Das Spiel mit dem Schmerz

Der Zürcher Film «Blue My Mind» von Lisa Brühlmann zeigt die Verwandlung in der Pubertät auf drastische Art. Die zwei jungen Schauspielerinnen mussten dafür Verstörendes hinkriegen.

«Blue My Mind»-Regisseurin Lisa Brühlmann (Mitte) mit Zoë Pastelle Holthuizen (l.) und Luna Wedler. Foto: Dominique Meienberg

«Blue My Mind»-Regisseurin Lisa Brühlmann (Mitte) mit Zoë Pastelle Holthuizen (l.) und Luna Wedler. Foto: Dominique Meienberg

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Es ist schmerzhaft, ein Kind zu sein, das erwachsen wird und nicht versteht, was diese Veränderung mit einem macht. Im Spielfilm «Blue My Mind» von Lisa Brühlmann, der derzeit in den Kinos läuft, geht es genau um diesen Schmerz, den junge Menschen an jenem Übergang empfinden. Um dieses Gefühl, sich selbst im Spiegel zu betrachten und nicht zu wissen, wer man ist. Um die Sehnsucht, den Anschluss zu finden, ­beliebter zu werden, schöner. Und im Augenwinkel tauchen die Eltern auf, die immer stören, die immer ein bisschen zu viel fragen, ohne sich wirklich zu ­interessieren. Sie sind die grössten Aliens, und nicht einmal diese Rolle kriegen sie besonders gut hin.

«Jedes Mädchen und jeder Junge in der Pubertät findet etwas von sich in den Figuren wieder», sagen die Hauptdarstellerinnen Luna Wedler und Zoë Pastelle Holthuizen. Als die beiden das Drehbuch gelesen hatten, ging es ihnen genauso. Wedler und Holthuizen sind nur zwei, drei Jahre älter als die 15-jährigen Mädchen Mia und Gianna aus dem Film, die sich in einem flimmernden Sommer in Zürich anfreunden und die wundersame Verwandlung von Mia miteinander durchstehen.

Erst ist es Mia, die auf dem Pausenplatz ihrer neuen Schule Anschluss sucht. Sie wird irgendwann in die Clique von Gianna aufgenommen, besteht Mutproben, gehört jetzt zu den Krassen. Dann ist es Gianna, die unsicher wird, weil sie nicht mehr versteht, was mit Mia geschieht. Wieso wachsen ihr Membranen zwischen den Zehen, weshalb verfärben sich ihre Beine blau, blättert die Haut ab? Regisseurin Lisa Brühlmann, die 1981 geboren wurde, hat mit ihrem Abschlussfilm an der Kunsthochschule Zürich ein Goldenes Auge am 13. Zurich Film Festival gewonnen. Sie stellt Mias körperliche Verwandlung als qualvolle Metamorphose dar. Der Schrecken der Pubertät, ein Body-Horror.

Der Sommer macht verletzlich

Zugleich ist es eine Verwandlung, die alle durchmachen. Jeder und jede kenne doch den Wunsch von Mia, der Neuen in der Klasse, den anderen zu gefallen, ­sagen die zwei Darstellerinnen. Den Druck, den ersten Sex hinter sich zu bringen. Diese Machtspiele, in die man sich verwickelt, die Grenzerfahrungen, die man macht. Es ist der Versuch der Protagonistinnen, Fuss zu fassen, und dabei gehen sie «immer einen Schritt zu weit», sagt Regisseurin Brühlmann.

Sie liess den Film bewusst im Sommer spielen, weil es in dieser Jahreszeit vor dem eigenen Körper kein Entkommen gibt. Jede Stelle, die man sonst verstecken kann, wird enthüllt. Mia und ­Gianna sind in Hotpants zu sehen, knappen Tops, mit wallendem Haar und stark geschminktem Gesicht. Sie wirken selbstbewusst, aber in diesem grellen Sommerlicht zeigt sich auch, wie verletzlich der weibliche Körper an sich ist. «Als junge Frau macht man sich im Sommer eigentlich immer unbewusst zu einem Objekt», sagt Brühlmann. Der Frauenkörper, egal wie jung und unschuldig er ist, wird sexuell aufgeladen.

