Das Schweizer Idyll kommt aus dem Dschungel

Unsere Sehnsucht nach dem einfachen Leben hängt mit dem Kolonialismus zusammen. Das zeigen die Kinofilme «Bruno Manser» und «African Mirror».

Sven Schelker spielt den Basler Umweltaktivisten Bruno Manser im gleichnamigen Spielfilm. «Ohne mich sind sie schutzlos», schreibt er über das Nomadenvolk der Penan in sein Tagebuch. Foto: Thomas Wüthrich/Ascot Elite

Sven Schelker spielt den Basler Umweltaktivisten Bruno Manser im gleichnamigen Spielfilm. «Ohne mich sind sie schutzlos», schreibt er über das Nomadenvolk der Penan in sein Tagebuch. Foto: Thomas Wüthrich/Ascot Elite

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In seinem berühmten Aufsatz «Die Schweiz zwischen Ursprung und Fortschritt» schrieb der Germanist Peter von Matt von einem Traum, der tief in der Seele des Landes stecke. Es ist der Traum vom friedfertigen Leben in der ursprünglichen Natur. Mit der Lebensrealität in der Schweiz hatte diese Fantasie nie viel zu tun, aber als kollektives Bild vom Ursprung entfaltet sie bis heute eine grosse Wirkung.

Mittlerweile gibt es ein Update aus der postkolonialen Forschung zu diesem Thema, das sich anhand von «Bruno Manser: Die Stimme des Regenwaldes» von Niklaus Hilber gut illustrieren lässt. Die Schweizer Produktion hat sechs Millionen Franken gekostet und läuft ab Donnerstag in den Kinos.

Der Basler Umweltschützer Bruno Manser lebte von 1984 bis 1990 mit den Waldnomaden der Penan auf Borneo und gilt seit 2005 als verschollen. In der Schweiz ging er zuvor als Schafhirt in die Bündner Alpen, auf Flucht vor der «Zuvielisation».

Bruno Manser, der «weisse Penan», mit Blasrohr auf Borneo. Foto: Filmcoopi

Als er später im Dschungel Brei aus dem Sagobaum mischte und mit dem Blasrohr jagte, erlebte er die durch die Holzindustrie bedrohten Penan im Urwald von Borneo als ein «äusserst liebenswertes Volk», dem «Streitigkeiten um Besitz gänzlich unbekannt» seien. Verglichen damit hätten die Grossstadtmenschen immer weniger Zeit und schauten trotz zivilisatorischen Errungenschaften unglücklich drein.

Für den Spielfilm wurde ein monatelanges Casting mit über 400 Penan durchgeführt. Auf Borneo betrieb das Team aufwendige Recherchen und reiste an vielen Palmölplantagen vorbei, um noch ein Stück Regenwald zu finden. Gehalten ist der Film in einer schwer romantischen Ästhetik, welche die Vorstellung vom naturnahen Urvolk potenziert und Manser eine Anführerrolle andichtet, die er nicht immer hatte.

Eine Szene zeigt eine Strassenblockade Mitte der 80er-Jahre gegen die Holzfäller. Manser geht voran, im Hintergrund stehen die Penan mit nichts als Lendenschürzen bekleidet. Auf Fotos aus der Zeit tragen viele Bewohner in Wirklichkeit Hosen und T-Shirts, gewisse Gruppen lebten schon damals sesshaft in Langhäusern.

Ausgezogen: Strassenblockade der Penan Mitte der 80er (links) und die Szene im Film, die um die gleiche Zeit spielt. Fotos: Bruno Manser Fonds/Thomas Wüthrich

Kino darf das natürlich. Aber «Bruno Manser» will grosses Abenteuerkino sein, weshalb der Film die Schweizer Fantasie vom Naturzustand so richtig dick aufträgt. Es geht um Mansers Kampf, aber was wir vor allem sehen, sind unsere Projektionen vom urtümlichen Land.

