Der 50-Oscar-Mann

Sidney Lumets Karriere war eine Mischkalkulation zwischen Filmen mit gesellschaftskritischem Anliegen und pragmatisch erzählten Genrestücken. Wir zeigen Ausschnitte.

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Sein Arbeitstempo war legendär. Paul Newman, den er in «The Verdict» (1982) zu einer seiner grössten Leistungen führte, gab ihm den Spitznamen Speedy Gonzales. «Network» (1976) hatte Sidney Lumet zwei Wochen vor Drehschluss im Kasten; selbst bei einem Film wie «Prince of the City» (1981), mit über 100 Sprechrollen und ebenso vielen Drehorten, unterschritt er den Drehplan um elf Tage. Rund 500 Fernsehspiele hat er während des Goldenen Zeitalters des Live-TV in den 50er-Jahren gedreht und seit «Twelve Angry Men» (1957) 45 Kinofilme inszeniert. Wären seine Stoffe nicht oft so unkommerziell und kontrovers gewesen, hätte ihm sein Arbeitstemperament gewiss das doppelte Pensum erlaubt. Seine Karriere war eine Mischkalkulation zwischen Filmen mit gesellschaftskritischem Anliegen und pragmatisch erzählten Genrestücken. Seine Sehnsucht nach dem Unbeschwerten hat Lumet nie wirklich gestillt. Jedes Mal ist dem Moralisten die leichtfüssige Unterhaltung doch unwillkürlich zum Charakterdrama geraten.

Szenen auf engem Raum

1924 in Philadelphia als Sohn polnischer Juden geboren, stand Lumet schon mit vier Jahren auf der Bühne und trat in Radiosendungen seines Vaters auf, eines Schauspielers und Regisseurs. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete er eine Theatertruppe, bevor er 1950 beim Live-Fernsehen debütierte. Seiner Bühnen- und Fernseherfahrung verdankt sich auch seine Vorliebe für Dramen auf eng begrenztem Raum. In «Twelve Angry Men» werden die Beratungen der Geschworenen zu einer Schule der genauen Beobachtung. «Murder on the Orient Express» (1974) spielt nach dem Prolog ausschliesslich im gleichnamigen Luxuszug. Die Handlung von «Dog Day Afternoon» (1975) bleibt auf eine Bank konzentriert, in der Al Pacino bei einem Raubüberfall zum Geiselnehmer wird. Am brillantesten inszenierte er die Interaktion auf engem Raum in «Fail-Safe» (1964), einem Thriller über den Kalten Krieg, der zu Unrecht im Schatten von Kubricks «Dr. Strangelove» steht.

Selten erwies er sich als bildmächtiger Visionär, doch verstand er es stets, das Statische, Dialogreiche seiner Stoffe zu überwinden. Lumet war ein Stilist, der wollte, dass man seine Regie nicht sehen, sondern spüren kann. Regelmässig gelangen ihm Kabinettstücke der Schauspielerführung; beinahe die Hälfte der über 50 Oscar-Nominierungen, die seine Filme erhielten, galt den Darstellern. Er hat Seiten an Stars wie Sean Connery oder Paul Newman enthüllt, die man bis dahin nicht kannte.

Eigene Moralvorstellungen

Henry Fonda war als Geschworener Nr. 8 in «Twelve Angry Men» der erste archetypische Lumet-Held, der sich den eigenen Moralvorstellungen verpflichtet fühlt und dadurch in Konflikt gerät mit einer Institution oder dem Willensdruck der Mehrheit.

Das Ringen mit dem eigenen Gewissen erweiterte Lumet zu einer Bestandesaufnahme der Gesellschaft. Er zeichnete die Idealisten, die auf diesem moralischen Parcours an der Realität zu zerbrechen drohen, keineswegs durchgängig sympathisch, liess sie in der Ambivalenz, führte sie oft ins Extrem eines zerstörerischen inneren Zwanges. Dabei interessierte ihn nicht vorrangig, ob sie im Recht sind oder nicht, er überprüfte vielmehr die Aufrichtigkeit ihrer Überzeugungen. In Reinform findet sich dieses Erzählmodell in dem Zyklus von Polizei- und Justizfilmen, den er mit «Serpico» (1973) eröffnete und mit «Prince of the City» (1981), «The Verdict» (1982) und «Q & A» (1990) fortsetzte. Seinen letzten Film drehte er 2007, den Thriller «Before the Devil Knows You’re Dead». Nun ist Sidney Lumet im Alter von 86 Jahren in New York einem Krebsleiden erlegen.

Erstellt: 11.04.2011, 11:01 Uhr

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