Es ist auch dieser Anblick, der bei «Blue My Mind» schmerzt: Man versteht, dass die Körper zwar den Frauen gehören und sie diese kleiden sollen, wie sie möchten. Das gehört zu einem gesunden Selbstverständnis. Gleichzeitig gibt es da aber immer die anderen, die automatisch auf irgendeine Weise Anspruch darauf erheben. Die Wirkung, die junge Frauen bei anderen erzeugen, lässt sich nie restlos kontrollieren und schon gar nicht verhindern. Diese Einsicht trennt das Kind von den Erwachsenen.

Luna Wedler und Zoë Pastelle Holthuizen sind aber auch in einer Zeit aufgewachsen, in der man damit begonnen hat, das Bild, das sich andere von einem machen, stärker zu steuern. Beide waren sehr jung, als sie in «Amateur Teens» mitspielten, ein Drama um Teenager, die sich ihre Vorstellungen von Sexualität anhand von Pornos machten. Auch in «Blue My Mind» geht es wieder um Sex und Kontrollverlust. «Mein Vater sagt: ‹Musst du immer in solchen Filmen mitspielen?› Ich antworte ihm: ‹Ich will nicht einfach schöne Filme machen, sondern spannende Rollen spielen›», sagt Luna Wedler. Am Anfang hatte ­Regisseurin Brühlmann für ihren Film noch geplant, Kids von der Strasse weg zu casten. Aber dann habe sie gemerkt, dass die keine Lust zu spielen hätten und es auch nicht können.

Mit Zoë Pastelle Holthuizen spielt jetzt sowieso eine Berühmtheit mit. Holthuizen hat auf Instagram über 156'000 Follower. Sie postet dort aufgestylte Selbstporträts, Szenen aus Zürich oder Los Angeles. Manchmal nennt sie auch die Namen der Hersteller von Parfümen, die sie gerade trägt. Unter die Fotos schreiben ihre Freunde «awesome!». Ihnen gibt Holthuizen die Botschaft mit: Geht euren eigenen Weg, so wie auch ich meinen Weg gehe. Holthuizen hat einige Male die Schule gewechselt und wollte Ballett­tänzerin werden. Ihr Lehrer fand, sie solle erst einmal das Gymnasium machen. Heute, sagt Holthuizen, antworteten Schüler auf die Frage, was sie einmal werden wollten, mit «Influencer!». So nennt man das, was Holthuizen in ihrem Instagram-Kanal macht: beeinflussen. Die Wirkung dirigieren.

Die Stress-Generation

«Bei Zoë habe ich auch gedacht: Nimmt sie die Schauspielerei ernst oder braucht sie einfach mehr Likes?», sagt Brühlmann. Am Casting habe sie dann aber schnell gemerkt, wie gut sie sei. Brühlmann sieht in der jüngeren Generation mehr Ehrgeiz, viele wollten früh viel erreichen. «Die Hälfte meiner 18-jährigen Kollegen ist ja dabei, Firmen zu gründen», sagt Holthuizen. «Wir sind eine Stress-Generation», sagt Wedler. «Immer machen, machen, machen.» Der Leistungsdruck könne aber auch produktiv sein. Vielleicht helfe er einem dabei, den eigenen Platz mit weniger Umwegen zu finden. «Ich freu mich manchmal wahnsinnig auf mein Leben. Aber im nächsten Moment ist wieder eine Angst da.»

Es sei ja auch verstörend, so jung eine Rolle in einem Coming-of-Age-Film zu spielen, sagt Wedler. «Das reale Leben vermischt sich mit jenem im Film.» Für die Art des Spielens war es aber auch hilfreich: Wedler und Holthuizen wandten das Method-­Acting an, bei dem sie für die Szenen eigene schmerzhafte oder schöne Erinnerungen heraufholten und diese Gefühle dann fürs Spiel einsetzen. «Wenn ich mir als Mia in den Zeh schneide, stelle ich mir einfach vor, wie ich mir die Haut aufschneide. Wie es ist, wenn man extreme Schmerzen verspürt», sagt Wedler. Und manchmal waren Gefühle dabei, von denen sie gar nicht wusste, dass sie in ihr waren.

Als es darum ging, eine besonders heftige Szene zu drehen, wusste Luna Wedler: Sie muss beim Spielen unbedingt diese Härte hinbekommen, die der Moment von ihr verlangt. Es tut weh beim Zuschauen, so wie auch Mia ihre Verwandlung als etwas Bedrohliches erlebt. Sie häutet sich. Und entkommt sich nur, weil sie etwas anderes wird.

In Zürich im Kosmos und im Capitol. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2017, 17:41 Uhr

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