Das Grauen! Das Grauen!

Die neue Fernsehserie «True Detective» ist eine fiebrige Mischung aus Philosophie und Metaphysik. Zwei Polizisten ermitteln in einem Serienmord – und laufen selber dem Untergang entgegen.

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Die Prostituierte, die nackt mitten in einem Kornfeld in Louisiana liegt, trägt eine Krone aus Hirschgeweih auf dem Kopf. Am Fusse eines Baumes angebunden, ist sie mit geritzten Symbolen und Ligaturen übersät.

Zugegeben, die Ausgangslage von «True Detective» ist trotz der schön drapierten Leiche altbekannt: Zwei Polizisten finden eine junge Frau, die offenbar einem Ritualmörder zum Opfer gefallen ist. Was dann aber folgt, hebt das Krimigenre auf eine neue Ebene und hat «True Detective» zur meistdiskutierten Serie des Jahres gemacht. Denn neben der obligaten Schnitzeljagd und den raffiniert konstruierten Spannungsbögen wird auch eine grosse Erzählung geboten – eine Reflexion über persönliche Obsessionen und Sündenfälle.

Welche Version stimmt?

Die Serie spielt auf zwei verschiedenen Zeitebenen. 1995 ermitteln die Polizisten Marty Hart und Rust Cohle im Fall der ermordeten Prostituierten und weiteren Opfern ihres Peinigers. Sie stossen auf eine Verbindung von okkulten Kinderschändern, in deren Dunstkreis sich auch Politiker und Kirchenmänner bewegen. Im Jahr 2012 sehen wir die gleichen Polizisten, wie sie von zwei anderen Beamten verhört werden. Offenbar hatten Hart und Cohle den Fall damals gelöst, doch an ihrer Version des Ermittlungsverlaufs bestehen heute Zweifel. Hatten sie wirklich den richtigen Mörder geschnappt? Jedenfalls sterben wieder junge Mädchen.

Eine weitere grosse Frage lautet: Was ist mit Rust Cohle passiert? Der Polizist ist ein Schatten seiner selbst – und das heisst etwas. Bereits 1995 wird er als eigenbrötlerischer Skeptiker gezeigt, der in einer unmöblierten Einzimmerwohnung haust. Ein hochintelligenter Eremit, der seinen Nihilismus noch mehr verachtet als seinen Pessimismus. Trotzdem kann er nicht anders, als seinem Compagnon, dem geerdeten Familienvater Hart, seine Lieblingsautoren Nietzsche und Ligotti um die Ohren zu hauen. Obwohl er das gar nicht nötig hätte, denn Cohles eigene Weltsicht ist düster genug: «Wäre unsere Spezies ­ehrenhaft, würde sie die Fortpflanzung aufgeben und Hand in Hand Richtung Auslöschung marschieren.»

Spektakuläre Transformation

17 Jahre später ist aus dem genialen Aussenseiter ein Wrack geworden, der wohl kaputteste TV-Polizist seit Jahren. Die Wangen sind eingefallen, das Haar strähnig. Zwar ist die Misanthropie noch da, aber seine obsessive Art ist Resignation gewichen. «An meinen freien Tagen», sagt Cohle zu den Polizisten, die ihn befragen, «fange ich mittags an zu trinken. Ihr werdet das nicht unterbrechen.» Dann öffnet er die erste von vielen Dosen Bier. Auch Marty Hart ist im Jahr 2012 ein gebrochener Mann. Er ist aufgedunsen, seine Frau hat ihn mitsamt den Kindern verlassen. Er arbeitet jetzt bei einer Sicherheitsfirma.

