Der Beste seiner Gewichtsklasse

Charakterdarsteller Philip Seymour Hoffman war nie niedlich – dafür ein grandioser Schauspieler.

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Schön waren immer die anderen, und das in einer Industrie, in der Grazie die härteste Währung ist. «Ich warte nur darauf», sagte er einmal, «bis jemand kommt und wenigstens sagt, ich sei niedlich.» Das wird ihm auch jetzt kaum passieren, nach seinem viel zu frühen Tod mit 46 Jahren.

Philip Seymour Hoffman war immer, fast immer: der Dickliche, der mehr keucht, als dass er redet. Der schwitzende Brocken mit dem käsigen Teint und den klebrigen roten Haaren. Und ja, im Glamourregime von Hollywood, wo die schönsten Stars oft gerade dann mit einem Oscar gekrönt werden, wenn sie sich für eine Rolle besonders hässlich gemacht haben, da machte er sich diese äusseren Nachteile mit der Zeit zu seinem Kapital.

Ein grandioser Schauspieler

Im Herzen des Blockbusterkinos hat ihn das bis zu höheren Chargen als Oberschurke in «Mission: Impossible III» (2006) geführt, oder jüngst auch zu einer Schlüsselrolle in «The Hunger Games». (Wie weit seine Szenen für den letzten Teil schon abgedreht sind, ist noch nicht bekannt.) Aber Philip Seymour Hoffman, aufgewachsen in einem Vorort von Rochester im Bundesstaat New York, kannte auch die andere Seite. Die Not als arbeitsloser junger Schauspieler, der sich mit Jobs als Kellner oder Bademeister über die Runden brachte – bis ihn eine erste Nebenrolle in «The Scent of a Woman» (1992) erlöste.

Was für ein grandioser Schauspieler er war, das erkennt man leicht daran, wie sehr man viele seiner Rollen mit ihm und nur mit ihm verbindet. Oder wer sonst hätte den verklemmten Onanisten in «Happiness» (1998) so spielen können wie er, auf dem schmalen Grat zwischen Ekel und Mitgefühl? Wer den beflissenen Hausdiener beim alten Lebowski in «The Big Lebowski» (1997), der ein schlüpfriges Angebot beschämt weggrinst? Oder, natürlich, den rührenden Krankenpfleger in Paul Thomas Andersons Schwermutsballade «Magnolia» (1999), dem Film, der ihn bald darauf vom Fluch des ewigen Nebendarstellers erlösen sollte?

«Weil ich wusste, dass ich mich sonst zu Tode gesoffen hatte»

Bei Anderson gehörte er von Anfang an zum engsten Kreis der kreativen Familie: Seit «Hard Eight» (1996) war Hoffman in fast allen von dessen Filmen dabei. Anderson schrieb ihm zuletzt auch die Rolle des beängstigend charismatischen Sektenführers in «The Master» (2012) auf den Leib. Es sollte die gewaltigste Figur von Philip Seymour Hoffmans Laufbahn bleiben. Den Oscar dagegen erhielt er vor acht Jahren für seine feinste, grazilste Rolle: Das war sein Truman Capote in «Capote», samt minuziös einstudierten Manierismen und penetrant näselndem Singsang.

Philip Seymour Hoffman wurde tot in seiner Wohnung in New York aufgefunden. Zu den Umständen seines Todes ist noch nichts Genaueres bekannt, doch gehen die Behörden von Drogenmissbrauch aus. Dem Alkohol hatte Hoffman einst in jungen Jahren abgeschworen, «weil ich wusste, dass ich mich sonst zu Tode gesoffen hätte», wie er vor einigen Jahren freimütig bekannte. Jetzt scheint ihn eine andere Sucht eingeholt zu haben. Erst im Mai 2013 hatte sich der Schauspieler wegen seiner Heroinsucht einem zehntägigen Entzug unterzogen. Hoffman hinterlässt seine Partnerin, die Kostümdesignerin Mimi O’Donnell, und drei Kinder im Alter zwischen fünf und zehn Jahren.

Erstellt: 02.02.2014, 22:55 Uhr

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