Das Bestiarium des Herrn Katzenberg

Dieses Schwergewicht aus der Traumfabrik bringt Tieren das Sprechen bei: Dreamworks-Boss Jeffrey Katzenberg brachte seinen neuen Trickfilm «Kung Fu Panda 2» persönlich nach Zürich.

«Kung Fu Panda 2» ist der kleinste gemeinsame Nenner der chinesischen und der amerikanischen Populärkultur: Katzenbergs fetter Pandabär erobert als Kampfsportheld sowohl die westlichen wie auch die asiatischen Märkte.

«Kung Fu Panda 2» ist der kleinste gemeinsame Nenner der chinesischen und der amerikanischen Populärkultur: Katzenbergs fetter Pandabär erobert als Kampfsportheld sowohl die westlichen wie auch die asiatischen Märkte. Bild: Deamworks Animation LLC

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Das soll einer der mächtigsten Männer von Hollywood sein? Er wirkt klein und schmächtig, wie er die Bibliothek im Dolder Grand betritt. Er ist unauffällig gekleidet, schwarzer Pullover über weissem T-Shirt. Jeffrey Katzenberg, CEO von Dreamworks, ist eine mönchische Erscheinung und das Gegenteil von grossspurig. Drahtig, mit schmuckloser Brille und kahlem Schädel, erinnert er ein wenig an den Apple-Gründer Steve Jobs, aber ohne diese missionarische Verbissenheit.

Wenn Jeffrey Katzenberg ein Tier wäre, welcher Gattung gehörte er an? Die Frage behalten wir der Höflichkeit halber für uns, dabei wäre sie gar nicht so deplatziert. Schliesslich hat dieser Mann fast seine ganze Karriere mit sprechenden Tieren bestritten. Die Stars in seiner Filmografie sind Hasen und Löwen, Pferde und Pandabären, manchmal ein ganzer Zoo und immer wieder auch ein Fabelwesen, das man in keinem Biologiebuch findet.

«Shrek »als persönliche Abrechnung

In den letzten Jahren zeigt er ein Herz für übergewichtige Restexemplare der Tierwelt, und der schwerste Brocken, mit jeder Faser das pure Gegenstück zu Herrn Katzenberg, wurde zum grössten Goldesel für die Dreamworks-Studios. Der war laut und unanständig, ein furzendes, rülpsendes Ungetüm, unförmig und gar nicht schön anzusehen, aber trotz alledem äusserst liebenswert. Nicht nur hinter den Ohren war er grün, und sein Name war Shrek. Die Abenteuer mit dem untypischen Märchenhelden spielten in den Kinos dieser Welt märchenhafte 3 Milliarden Dollar ein. Rechnet man die Ergebnisse aller vier Filme zusammen, war und ist Shrek der erfolgreichste Trickfilmheld in der Geschichte des Kinos.Mit seinem charmant unflätigen Gebaren wirkte dieser Oger wie ein obszöner Gegenentwurf zu den zuckersüssen Galionsfiguren aus dem Hause Disney.

Man konnte Shrek deshalb auch als Katzenbergs persönliche Abrechnung mit Michael Eisner sehen, seinem langjährigen Ziehvater und CEO bei Disney. Eisner hatte ihn 1984 zu Disney geholt, um die serbelnde Trickfilmabteilung neu zu beleben. Katzenberg hatte damals keinerlei Erfahrung mit dem Animationsgeschäft, doch zehn Jahre später, nach Filmen wie «Little Mermaid», «Beauty and the Beast» und vor allem «The Lion King», stand der traditionsreiche Zweig der Disney-Trickfilme wieder in alter Blüte. Und mit Pixar hatte Katzenberg gleich auch die digitale Zukunft des Animationsfilms an Disney gebunden, noch bevor das Studio von Steve Jobs mit «The Toy Story» seinen ersten Hit landete.

Gib dich dümmer, als du bist

Dann, 1994, kam Eisners Vize bei einem Helikopterabsturz ums Leben, und Katzenberg als vermeintlicher Nachfolger wartete vergeblich auf seine Beförderung. Der ehrgeizige Kronprinz wurde abgesägt, den Rauswurf liess er sich mit einer Abfindung in dreistelliger Millionenhöhe vergolden. (Die Angaben schwanken zwischen 250 und über 300 Millionen Dollar.) Noch im gleichen Jahr gründete er zusammen mit Steven Spielberg und dem Musikunternehmer David Geffen die Firma Dreamworks SKG – eine Kampfansage an Disney.

Heute verliert er kein böses Wort mehr über die Konkurrenz, die einst seine Heimat war. Ärgern tut er sich dafür über die Trittbrettfahrer in Hollywood, die nach «Avatar» alle möglichen Blockbuster nachträglich auf 3-D umwandeln liessen. Auch Disney hat gesündigt: Im Herbst kommt «The Lion King», Katzenbergs erfolgreichstes Baby aus seiner Zeit bei Disney, in 3-D wieder in die Kinos. Für Katzenberg muss das ein Sakrileg sein – auch wenn er den Film nicht namentlich erwähnt. Laut wird er auch jetzt nicht, wenn er über die Studios klagt, die das Publikum mit lausig auf 3-D umgewandelten Filmen abgespiesen hätten. Die Folge davon: «Die Menschen haben das Vertrauen in 3-D verloren.»Dieses Vertrauen will Katzenberg mit Filmen wie «Kung Fu Panda 2» zurückerobern. Das Abenteuer um den dicken Panda, der mit mehr Glück als kampfsportlichem Verstand durch fernöstliche Dekors purzelt, ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie Hollywood neue Märkte kolonisiert. «Kung Fu Panda», das ist der kleinste gemeinsame Nenner der chinesischen und der amerikanischen Populärkultur, amalgamiert zu einem globalen Exportartikel. Aber dass der Pandabär als Kampfsportheld vor drei Jahren auch aus dem Kalkül heraus entwickelt wurde, den chinesischen Markt zu knacken? Da winkt Katzenberg höflich ab: «So schlau sind wir nicht.» Ein alter Hollywood-Trick: Gib dich dümmer, als du bist, nicht umgekehrt.

Action und Selbstfindung

«Kung Fu Panda? Wir wussten damals selbst nicht, was das sein könnte», sagt Katzenberg. «Also machten wir uns daran, das herauszufinden.» Wie er das erzählt, klingt es, als wäre Dreamworks ein Ideenlabor, das wie ein Spielplatz für erwachsene Kinder funktioniert. Bloss, den Filmen, die nach «Shrek» kamen, merkt man diese spielerische Fantasie nur mehr selten an. Auch bei «Kung Fu Panda 2» ist das so: Das ist ein Hindernislauf, der mechanisch zwischen ungestümer Action und gemütlicher Selbstfindung in Fernost wechselt. Kein Wunder, kursiert im Internet bereits ein Cartoon über die unterschiedliche Erzählkultur bei Dreamworks und bei Pixar, den beiden grössten Konkurrenten im Trickfilmgeschäft: Bei Pixar überbietet man sich gegenseitig mit Ideen, doch wenn es in einem Film von sprechenden Tieren mit vorwitzigen Faxen wimmelt – dann ist er von Dreamworks. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2011, 10:07 Uhr

Jeffrey Katzenberg
Der 60-jährige Produzent hat Shrek miterfunden. Kein anderer Trickfilmheld war je erfolgreicher.

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