In der postkolonialen Forschung nennt man es ein «koloniales Imaginäres». Auf diesem Feld arbeiten seit einigen Jahren jüngere Schweizer Historiker und Historikerinnen, indem sie die Schweizer Geschichte im imperialen Kontext aufspannen und fragen, wie koloniale Vorstellungen in Alltag und Popkultur fortbestehen.

Die Hirten von anderswo

Dabei wird auch der nationale Traum vom freien Leben in den Bergen aufdatiert. Laut ETH-Historiker Bernhard C. Schär verbastelte sich die Schweiz ihre Identität als Alpenvolk nämlich in jener Zeit, als durch die europäischen Eroberungen in Südamerika, Afrika und Asien das Bild von «rückständigen» Hirten konstruiert wurde.

Die Schweizer Fantasie vom Berglerleben war folglich verwickelt in die Frage des Kolonialismus. Denn erst im Abgleich mit eroberten und erforschten Menschen entstand das mächtige Selbstbild: dort die «Primitiven», hier die friedliebenden Schweizer Sennen.

In «Bruno Manser» werden die Penan überhöht, werden uns Sehnsüchte vom Naturzustand zurückgespiegelt, und da gibt es immer einen Unterschied zwischen «entwickelt» und «naturnah».

Die an der Universität Bern lehrende Kulturwissenschafterin Patricia Purtschert ist Mitherausgeberin des Sammelbands «Postkoloniale Schweiz». Sie sagt, dass es in der zivilisierten Welt eine Sehnsucht nach dem Verlorenen gebe, weshalb man in der Schweiz nie davor zurückgeschreckt sei, kolonialisierte Menschen zu instrumentalisieren. «Man hat sie idealisiert, über Inszenierungen, die durch koloniale Strukturen und Machtverhältnisse geprägt waren.»

Der Schweizer René Gardi fand im kolonialisierten Nordkamerun eine «immense Freiheit»: Szene aus «African Mirror». Video: PD

So richtig schwärmerisch waren die Bilder des Berner Reiseschriftstellers René Gardi (1909–2000), der mit seinen Fotobänden und Fernsehauftritten den Schweizern ab den 50er-Jahren Afrika erklärte. Regisseur Mischa Hedinger hat über ihn einen bestechenden Dokumentarfilm gedreht, der nächste Woche in den Kinos startet.

«African Mirror» besteht nur aus Filmaufnahmen, Fotos und Kommentaren René Gardis. Wenn Gardi in den 50er-Jahren über die Bewohner in den Mandarabergen in Nordkamerun redet, fragt man sich mehr als einmal, ob man richtig gehört hat. «Manchmal wünschte ich, wir Schweizer hätten auch irgendeine Kolonie in den Tropen», sagt er. Wäre es nicht interessant, wir könnten zeigen, wie wir diese «Probleme» anpacken würden?

Gardi filmte im von den Franzosen beherrschten Kamerun nackte und schwitzende Schwarze bei der Arbeit an Hochöfen. Er sah auch einige Parallelen mit Schweizer Berglern. An beiden Orten lebten «wahre Demokraten» in einem «Land ohne Komplexe», «innerlich freie» Menschen, die sich nicht um Dinge wie Rendite kümmern müssten.

Abwertung durch Überhöhung

«African Mirror» zeigt, wie eng verschlungen der Schweizer Ursprünglichkeits-Traum und das koloniale Denken tatsächlich sind. Und wie stark die Frage der Zugehörigkeit mit Vorstellungen des Unzivilisierten zusammenhängt. Der lapidare Ton, mit dem René Gardi in der Fernsehsendung «Gardi erzählt» über die Wilden plaudert, hat sich heute in einen Alltagsrassismus verwandelt, der mit unschuldiger Neugier wissen will, woher jemand mit dunkler Haut «wirklich» kommt.

