«Denken Sie an Bondo»

Al Gore – Nobelpreisträger, Oscargewinner, beinahe mächtigster Mensch auf Erden – war in Zürich. Der Umweltschützer zieht neue Technologien der Askese vor.

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In Ihren Filmen gibt es diese langen Einstellungen mit Weltallaufnahmen der Erde. Wozu?
Wir kennen ja das etwas abgegriffene Sprichwort vom Bild, das mehr sagt als Tausend Worte. Aber das erste Bild, das die Weltkugel von aussen zeigt – das sagte tatsächlich mehr als eine Million Worte. Es machte uns eindrücklich klar, dass die Erde, die da im schwarzen, leeren Raum schwebt, unser ein und alles ist.

Welchen Effekt hat Ihr Film im besten Fall?
Im besten Fall wirkt er erstens wie ein Alarm. Und zweitens ermuntert er uns: Er soll zeigen, dass wir die Mittel zur Bewältigung des Klimawandels bereits haben. Und dass es sich lohnt, nach diesen Mitteln zu greifen.

Sie schrieben 1992 mit «Earth in the Balance» einen Bestseller. Wie unterscheidet sich die Wirkung des Films von derjenigen des Buchs?
Das Buch hat sicher seine Stärken. Im Chaos der heutigen Medienwelt ist der Dokumentarfilm aber eine der letzten Möglichkeiten, vor grossen Mengen von Leuten eine saubere, gründliche Auslegeordnung vorzunehmen. Deshalb sind diese Filme heute auch so gefragt. Ja, ich glaube fast, wir leben heute im goldenen Zeitalter des Dokumentarfilms.

Diese neue Medienwelt wird stark von Social Media geprägt. Ihrem Film merkt man das nicht an: Sie sind der Redner oben auf dem Podium, unten hört das Publikum zu. Ist das nicht altbacken?
Schauen Sie, ich setzte ja auch gelegentlich einen Tweet ab, und ich poste auch Dinge auf Facebook. Aber ich glaube weiterhin an die Kraft einer guten Präsentation, mit Bildern und Grafiken. Seit 40 Jahren glaube ich daran. Für ein komplexes Thema wie den Klimawandel scheint mir diese Darstellungsform einfach wirkungsvoller.

Ist das eine Vermutung? Oder haben Sie Beweise?
Ja, ich vermute tatsächlich, dass eine Slideshow besser wirkt als Tweets. Aber wissenschaftlich beweisen kann ich das nicht.

Ihr Film zeigt, wie Sie das überflutete Miami besuchen, mit erschütterten Einwohnern sprechen. Sind das nun eigentlich alles Al-Gore-Fans dort?
Möchte man meinen, nicht wahr? Ist aber nicht so. Manche verneinen den Klimawandel selbst dann noch, wenn ihnen das Wasser an einem sonnigen Tag in die Schuhe läuft. Sie wollen das Offensichtliche einfach nicht wahrhaben. (lacht) Mit solchen Leuten muss man geduldig sein, ihnen die Fakten präsentieren, immer und immer wieder. Denn auch Hardcore-Verneiner sind letztlich fähig zum Gesinnungswandel. Es ist ein Fehler, irgendjemanden aufzugeben.

Was macht Sie so optimistisch?
Kürzlich sprach mich ein Mann auf dem Flughafen an. Jerry war sein Name, seit 20 Jahren arbeitete er für einen rechten Thinktank, war sogar einer der führenden Spin-Doctors, die die Existenz des Klimawandels vertuschen sollten. Nun kam Jerry zu mir und sagte: «Sie haben mich überzeugt. Wo kann ich mich für Ihre Sache engagieren?» Er wechselte den Job und hat sich seither als sehr nützlich erwiesen.

Denken Sie nie: «Vielleicht ist der Mensch per se einfach zu faul, den Klimawandel ernsthaft anzugehen.»?
Wir alle kennen Dinge, die wir lieber nicht wahrhaben möchten. Andererseits hat der Mensch eben auch die Fähigkeit, über sich hinauszuwachsen. Zudem hat sich ja nun ganz offensichtlich Mutter Erde in die Debatte eingeschaltet. Sie ist eine wirklich überzeugende Anwältin unserer Sache. Denken Sie nur an die jüngste Katastrophe von Bondo und die Diskussion über den tauenden Permafrost, die sie ausgelöst hat. Und ich erinnere nochmals gern daran, dass wir nun die Technologien haben, um dem Klimawandel zu begegnen. Ein Beispiel aus meinem Film ist ja Georgetown – eine durch und durch konservative Stadt mit einem republikanischen Bürgermeister, vielen Trump-Wählern. Die haben aus rein wirtschaftlichen Gründen begonnen, Solarpanels aufzustellen. Heute wird die Stadt mit 100 Prozent erneuerbarer Energie versorgt. Wenn sie trotzdem nicht über den Klimawandel reden wollen, ist das okay. Hauptsache, das Problem wird gelöst!

Ist Solarenergie jene Technologie, die sich seit «An Inconvenient Truth» am stärksten entwickelt hat?
Kann man so sehen. Die Kosten für Solarstrom sind dramatisch gesunken – weit schneller, als man damals gedacht hat. Es gibt aber noch Hunderte andere Innovationen. Wir stehen am Anfang einer Revolution der Nachhaltigkeit, die das Ausmass der industriellen Revolution und die Geschwindigkeit der digitalen Revolution hat.

