Dämmerung über dem verfressenen Europa

Das Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon ging in seiner 17. Ausgabe ans Lebendige: den Gefilmten – aber auch den Filmern.

Blickt aus kalter Distanz auf Europa, etwa aufs Münchner Oktoberfest: Der Dokumentarfilm «Abendland».

Blickt aus kalter Distanz auf Europa, etwa aufs Münchner Oktoberfest: Der Dokumentarfilm «Abendland». Bild: PD

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Für Luciano Barisone, den neuen Direktor des Dokumentarfilmfestivals Visions du Réel, wars gestern zum ersten Mal zu Ende. Er war einem in den paar Tagen fast schon vertraut geworden in seiner schüchternen Souveränität. Und man darf feststellen, dass das Reale der programmierten Visionen in Nyon überzeugt hat: in der radikalen Subjektivität vor dem Rätsel Welt (die manchmal winzig klein war); in der dramaturgischen Vielfalt; im Zweifel an der Wahrscheinlichkeit, diesem Knäuel aus Wahrheit und Interpretation.

Ein geradezu staunenswertes, irritierendes (und sogar ein wenig masochistisches) historisches Dokument zeigte der belgische Regisseur Hugues Le Paige. In «Le prince et son image», der im internationalen Wettbewerb für mittellange Filme lief – man hat sich dieses Jahr in Nyon erstmals diese Dreiteilung der «Compétition Internationale» aufgebürdet –, geht sich der Dokumentarfilmer ans eigene Leder.Ende der 80er-Jahre hatte Hugues Le Paige nämlich die gewiss schmeichelhafte Gelegenheit bekommen, den damaligen französischen Präsidenten François Mitterrand, diesen imagebewussten «Fürsten», als Beobachter zu begleiten: jahrelang und frei und im Stand der fürstlichen Gnade (fünf Mitterrand-Filme resultierten daraus). Aus Huld schien Vertrauen zu werden; kann sein, dass Mitterrand tatsächlich nie einen Dokumentarfilmer so nah an sich heranliess. Aber das vertrauensvolle Verhältnis endete, als eines der vielen Interviews dem beinah schon abgewählten Fürsten nicht ins Image passte.

Von Mitterand manipuliert

Eine Nachanalyse des ganzen Filmmaterials ergab nach Jahren, also heute: Es war eigentlich ein Geschäft auf Einseitigkeit. Der Beobachtete hatte Regie geführt und alle Arrangements des Wirklichen getroffen. Und der Beobachter – wie er heute lakonisch und ohne Selbstmitleid zugibt – ist darauf hereingefallen.

Le Paige lastet das nicht Mitterrand an, der ihn damals an der langen Leine führte innerhalb der fürstlichen Grenzen seines Bürgersinns. «Le prince et son image» ist kein Vorwurf, sondern ein autobiografischer Essay über einen, der die Macht filmisch in die Pflicht nehmen wollte und verführt wurde durch die Dekors der Macht. Und so ganz nebenbei ist es dann vielleicht doch eines der intimsten Porträts einer eminenten Figur der neueren europäischen Geschichte.

Zerbrechlichkeit der Wahrheit

Solche Widersprüche machen die Visions du Réel aus: das Bewusstsein von der Zerbrechlichkeit der Wahrheit im «Kino des Realen». Womöglich erklärt das auch eine gewisse Abneigung gegen die einfache «Erzählung» (man wird sich kaum an einen der einst beliebten Off-Kommentare erinnern in diesem Jahr) und einen Hang zu geradezu welt- oder mindestens Europa-umspannenden Assoziationen. Im Wettbewerbsfilm «Abendland» etwa – ein pompöser Titel: Er verbindet die Sonne der Aufklärung mit ihrem Untergang – kombiniert der Österreicher Nikolaus Geyrhalter in kalter Distanz einen funktionierenden Postverkehr mit dem Hühnchenverzehr im bayerischen Bierzelt, die babylonische Sprachverwirrung im Europaparlament mit dem Aufpäppeln von Frühgeburten und der Aus- und Abtreibung von ethnischen Minderheiten. In der letzten Szene teilt die Kamera eine Raver-Masse wie Moses das Rote Meer, und alles zusammen wird zum Panorama und Panoptikum eines verfressenen und eingemauerten Europas, über dem es dämmert. Das zeigt kulturkritische Haltung oder doch haltungsähnlichen Rhythmus. Aber vielleicht hatte jene Zuschauerin doch recht, die sagte, sie sehe vor allem eine rätselhafte, leicht zu verdauende Beliebigkeit.

Man redet in solchen Fällen gern über die formale Grenzüberschreitung. Bis man mit einer grenzüberschreitenden Konsequenz konfrontiert wird, die ans Lebendige geht. Der belgische Film «Épilogue» von Manno Lanssens zeigt, wie eine Frau an Krebs zugrunde geht. Im Grunde wars eine dieser konservativ-intimen, filmisch konzentrierten Langzeitbeobachtungen in Todesnähe, und am Schluss verstreuen Kinder die Asche einer Mutter unter einem keltischen Dolmen in Irland.

Die Frau stirbt wirklich

Vorher jedoch sah man nicht nur diese Frau dem Ende zugehen, sondern auch, wie ein plötzlich festgestellter Pankreas-Krebs ihren Mann immer weniger werden liess; und lang zu reden wäre von einer Inszenierung, die diesen Mann immer mehr beiseite schiebt und aus der Familie streicht, die ihrer Mutter, welche Sterbehilfe in Anspruch nahm, beim Sterben beisteht.

Aber schockierender ist, dass die Kamera dabei ist, als die Frau wirklich stirbt in einem Biedermeierbett im Wohnzimmer. Der Kopf sinkt plötzlich nach links, und es ist aus. Ein endgültiges existenzielles Faktum. Das macht jedes ästhetische Urteil lächerlich und sprachlos. Es bleibt nur die moralische Frage nach der Grenze zwischen Dokumentation und Obszönität. Und noch beunruhigender: nach der zwischen der Echtheit und dem echten Kitsch.

Erstellt: 14.04.2011, 07:40 Uhr

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