Gardi stellte sich noch dann über die dargestellten Menschen, wenn er sie zu verstehen versuchte. «Es gibt eine Schweizer Tradition, zu der auch René Gardi gehört, die eng verbunden ist mit westlichen Vorstellungen von Wildnis», sagt Kulturwissenschafterin Patricia Purtschert. Man überhöhe die «Wilden» und werte sie gleichzeitig als «Primitive» ab.

Als Kamerun die Unabhängigkeit erreicht, sieht Gardi sein Naturvolk von westlichem Konsumkitsch überschwemmt. So ein Afrikaner mit zeitgenössischem Krempel, das geht ja nun wirklich nicht. «Bruno Manser» erzählt etwas Ähnliches, dort gibt es entweder nackte Penan oder zivilisierte Penan, die der Staat zu Motorrad und Waschmaschine gezwungen hat.

Bruno Manser (Sven Schelker) führt die Penan an im Kampf gegen die Holzindustrie: Szene aus «Bruno Manser». Video: Ascot Elite

Am liebsten hätte Gardi einen Zaun gezogen um sein afrikanisches Berglerland, um «alles Überflüssige» fernzuhalten. Peter von Matt beschrieb genau das als Kern des Schweizer Ursprünglichkeits-Traums: Abgeschlossenheit und Selbsterhaltung. Gardi geht sogar so weit, einen «Naturschutzpark für Menschen» herbeizufabulieren.

Populistisch gesehen würde sich die Schweiz ja am liebsten selbst einzäunen, das ist ein Effekt der nationalen Fantasie vom Idyll der Vorväter. Die postkoloniale Forschung zeigt, dass sich diese Idee nie von der Geschichte der europäischen Expansion lösen lässt.

«Bruno Manser» läuft in den Kinos. «African Mirror» startet am 14. November. Vorpremieren am 13.11. um 18.30 Uhr im Kino Riffraff und am 19.11. um 18.30 mit Gesine Krüger, Professorin für Geschichte der Neuzeit, Universität Zürich, ebenfalls im Riffraff in Zürich.

Zum Kampf gegen die Abholzung nach Bruno Manser kann man aktuell den Dokfilm «The Borneo Case» streamen.


Leseliste: Die Schweiz und der Kolonialismus

Stark beachtet wurde der Sammelband «Postkoloniale Schweiz: Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien», herausgegeben von Francesca Falk, Barbara Lüthi und Patricia Purtschert (Transcript 2013, 422 S.). Darin findet sich auch der Aufsatz von Bernhard C. Schär zu den aussereuropäischen Hirten. Schär hat mit «Tropenliebe: Schweizer Naturforscher und niederländischer Imperialismus in Südostasien um 1900» (Campus 2015, 374 S.) die Geschichte der Basler Naturforscher Paul und Fritz Sarasin aufgearbeitet. Neueste Veröffentlichungen sind «Kolonialität und Geschlecht im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte der weissen Schweiz» (Transcript 2019, 370 S.) von Patricia Purtschert, die am Beispiel der Figuren von Hausfrau und Bergsteiger Kolonialismus und Geschlechterfrage zusammenbringt. Das Magazin «Widerspruch» Nr. 72 beschäftigt sich mit «Postkolonialen Verstrickungen der globalen Schweiz» (2018, 192 S.). (blu)

Erstellt: 07.11.2019, 19:54 Uhr

Artikel zum Thema

Reise in die schwarze Schweiz

Was die Schweizer Babyboomer von Afrika wussten, wussten sie von René Gardi. Er zeigte einen paradiesischen Kontinent. Der Berlinale-Film «African Mirror» stellt dazu unbequeme Fragen.  Mehr...

Wo Mensch und Natur eins werden

Kritik Das Biopic «Bruno Manser» über den verschollenen Umweltschützer eröffnete das Zurich Film Festival. Es ist ein echter Schweizer Abenteuerfilm. Mehr...

«Eschers Onkel soll mit einer Sklavin ein Kind gezeugt haben»

Interview Zürich feiert den 200. Geburtstag von Alfred Escher. Für Historiker Bernhard C. Schär ist er nicht nur der strahlende Pionier. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...