Das Wunder vom Rand

In Cannes zeigte der Portugiese Miguel Gomes seinen sechsstündigen Dreiteiler «Arabian Nights». Ein poetisches Epos, das den Wahnwitz von Finanzkrise und Verschuldung in Gelächter auflöst.

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War es zu schaffen? Würde man im Dichtestress des Filmfestivals in Cannes das seltene dreiköpfige Fabeltier erspähen? Nicht nur eines seiner Häupter; nein, gleich alle drei? Es war möglich. Miguel Gomes’ Triptychon «As mil e uma noites» lief in der Nebensektion «Quinzaine des réalisateurs» unter dem schmissigeren Titel «Arabian Nights», und nach dem ersten Teil fragte man sich nur noch: Wann folgt der nächste? Das Kinoglück kam in drei Tranchen, sie waren verstreut über eine Woche, und man möchte behaupten: Es waren die schönsten drei Filme in Cannes, sie stammten alle vom portugiesischen Regisseur Miguel Gomes.

«Arabian Nights» war ein insgesamt sechsstündiger Herzwärmer, eine fantastisch wuchernde Geschichtensammlung, in der dem europäischen Elend von Staatsschulden und Spardiktat die Juwelen der Imagination umgehängt wurden. Die Aktualität begann zu flimmern in den Farben der Fiktion. Da wurde ein Hahn, der geschlachtet werden sollte, weil er zu früh krähte, fast ins politische Amt gewählt. Einmal sass die Troika der europäischen Finanzmacht am Mittagstisch und musste sich die bösesten Beschimpfungen anhören. Und auf einem Archipel lebte ein Dieb namens Elvis, und als die Richterin «Lügendetektor!» rief, kam ein Mann mit einer Machete.

Begnadeter Formulierer

Ja, der Filmemacher Miguel Gomes ist ein begnadeter Fabulierer und Entertainer, er geht durchs Foyer des Sichtbaren in den Tresor des Mythischen und arrangiert die Welt so, dass sie zu gleissen beginnt. In «Tabu» (2012) erzählte er eine Liebesgeschichte im Hallraum des Kolonialismus. Da war er schon ein Alchemist von Gefühl und Geschichte, aber jetzt schüttelt Gomes aus der Gegenwart des verschuldeten Portugal noch einmal wundersamere Früchte. Er unterschiebt der Welt den Quelltext der Fantasie, der Misere eines verspekulierten Landes ebenso wie der Absurdität der Nachrichtenschwemme. Die Imagination verbindet sich da aufs Wunderbarste mit dem Wirklichen.

Dabei war Miguel Gomes ohne Ideen aufgebrochen. Als die EU und ihre Banker Portugal im Jahr 2013 nahelegten, die Ausgaben zu kürzen und den Sozialstaat runterzuschrauben, zog er in der Hoffnung auf Geschichten los, die erst noch geschehen mussten. Er stiess auf Faits divers; ein Junge etwa brannte einen halben Wald nieder, weil ihn seine Freundin für einen Feuerwehrmann verlassen hatte – im Film wird die traurigschöne Geschichte anhand von verstümmelten Liebes-SMS erzählt.

Mit dabei auf der Reise durch das Land in der Krise hatte Gomes die Bände von «Tausendundeiner Nacht». Aus dem Film, der erst kein Film war, wurden alsbald drei Filme, in denen Gomes die Motive aus dem Märchenbuch auf die Realität anwendet. Also schilderte uns Scheherazade die Merkwürdigkeiten, die sich am Rand von Europa zutragen, und wir im Kino wurden zu Königen. Die Erzählerin reihte eine Story an die nächste, wir liessen sie leben. Nein, wir knieten nieder vor ihr und diesem Epos von der Peripherie, das geradewegs ins Herz zielte. Und ins Hirn, als Reflexion über die Geschichten, die wir uns erzählen, damit wir am Leben bleiben.

