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Goldenes Auge für Schweizer Film «Neuland»

Gute Filme, böse Filme: Am Samstag wurden im Opernhaus die Preisträger des 9. Zurich Film Festival gekürt.

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Und plötzlich, ganz zum Schluss, zieht der Abend noch eine intellektuelle Steilkurve. Zu verdanken haben wir das Burghart Klaussner, dem Dorfpfarrer aus «Das weisse Band», der auf der Opernhausbühne zur Laudatio auf den Ehrengast ansetzt. «Gäbe es», spricht Klaussner, «so etwas wie cineastische Forensik, wärst du, lieber Michael Haneke, wohl der Ordinarius.» Hoppla, so erlesene Worte, da weiss das Galapublikum gar nicht mehr, wie ihm geschieht. Schliesslich hat der Abend zwei Stunden zuvor mit rüdem Rap und einem müden Chuchichäschtli-Gag von Moderator Steven Gätjen begonnen.

Ach ja, die Gags. Während der Show muss Gätjen sich wiederholt gegen zwei Nörgler von Backstage behaupten, die per Videoschaltung dazwischen funken. Es sind Sven Epiney und Kurt Aeschbacher, die sich hier als Waldorf und Statler versuchen dürfen, die beiden Miesepeter aus der «Muppet Show». Aber der Moderator behält die Oberhand, wenn er Aeschbacher beiläufig ein bisschen weltsprachliche Nachhilfe erteilt: Das englische «fly» meint eben nicht den Fliege zum Umbinden, sondern den Hosenschlitz.

Dabei ist solches Showgeplänkel ja nur ein Vorwand für die Vergabe der Preise. (Ein Schelm, wer denkt, es sei umgekehrt.) Zum Präsidenten der internationalen Spielfilmjury hatte Gätjen übrigens einen besonders lustigen Witz parat: «Besser kurz als gar keine Haare. Herzlich Willkommen, Marc Forster!» Zum besten Spielfilm kürten Forster und seine Jurykollegen das mexikanischen Migrantendrama «La jaula de oro». Der schon in Cannes preisgekrönte Regisseur Diego Quemada-Díez begleitet darin seine jugendlichen Helden auf einen der berüchtigten Güterzüge, der sie in Richtung Kalifornien bringen soll.

Es war dann Markus Imhoof, unser Schweizer Hoffnungsträger für die Oscars, der die einleuchtendste Formel dafür zur Hand hatte, wie man in einer Jury seine Favoriten findet. Preiswürdig, so Imhoof, sei ein Film doch immer dann, wenn man ihn ganz gerne selber gemacht hätte. Im Falle seiner Jury war das ein Schweizer Dokumentarfilm, der thematisch nahtlos an den mexikanischen Spielfilm anschliesst. Regisseurin Anna Thommen zeigt in ihrem Erstling «Neuland» junge Flüchtlinge, die ihre teils abenteuerliche Reise schon hinter sich haben – und findet in einem Basler Klassenzimmer ein kleines Welttheater.

«Finsterworld» ausgezeichnet

Sie kommen aus Afghanistan oder aus Ostafrika, und ihre Geschichten sind so unterschiedlich wie ihre Gesichter: die jugendlichen Flüchtlinge in der Integrationsklasse von Lehrer Zingg, der seine Schützlinge hier auf den Berufsalltag in der Schweiz vorbereiten soll. «Neuland» ist Anna Thommens Abschlussfilm an der Zürcher Hochschule der Künste, und man fand darin auch eine der schönsten Szenen dieses Festivals: Das war, als der afghanische Schüler erst dank seinem Banknachbarn kapierte, dass er zwar richtig von Links nach Rechts geschrieben, aber sein Heft trotzdem verkehrt herum aufgeschlagen hatte.

Gar nicht verkehrt war auch das Goldene Auge für den besten deutschsprachigen Spielfilm, wie die anderen Preise mit 20’000 Franken dotiert. Veronica Ferres, die in diesem Wettbewerb die Jury präsidieren durfte, sagte dem deutschsprachigen Spielfilm ganz generell eine grosse Zukunft voraus, und wenn die Ferres sowas sagt, muss es ja stimmen. Jedenfalls: Mit «Finsterworld» wurde hier ein Erstling ausgezeichnet, der sich überaus stilsicher und auf sehr eigenwillige Weise an sehr deutschen Obsessionen abarbeitet (hier geht es zur Filmkritik). Das ist eine sanfte Groteske, die öfter mal die Grenzen des guten Geschmacks austestet, aber nie plump auf Provokation angelegt ist.

Der Film hatte der Regisseurin Frauke Finsterwalder schon während der Drehbuchphase einigen Ärger eingebracht, wie sie an der Premiere in Zürich erzählt hatte. Ihren Preis widmete sie nun ihrer Tochter, «die in einer Welt gross wird, wo Frauen solche bösen und lustigen Filme machen dürfen». Und im Publikum sass ihr Ehemann und Ko-Autor von «Finsterworld», der Schriftsteller Christian Kracht, und freute sich gleich doppelt, als seine Frau auch noch den Kritikerpreis für den besten Erstling erhielt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.10.2013, 07:07 Uhr

Die Preisträger

Bester Spielfilm: «La jaula de oro» von Diego Quemada-Díez

Bester Dokumentarfilm: «Rent a Family Inc.» von Kaspar Astrup Schroeder

Bester deutschsprachiger Spielfilm: «Finsterworld» von Frauke Finsterwalder

Bester deutschsprachiger Dokumentarfilm: «Neuland» von Anna Thommen

Publikumspreis: «Journey to Jah» von Noël Dernesch und Moritz Springer

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