Die Charakterzeichnung und Transformation von Cohle (Matthew McConaughey) und Hart (Woody Harrelson) ist spektakulär. Die Schauspieler sind perfekt ausgewählt, beide zeichnet von Natur aus eine schäbige Gleichgültigkeit aus, die perfekt zu der kunstvoll verrottenden Gegend Louisianas mit ihren ­alten Raffinerien und staubigen Landstrassen passt. In der Serie kommt eine Sturheit dazu, die man vorschnell als Dummheit einstuft. Oft sitzen die beiden Polizisten schweigend in ihrem Dienstwagen, endlos unterwegs auf ihren Ermittlungen, die vollkommen ins Leere zu laufen scheinen. Passend zu dieser Langsamkeit laufen im Soundtrack die düsteren Country-Klänge von T Bone Burnett. Unaufgeregte Aufnahmen und Schnitte unterstreichen den meditativen Ton der Geschichte.

Ein Autor, ein Regisseur

«True Detective» ist eine überwältigende ästhetische Erfahrung, deren einziger Makel es ist, nicht auf einer Kinoleinwand ausgestrahlt zu werden – nur schon wegen der brillanten Arbeit des Kameramanns. In einer Szene, die TV-Geschichte schreiben wird, begleitet er während sechs ungeschnittener Minuten eine Verfolgungsjagd durch verschiedene Häuser, inklusive Schiessereien und einer Entführung. Die spektakuläre Szene hat auch dramaturgisch ihre Berechtigung: Der Zuschauer erlebt, wie die bis anhin korrekten Polizisten Cohle und Hart auf einen Schlag mehrere Dienstregeln brechen und unsere Ahnung bestätigen: Die beiden sind unzuverlässige Erzähler, ihre Version der damaligen Geschehnisse ist falsch.

Überhaupt verdankt «True Detective» viel von seiner Faszination der Form. Im Unterschied zu den meisten anderen ­Serien wird nämlich über acht Folgen eine abgeschlossene Geschichte erzählt. Noch wichtiger war die Entscheidung des produzierenden Senders HBO, je nur einen Drehbuchautor (Schriftsteller und Philosoph Nic Pizzolatto) und Regisseur (Cary Fukunaga) zu verpflichten. Die beiden hatten so die Möglichkeit, ihre eigene Welt, ihren eigenen Ton zu finden und über die ganze Serie zu etablieren: Es ist eine fiebrige Mischung aus Philosophie und Metaphysik. «True Detective», heisst es von feministischer Seite, sei frauenfeindlich. Tatsächlich prangert die Serie das zerstörerische, frauenverachtende Element in der patriarchalen Gesellschaft an – und produziert selbst am Laufmeter Frauenfiguren, die dünn sind wie Papier. Oder ist das Kalkül? Nachdem männliche ­Antihelden in Serienklassikern wie «Breaking Bad» oder «Mad Men» jahrelang Hochkonjunktur hatten, zelebriert «True Detective» nun schamlos klassisches Heldentum: Mut, Kraft, Ausdauer – inklusive Prüfung, Erlösung und einer zünftigen Portion Pathos.

Forschungsreise ins Unterbewusste

Doch in Zeiten, da sich praktisch jede Fernsehserie auch als Kommentar auf gesellschaftliche Entwicklungen versteht, ist «True Detective» erfrischend anders. Auf Bezüge zum Hurrikan Katrina und die desolate Wirtschaftslage wird trotz des Handlungsorts in Louisiana ebenso verzichtet wie auf Gender-Analysen. Sowieso wirft die Serie mehr Fragen auf, als sie Antworten bereithält. Verändert die Zeit den Menschen? Können sich Menschen überhaupt ändern? Was bedeutet es, Mensch zu sein? Wie im Roman «Heart of Darkness» von Joseph Conrad, mit dem die Serie die unheilvolle Stimmung gemeinsam hat, gleichen alle Bemühungen der Protagonisten einer Forschungsreise ins Unterbewusste. Und wie bei Conrad führt das Entdeckte zuletzt zu einem Klageschrei existenzialistischer Einsamkeit: Das Grauen! Das Grauen!

«True Detective» läuft zurzeit auf dem Bezahlsender« Sky Atlantic».

Erstellt: 26.04.2014, 07:03 Uhr

Video

Der offizielle HBO-Trailer zu «True Detective»

Video

Matthew McConaughey über «True Detective»

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