Das Geheimnis des fremdsprachigen Oscars

Bei den Academy Awards werden neuerdings gerne die sperrigen Filme belohnt. Aber nur, wenn es ums amerikanische Kino geht.

Melodrama im Deckmantel eines Edelkrimis: «El secreto de sus ojos».

Melodrama im Deckmantel eines Edelkrimis: «El secreto de sus ojos». Bild: PD

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Fast jedes Jahr bei den Oscars gibt es diesen Augenblick, da man realisiert, dass Hollywood, von Europa aus gesehen, eben doch auf einem anderen Planeten liegt. Diese Erkenntnis hat nichts mit dem überirdischen Glamour der Traumfabrik zu tun, denn sie überkommt uns in einem Moment, der in aller Regel beiläufig und ohne die Hysterie des Starwesens über die Bühne geht. Es ist der Augenblick, wenn der Oscar für den besten fremdsprachigen Film verkündet wird.

In diesem Moment sind die prestigeträchtigsten Preise der Filmkunst plötzlich nichts mehr wert. Selbst die Goldene Palme des Filmfestivals von Cannes scheint bei den Oscars eher eine Hypothek zu sein: 2009 wurden «La classe» und der Animationsfilm «Waltz with Bashir» als Favoriten gehandelt, beide preisgekrönt in Cannes und gefeiert von der internationalen Kritik. Nur die Academy in Hollywood zeigte sich unbeeindruckt und zeichnete das brave japanische Drama «Departures» aus.

Ein Beamter im Ruhestand

Der Überraschungseffekt wiederholte sich auch in diesem Jahr. Für die Beobachter schien klar: Die Academy würde sich zwischen den zwei grossen Siegerfilmen von Cannes entscheiden müssen, Michael Hanekes «Das weisse Band» und dem packenden französischen Gefängnisthriller «Un prophète». Abermals rieb man sich die Augen, als in der Oscarnacht ein Gewinner ausgerufen wurde, der bis dahin nur in seiner Heimat in Argentinien für Furore gesorgt hatte.

Der Gewinner heisst «El secreto de sus ojos», er startet diese Woche in den Schweizer Kinos, und inzwischen weiss man: Von den fünf Filmen, die für den Oscar nominiert waren, hat Hollywood den gefälligsten ausgezeichnet. Ricardo Darín spielt darin einen Gerichtsbeamten im Ruhestand, der unter die Literaten gehen will – mit einem Roman über einen eigentlich geklärten Mordfall von 1974, der ihm dennoch keine Ruhe lässt. Mehr als die tote Frau von damals treibt ihn die verhinderte Liebe zu seiner Vorgesetzten um, der er über zwanzig Jahre später immer noch nachtrauert.

Edelkrimi als Melodrama

Es ist ein Melodrama unter dem Deckmantel eines Edelkrimis, was Regisseur Juan José Campanella («El hijo de la novia») da aufführt. Auf der Suche nach einer endgültigen Klärung des Falls fahndet der Beamte vor allem nach Antworten für sich selbst – nach einer Katharsis für sein verpasstes Leben. Symbolisch dafür steht eine alte Schreibmaschine, bei der ein Buchstabe klemmt. Warum? Der fehlende Buchstabe wird ihm am Ende den Schlüssel zur Liebe liefern.

«El secreto de sus ojos» ist ein Erwachsenenfilm nach Hollywood-Lehrbuch. Der Plot ist so clever in Rückblenden gebaut, dass er die Neugier bis zur letzten Wendung wach hält. Das politische Klima unter Perón wird angetippt, bleibt aber blosse Tapete für die private Passion. Die Räume sind in geheimnisvolles Dunkel getaucht, und die Bilder sind so gepflegt, dass selbst eine Frauenleiche wie ein blosses Dekorationselement wirkt. Dem Protagonisten schliesslich steht ein schrulliger Säufer zur Seite, der das Selbstmitleid des Helden mit der nötigen Komik kompensiert.

Schon seltsam: Wenn es um das amerikanische Kino geht, werden neuerdings gerne Filme mit Oscars überhäuft, die mehr oder weniger radikal mit den ästhetischen Geboten Hollywoods brechen. Da triumphiert die erbarmungslos lakonische Brutalität von «No Country for Old Men», da wird der energetische Ethno-Chic von «Slumdog Millionaire» oder der spartanische Naturalismus des Krieges in «The Hurt Locker» gefeiert. Aber beim fremdsprachigen Oscar herrscht weiter der konservative Geist, der die gelungene Vermeidung von Langeweile für die grösste Kunst hält.

Ein Panorama der Gewalt

Auch Juan José Campanella wartet genau zur Hälfte seines Filmes mit einer atemraubend choreografierten Sequenz auf. Sie setzt im Nachthimmel hoch über einem Fussballstadion ein und endet mehrere Minuten später, scheinbar ohne Schnitt, mit einer Verfolgungsjagd in den Katakomben des Stadions. Es ist die spektakulärste Passage des Films, aber sie hat keinen anderen Zweck, als zu beweisen, was der Regisseur alles draufhat. Die ganze Szene wirkt, als hätte man sie aus einem anderen Film gezügelt.

Keine einzige solche Szene gibt es im israelischen Film «Ajami», der ebenfalls für den fremdsprachigen Oscar nominiert war. Der Zufall will es, dass beide Filme gleichzeitig in die hiesigen Kinos kommen. Sehenswert sind sie beide. «El secreto de sus ojos» ist das geschliffenere Werk, aber «Ajami» ist ambitionierter. Angesiedelt im gleichnamigen Quartier von Jaffa, entwirft der Film ein zersplittertes Panorama der Gewalt zwischen Muslimen, christlichen Arabern und Juden.

Die Entstehungsgeschichte von «Ajami» klingt wie ein Seminar zur interkulturellen Verständigung: Zwei junge Regisseure, der eine ein Jude, der andere ein arabischer Christ, entwickelten in einem fast einjährigen Schauspiel-Workshop mit 300 Laien ihr Ensemble der Figuren. Der Film selbst ist ein Drama von roher emotionaler Wucht, das von Versöhnung kaum zu träumen wagt. Dabei zielt «Ajami» nicht auf die grosse Eskalation, sondern auf die kleinen Konflikte, die sich ausserhalb der Schlagzeilen täglich entladen. Mit einem früheren Oscar-Gewinner gesprochen: «Ajami» ist die israelische Antwort auf «Crash», aber ohne dessen klebriges amerikanisches Pathos.

Im Übrigen gibt es vielleicht eine ganz simple Erklärung dafür, weshalb der fremdsprachige Oscar dann doch an «El secreto de sus ojos» hängen blieb: Juan José Campanella arbeitet seit zwanzig Jahren hauptsächlich in Los Angeles, vor allem als Auftragsregisseur für amerikanische TV-Serien wie «Law & Order» und «House». Der Oscar ging nach Argentinien, weil er damit in Hollywood blieb.

Erstellt: 18.08.2010, 08:33 Uhr

Die Filme

«Ajami» läuft ab Donnerstag im Kino.

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