Sie sind sehr technologiefokussiert. In der Schweiz haben viele Grüne einen eher asketischen Ansatz: «Du sollst nicht fliegen. Du sollst nicht Fleisch essen. Du sollst den Müll trennen.» Und so weiter.
Wir Umweltschützer sind wie ein Footballteam. Wir wollen gemeinsam gewinnen, aber jeder spielt auf einer anderen Position. Ich sage nicht, mein Ansatz sei der einzig richtige. Auch wenn ich selbst seit fünf Jahren kein Fleisch mehr esse, sage ich Ihnen nicht, was Sie heute Abend essen sollen. So was widerstrebt mir, weil das Ihre persönliche Entscheidung ist. Auch nehme ich weiterhin das Flugzeug, weil ich überzeugt bin, dass ich der Natur mehr nütze, wenn ich unterwegs sein und meine Botschaft verbreiten kann. Und ich kompensiere die Verschmutzung, die ich mit meiner Fliegerei mit verursache, durch eine Offset-Finanzierung. Aber ich respektiere jene, die sagen, Fliegen sei nicht in Ordnung.

Könnte es sein, dass wir mit altem Verhalten, aber neuen Technologien gerade noch davonkommen?
Es ist keine kluge Strategie, die menschliche Natur ändern zu wollen. Aber wir können unsere Art, zu denken, verändern. Heute wird zum Beispiel der Himmel als Müllhalde wahrgenommen, den man beliebig verschmutzen kann. Die Wasserrinnen auf städtischen Strassen wurden lange ebenso behandelt. Irgendwann sagte man sich dann allerdings: «Moment mal, so kanns nicht weitergehen.» Das sollten wir heute wieder tun.

Sie trafen Donald Trump in seinem Tower. Gibt es einen Schlüssel zu seinem eigentümlichen Denken, mit dem man ihn für die Sache des Umweltschutzes gewinnen könnte?
Ich habe es versucht, es war vergeblich. Ich werde keine weitere Zeit auf Donald Trump verschwenden. Vielleicht haben andere die Fähigkeiten, ihn umzustimmen. Ich weiss es nicht. Ich weiss ja nicht mal, ob Trump überhaupt in der Lage wäre, umzudenken. Ich war erst sehr besorgt, als Trump den Rückzug vom Pariser Abkommen ankündigte, und dann sehr erleichtert, als ich sah, wie der Rest der Welt, aber auch die USA darauf reagieren. Die Länder der Welt blieben standhaft, hielten am Abkommen fest. Und bei uns stellten sich Bundesstaaten wie Kalifornien oder New York, Hunderte Bürgermeister und Tausende Wirtschaftsführer hinter seine Ziele. Nein, Trump ist nicht Amerika.

Sie selbst wurden fast der mächtigste Mann auf Erden. Kann man sagen, dass Sie sich derzeit auf noch ambitionierterer Mission befinden, nämlich Retter dieser Erde zu werden?
Der Präsident sässe da sicherlich an den längeren Hebeln… Nein, ich allein werde die Erde nicht retten. Aber es gibt Millionen Umweltaktivisten weltweit – in der Schweiz gibt es ein paar besonders gute davon – die unsere Sache vorantreiben.

Al Gore auf dem grünen Teppich des Zurich Film Festival. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2017, 17:51 Uhr

Zur Person

Albert Arnold «Al» Gore (*1948) schafft es als Politiker bis nach ganz oben – fast. Wie bereits sein Vater wurde er Senator des Bundesstaats Tennessee, 1993 zog er mit Bill Clinton ins Weisse Haus ein. Gore war acht Jahre lang Vize-Präsident der USA. 2000 erzielte er als Präsidentschafts-Kandidat der Demokraten eine halbe Million Stimmen mehr als der Republikaner Bush, dieser holte sich dank richterlicher Unterstützung jedoch die nötigen Wahlmännerstimmen. Al Gore zog sich darauf aus der Parteipolitik zurück und konzentrierte sich auf sein Umwelt-Engagement. Bereits 1992 hatte er mit dem Bestseller «Earth in the Balance» einen ökologischen Marshall-Plan für die Welt entworfen, nun legte er mit dem Dokumentarfilm «An Inconvenient Truth» nach. Der Film wurde 2007 mit zwei Oscars ausgezeichnet. Im selben Jahr erhielt Gore den Friedensnobelpreis. (lsch)

Ein sehr ähnlicher Film

Gores neuer Film über den Klimawandel ist ein Update des alten. Erneut hat sein Team imposantes Video- und Daten-Material zusammengetragen, um die Dringlichkeit einer globalen Ökopolitik zu betonen. Erneut bespricht Gore mit der Beschwingtheit eines gut gelaunten Primarlehrers spektakuläre Zahlenkolonnen und Grafiken. Erneut sind Apokalypse-Alarm und Fortschritts-Meldungen so aufeinander abgestimmt, dass der Zuschauer das Kino zwar besorgt, aber nicht deprimiert verlässt. Überraschend sind die Aufnahmen vom Pariser Klimagipfel 2015, die Einblicke in die Aktivisten-Arbeit und den Verlauf der Verhandlungen geben. Dass sich Al Gore von seinen Regisseuren Boni Cohen und Jon Shrenk zuweilen etwas gar angeberisch inszenieren lässt, ändert nichts an der Relevanz und der Sehenswürdigkeit des Films - zumal für jene, die den Erstling verpasst haben. (lsch)
«An Inconvenient Sequel: Truth to Power». Ab Donnerstag in den Schweizer Kinos

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