im Gegenteil: Innert kürzester Zeit wurde aus «Serial» der erfolgreichste Podcast der Welt. Jede Woche hören anderthalb Millionen Menschen Koenig bei ihren ­Ermittlungen zu; über fünf Millionen Menschen haben den Podcast auf iTunes heruntergeladen. Die Journalistin sieht den Erfolg gelassen: «Ich versuche ganz einfach, meine Arbeit zu machen und nicht in diesem Fall zu versinken», meinte sie zur «New York Times».

Zweifel sind auch dabei

Es ist die Angst vor dem Versinken, die der Hörer neben harten Fakten auch mitbekommt. Entgegen des hartgesottenen Ermittlerklischees, lässt Koenig die Hörer an ihren Zweifeln teilhaben, gibt zu, sich von Syeds sympathischer Art umschmeichelt zu fühlen und immer noch nicht zu wissen, wer der Täter ist. Es ist die kluge Form von persönlich aufbereitetem investigativem Journalismus, mit der die Radiojournalistin fesselt. Tatsächlich ist «Serial» wie ein Sog.

Kurz nach der Ausstrahlung der ersten «Serial»-Folge wurde auf der Online-Plattform reddit ein Forum gegründet, in dem sich bis heute 20'000 Menschen daüber austauschen und den Involvierten sogar Geld für bestimmte Aussagen geboten wird. Dazu kommt eine Anzahl von Karten, Zeitstrahlen und Fotos der Ermordeten. Was deren Familie von der Inszenierung hält, ist unklar. Bis jetzt ist Min Lees familiäres Umfeld noch nicht im Podcast aufgetaucht. Dafür meldete sich vor knapp zwei Wochen ihr angeblicher Bruder auf reddit. «Für euch ist es einfach ein weiterer Krimi, ein Drama, eine weitere Folge von CSI», schrieb er in einer Nachricht an die Community. «Für mich ist es das wahre Leben.»

Dass das wahre Leben traurigerweise letztlich doch die besten Geschichten erzählt, zeigt das Medienecho zu «Serial». Die Medien loben den Podcast in den höchsten Tönen, der «Guardian» spricht vom «grossartigsten Krimirätsel, das die Welt je gehört hat», und das Online-Magazin «Slate» hat einen Podcast über den Podcast lanciert, wo jeweils die neuen Folgen besprochen werden. «Was steckt hinter der grossen Podcast-Renaissance?», fragte das «New York ­Magazine» und nannte «Serial» als erfolgreichstes Beispiel. Die Frage, wie weit eine Journalistin bei der Nacherzählung eines Mordfalls gehen darf, geistert derweil still neben dem Hype her.

Für Adnan Syed könnte «Serial» den Weg in die Freiheit bedeuten. Weil seine damalige Anwältin die besagte Mitschülerin und wichtige Zeugin nicht in den Zeugenstand berufen hatte, soll es eine Revision des Falles geben. Rechtzeitig zum geplanten Podcast-Ende in zwei Wochen wird da aber wohl nicht viel passieren. Ein perfektes Ende sei sowieso nie der Plan gewesen, meint Koenig. «Es liegt nicht in meiner Verantwortung, Entertainment zu liefern wie ein Fernsehdrama», sagt sie. «Das ist nicht, was ich mache. Ich bin Reporterin.»

Erstellt: 02.12.2014, 17:59 Uhr

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