«Dann mach doch mal vorwärts»

Eine Journalistin und ein Journalist sagen, was der «Fifty Shades»-Film bei ihnen ausgelöst hat.

Der Trailer zu «Fifty Shades of Grey».


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Sie: ungeduldig

«Ich schlafe nicht mit jemandem. Ich ficke. Hart», sagt Grey. «Ja, dann mach doch mal vorwärts», denke ich. Aber vorerst kommt mal nur eine Krawatte zum Einsatz, um seiner Anastasia die Handgelenke zusammenzubinden. Dann müssen wir mit seinem Helikopter fliegen, ihm beim Klavierspielen zuhören und die Familien kennen lernen. Das mit dem Foltern beherrscht die Regisseurin deutlich besser als ihre angeblich sadistische Hauptfigur. Wenn ich nicht wüsste, dass da irgendwann diese für Hollywood heiklen Szenen kommen müssen, in denen zum puren Lustgewinn gefesselt, geschlagen, gequält und gelitten wird, ich hätte den Saal verlassen. Kitschige Liebes­geschichten zwischen unerfahrenen Mädchen und dunklen Rittern der Leidenschaft habe ich schon genug gesehen. Und bessere. Solche, die nicht aussehen wie ein endloser Werbespot für Parfüme, Autos und andere Luxusgüter. Solche, in denen ich nachvollziehen kann, warum die Frau sich ausgerechnet in den Typen mit der undurchdring­lichen Fassade verliebt. Wenn seine Hand dann endlich unter ihrer Bluse oder – Ja! Jetzt! – auf der Klinke zum geheimnisvollen Raum mit den verbotenen Spielzeugen liegt, klingelt sicher sein Telefon, oder die Mutter kommt rein, oder Anastasia findet: «Wir müssen reden.» Bitte nicht schon wieder. Ich muss jetzt ganz dringend aufs Klo.
Denise Bucher

Er: neidisch

Er joggt eisern frühmorgens, führt erfolgreich ein Mega-Unternehmen, pflegt nach dem Sex bittersüsse Sonaten auf dem Flügel zu spielen, hat Manieren, Moneten und einen Waschbrettbauch. Ich hasse Christian Grey. Solche Alleskönner setzen Normalos wie mich unter Druck. Vielleicht ists auch einfach nur Neid. Mit seinen 27 Jahren weiss Christian offenbar ganz genau, was er will, zweifelt nie. Wie er zum Beispiel gegenüber Anastasia sein ­eigenes Zimmer verteidigt, diesem ganzen weibischen Gekuschele von Anfang an den Riegel vorschiebt; da kann ich nur bewundernd zuschauen. Ich hab zu Hause nicht mal eine eigene Ecke zum Fussballgucken. Als sich aber im Laufe des Films beim Milliardär diese Abgründe auftun, freue ich mich hämisch. Ist doch nicht alles so super, hä?! Ich bin kein ­edler, geduldiger Zuschauer, ich gebs zu. Dafür sickert doch etwas zu viel Langeweile durch meinen kaum modellierten Körper. Denn auch die Szenen in Christians Spielzimmer (Lustig: Anastasia fragt zu Beginn: «Meinst du damit Xbox und so?») sind nicht besonders gewagt – das in Zeiten von Youporn und Lars von Trier. Ich kann, ganz ehrlich, sowieso mit diesem Peitschenzeugs nichts anfangen. Dafür mit der Darstellerin von Anastasia. Sehr hübsch. Vielleicht sollte ich mehr joggen.
Yann Cherix

Erstellt: 13.02.2015, 11:46 Uhr

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Denise Bucher ist freie Mitarbeiterin des «Züritipps». (Bild: zVg)

Yann Cherix ist Leiter des «Züritipps». (Bild: zVg)

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