Das Märchen von Akilandia

Aki Kaurismäki erzählt im Spielfilm «The Other Side of Hope» von einem syrischen Flüchtling in Helsinki.

Von der Trübsal des Lebens: Szene aus «The Other Side of Hope». Foto: Filmcoopi

Von der Trübsal des Lebens: Szene aus «The Other Side of Hope». Foto: Filmcoopi

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«Akilandia» nennt die Filmgeschichte dieses ganz spezifisch kaurismäkische Finnland zwischen Gegenwart und ­widerborstiger Nostalgie. Eine Liste all der Eigenschaften, die einen Film von Aki Kaurismäki ausmachen, enthielte ­gewiss folgende akilandischen Werte: den Anstand, den die menschliche ­Natur der unanständig gewordenen Kultur entgegensetzt. Das unweinerliche Verhältnis der Akilandier zur Welt. Ihre oft in den Schmutz getretene, aber nie ­beschmutzte Würde. Die wortkarge Freundlichkeit, die dem unfreundlichen Leben abgezwungen wird. Und die all­gemeine Raucherlaubnis.

Die Freundlichkeit jedoch ist der Kern. Sie hat nichts Sentimentales, sie sieht nicht einmal immer freundlich aus und benimmt sich manchmal recht ruppig. Aber sie ist das Wesen des märchenhaften Sozialvertrags unter Kaurismäki-Figuren. Sein Sinn ist der achtsame ­Umgang mit Menschen und Dingen. Und sein Geist verlangt, dass man einander nicht verkommen lässt.

In allen Filmen war das so – auch damals schon, als die gelassene Unweinerlichkeit noch gern mit Zynismus verwechselt wurde. Es war, es ist das Gegenteil von Zynismus: eine fast kindlich eigensinnige Empathie. Sie ist weichherziger geworden mit den Jahren. Aki Kaurismäkis letzter Film, «Le Havre» (2011), der erste einer geplanten Trilogie der praktischen Menschlichkeit, geriet ihm geradezu sanft. Und nun, in «The Other Side of Hope», der mit dem Silbernen Bären von Berlin ausgezeichneten ­Geschichte des syrischen Flüchtlings Khaled, ist der ohnehin liebenswürdige Kaurismäki auf dem Gipfel seiner Liebenswürdigkeit.

Es ist schon fast Kitsch, mag man denken. Aber das hat man bei «Le Havre» auch gedacht, und die lapidare Selbstverständlichkeit des Anstands und die verspielte Ironie einer stilistischen Antiquiertheit («Vintage» ist bei Kaurismäki ja nicht Ornament, sondern Seele) haben dann doch den Unterschied ausgemacht zwischen dem Kitsch und dem trotzigen «Justament» eines Wunschdenkens.

Gegen alle Vernunft

Sie machen ihn auch in «The Other Side of Hope» aus. Denn es könnte ja sein, dass die andere Seite der Hoffnung dort ist, wo sich erfüllt, was man hoffte – zwar nicht ganz so, wie man es gehofft hat, aber erträglicher als befürchtet. ­Darauf läufts hinaus vom Augenblick an, als sich im Hafen von Helsinki ein Mann aus einem Kohlehaufen schält: Khaled (Sherwan Haji), nachtschwarz eingestaubt und ungebrochen. Es ist eine von Kaurismäkis meisterlichen, surreal realistischen Expositionen. Da machen sich gewissermassen der Wirklichkeitssinn und der Möglichkeitssinn auf ihren Weg. Einige Abzweigungen führen natürlich in die finnische Flüchtlingsrealität, für die Kaurismäki nicht blind ist. Aber die Hauptstrasse führt ins Märchen von Akilandia.

Dort ist Zufall Schicksal, und es kreuzen sich andere Wege mit dem von Khaled. Der von Wikström (Sakari Kuosmanen) vor allem, dem Hemdenverkäufer, der es mit seiner Frau nicht mehr aushält und deshalb sein Hemdenlager verkauft; in einem grimmig coolen Pokerspiel erspielt er sich das Geld, um in die Gastronomie einzusteigen, von der er nichts versteht. Denn auch das gehört zu den akilandischen Prinzipien: jenes «Justament» gegen alle Vernunft, so lange, bis es vernünftig scheint und womöglich sogar wird, weil das Leben auch seine fairen Momente hat.

Kein Weichzeichner

Dieser Wikström also, sturer Kopf und Patron anderer sturer Köpfe, betreibt sein Restaurant ohne das rechte Talent (wir erwähnen nur: Sushi aus eingelegtem Salzhering). Aber sie kommen alle doch über die Runden und haben Suppe, Raum und Arbeit für Khaled, der vor seiner legalen Abschiebung in die ­Illegalität abgetaucht ist. Nicht weil das nun vernünftig wäre, sondern weil es sich so gehört nach den Massstäben des ethischen Instinkts.

Inszeniert ist das unfeierlich und mit schwermütiger Fröhlichkeit. Weichgezeichnet darf man es sich allerdings nicht vorstellen. Das wäre nicht Kaurismäki, wenn da nicht eine tiefe Ahnung von der Trübsal des Lebens wäre. Von der Schwermut beispielsweise, die auf Aki­landia pfeift und zu rassistischen Messerstechereien neigt. Und doch bleibt in «The Other Side of Hope» dies: der Sieg einer optimistischen Hartnäckigkeit über die hartnäckige Kälte der Zeit. Selbst wenn «siegen» nur bedeutete, dass kein Raucher einem anderen eine Zigarette verweigert.

In Zürich ab 30.3. im Arthouse Piccadilly. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.03.2017, 18:01 Uhr

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