Politfarce und Suizidtragödie

Schatzmeister Miguel Gomes hielt uns dabei nicht einfach bei Laune. Er entfesselte die Leinwand als Raum von Vorstellung und Verwandlung. Sein Kino war Politfarce und Suizidtragödie; es war gestreckter Sketch und skizzierte Anklage; es war Songeinlage und dokumentarische Kakofonie und überhaupt eine Burleske des Widerstands gegen den verordneten Untergang. Und es war immer wieder von so malerischer Pracht, dass einem die vom Festivalgedränge bereits etwas aufgeraute Seele vor Staunen überzugehen drohte.

Der leuchtende Trotz dieser Filme bestand darin, dass sie dem Primat der Märkte die Stimmen der Menschen und den Reichtum von Mythos und Kultur entgegenstellten. Falls man die offenen Rechnungen Portugals mit Geschichten abzahlen kann – die Schulden wären jetzt beglichen.

Man nehme nur die Ballade vom Pudel Dixie im zweiten Teil: Im Arbeiterwohnblock wechselt er ständig die Besitzer; so lernen wir nebenher die Bewohner kennen, eingeklemmt zwischen Geldnot und Zwangsversteigerung. Die Beschädigung der sozialen Gerechtigkeit und die Abtretung aller Verantwortung nach unten wurden spürbar. Bis im Wohnungsdrama – Gomes hatte die Idee dazu aufgrund einer vermischten Meldung – doch noch die jugendliche Hoffnung aufblitzt. Der Zigarettenrauch, der aus der Armutsküche qualmt, ist eine Wolke aus Poesie, und verlorener hat Lionel Richies Song «Say You, Say Me» noch nie geklungen.

Knorriger Humor

Überhaupt, die Musik, die Verzauberung im Desolaten, der knorrige Humor! Als die Delegierten von Währungsfonds und Zentralbank am Mafiatisch sitzen und ein Mann aus dem Volk zur Tirade über die Nichtsnutze von der Finanzmacht ausholt, gluckerte im Saal jenes befreiende Lachen, das die Aktualität, die aus den Fugen geraten ist, in die richtige Form zurückbiegt. Später überreicht ein Quacksalber den Technokraten ein Potenzmittel für die Libido, und wie sie dann alle mit Erektionen auf Europas südlicher Veranda sitzen und endlich eine andere Zirkulation als das Geld in sich spüren, wird unser Gelächter regelrecht zum Wunderglauben. Wir sahen die Welt als reale Groteske, das Zauberelixier der Erfindung hatte sie uns kenntlich gemacht.

In Cannes gab Miguel Gomes Interviews, müde und etwas verzweifelt über die Verständnisfragen der Journalisten. An einer Party morgens um drei Uhr machte er seiner Freundin einen Heiratsantrag. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2015, 13:23 Uhr

«La giovinezza»

Eine Schweizer Koproduktion

Ein reiner Schweizer Film war nicht im Wettbewerb von Cannes vertreten, aber gegen Ende herrschte dann doch noch eine fast erschreckend helvetische Mischwiesen-idylle: Die Schweizer Koproduktion «La giovinezza» spielte in einem Bündner Luxusresort – gedreht wurde in Flims und im Hotel Schatzalp in Davos –, wo Michael Caine als alter Komponist und Harvey Keitel als alter Regisseur über ihre Prostata, die verbleichende Erinnerung und ihre ganze verlorene Jugend plaudern, während sie im Schlamm-Spa sitzen oder spazieren. Man sah da meistens gern zwei «grumpy old men» auf dem Zauberberg zu, wo die Reichen sitzen und die zwei Künstler wehmütig die nackten jungen Frauen betrachten, wenn sie nicht gerade an ihrem persönlichen Leid herumlaborieren. Die bürgerliche Hochkultur und die Schaffenskraft waren die ersten Opfer des Massakers namens Alter, weitere folgten.

Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino («La grande bellezza») mochte da ein fellineskes Panorama im Sinn gehabt haben, doch sein üblicher visueller Überschwang wirkte kommerziell übersüsst, und die Vignetten der Vergreisung maskierten die Sentimentalität einer Ensemblegeschichte über intime Erlösung nur schlecht. Dafür dirigierte Michael Caine in diesem Film einmal eine Kuhherde. (blu)

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