Das Lächeln der Täter

Als Zeugnis eindringlich, als Film nur teilweise geglückt: «Das Kongo Tribunal» von Milo Rau wurde in Locarno gezeigt und gefeiert.

Milo Rau gibt der Bevölkerung des Kongo eine Stimme: Szene aus dem Film «Das Kongo Tribunal». Foto: PD

Milo Rau gibt der Bevölkerung des Kongo eine Stimme: Szene aus dem Film «Das Kongo Tribunal». Foto: PD

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Nimmt man die klugen Fragen aus dem Publikum als Indiz, scheint Milo Rau mit seinem neuen Dokumentarfilm sein wichtigstes Ziel erreicht zu haben: den Zusammenhang zwischen den lokalen Massakern im Osten des Kongo und den internationalen Verflechtungen von Rohstofffirmen und ihren Verbündeten erklärt zu haben. Das Premierenpublikum in Locarno fragt auch nach der Mitverantwortung der Schweiz, die sich massiv am Gold- und Diamantenhandel beteiligt, es fragt aber auch nach der Mitschuld von afrikanischen Ländern selber, nach den geschürten ethnischen Konflikten, welche die Überfälle auf Dörfer auslösen.

«Das Kongo Tribunal», ein aus insgesamt 250 Stunden Material geschnittener, von einem fiktiven Prozess mit realen Personen strukturierter Dokumentarfilm, leistet noch etwas anderes, und das hat für die kongolesische Bevölkerung die grösste Bedeutung: den Minenarbeitern und Bäuerinnen, den Anwälten und Priestern, den Müttern und Männern eine stellvertretende Stimme zu geben.

Die UNO-Truppen kamen nicht

Da ist die weinende Frau in einem Dorf, umgeben von Leichen nach einem Massaker; der Student, der im Gerichtssaal einen Minister mit seinen Erlebnissen konfrontiert (und seit den Dreharbeiten verschwunden ist); der ehemalige Rebellensoldat, der seine Taten rechtfertigt oder abstreitet; der Anwalt des Mineralienkonzerns, der die Fragen zur Mitschuld seines Arbeitgebers wortreich ignoriert; der junge Mann, der vergeblich die nahe stationierten UNO-Truppen zum Einsatz bewegen wollte, während seine Mitbewohner massakriert wurden. Sechs Millionen Menschen sind in den letzten knapp zwanzig Jahren im Kongo gestorben, Tausende weitere seit dem Ende der Dreharbeiten.

Eine Stärke von Milo Raus Dokumentation: wie er darin die Gesichter, die Sprache und Körpersprache der Leute im Gerichtssaal und der Ankläger auf der Bühne zeigt, den Zorn der einen und die Herablassung der anderen, die Kombination von Fassungslosigkeit und Verachtung. Zwei Minister treten auf, runde, alte Männer. Sie lächeln milde bei der Befragung, ihre Lügen klingen entspannt. Nichts von dem, was ihre Untertanen über Enteignung, Vertreibung, Korruption, Vergewaltigung und Mord erzählen oder ihnen vorwerfen, scheint sie etwas anzugehen. Das Massaker habe nachts stattgefunden, sagt ein Minister einmal, die Polizei sei aber nur für den Einsatz am Tag ausgebildet; fast kommt es einem vor, als glaube er sich selber.

Unnötige Szenen

Als Zeugnis eines Kriegs, von dem niemand wissen will und bei dem internationale Firmen, die Weltbank, die EU, die USA und viele andere eine Mitverantwortung tragen, geht einem «Das Kongo Tribunal» nahe und schockiert. Als Film ist die Dokumentation nur zum Teil geglückt. Anders als «Cleveland versus Wallstreet», das fiktive Tribunal von Jean-Stéphane Bron aus dem Jahr 2010, bleibt Raus Film ästhetisch glanzlos und ermüdet auf die Dauer mit der schieren Menge seiner Gesprächspartner. Allerdings mussten Rau und sein Team unter viel schwierigeren Umständen drehen und hatten eine weit grössere Beweislast zu bewältigen.

Schwerer zu verstehen ist, warum der Film mehrere unnötige Szenen enthält, zumal bei einer solchen Materialmenge. Dazu gehört der umständliche Anfang des Films, dazu gehören auch die peinlich häufigen Auftritte des Regisseurs im ersten Filmdrittel. Rau drehte zudem ein zweites Tribunal in Berlin, um den internationalen Charakter der kongolesischen Gewalt zu verdeutlichen; doch die Filmausschnitte daraus bringen zu wenig.

Dennoch und zu Recht dankte Justizministerin Simonetta Sommaruga Milo Rau für seinen Film. Die Schweiz wolle das Aktienrecht reformieren, sagte sie auf seine Kritik, «Rohstofffirmen müssen ihre Zahlungen an Regierungen offenlegen»; das sei, kommentierte sie selber, «ein kleiner Beitrag».

Milo Rau: «Das Kongo Tribunal.» D/CH 2017, 100 Minuten. Der Film wird im Rahmen der «Semaine de la Critique» heute um 18.30 Uhr in Locarno gezeigt (L’altra Sale). Er kommt im November in die Kinos.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2017, 21:10 Uhr

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