Der Fälscher

Tom Kummer erfand fabrikmässig Interviews mit Hollywoodstars. Zehn Jahre nach dem Skandal erscheint nun ein Dokumentarfilm über ihn.

Seine Interviews waren brilliant, aber leider allesamt erstunken und erlogen: Tom Kummer im Jahr 2000.

Seine Interviews waren brilliant, aber leider allesamt erstunken und erlogen: Tom Kummer im Jahr 2000. Bild: Keystone

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Medien lügen. Manchmal lügen sie ganz unschuldig, wie etwa die Fotografie. Auf Fotos sieht Tom Kummer fast immer zum Fürchten aus: brutal wie ein Soldat. Doch spricht man mit ihm, ist ein ganz anderer Mensch da: Der Mann redet so nervös, wie jemand, der dauernd kleine Stromstösse bekommt.

Ruhelos, fast gefoltert – den Eindruck eines elektrischen Aals ohne Schutz gegen die eigenen Stromstösse transportiert eine Fotografie nicht. Sie zeigt das pure Gegenteil: Kummers Gesicht, lang, streng, steinern und wuchtig wie einer der Riesenköpfe von den Osterinseln. Aber wie steht es mit der bewegten Kamera? Schafft es ein Dokumentarfilm, Tom Kummer näher zu kommen?

Zucken zwischen Philosophie und Banalität

Das zentrale Problem von Miklós Gimes’ Film ist, dass sein Film eine Hauptfigur hat, die lügt. Tom Kummer ist der Journalist, der berühmt dafür wurde, dass er keiner ist. Ende der Neunzigerjahre erschienen in den deutschsprachigen Magazinen serienweise Interviews mit Hollywoodstars, wie man sie zuvor nie gelesen hatte: Sie waren nicht langweilig. Die Stars sagten erstaunlich wilde Sachen, zuckend zwischen Philosophie und Banalität: Etwa Sharon Stone, die sagte: «Mein Charakter ist wie eine ganz miese Gegend von Los Angeles – mein Verstand sagt, ich solle dort besser nicht allein hingehen.» Oder Mike Tyson, der seinen Weg zur Erleuchtung im Gefängnis verriet: durch Proteine. In Kakerlakensandwiches.

Alle diese Interviews hatten eine Gemeinsamkeit. Sie waren von Tom Kummer komplett erfunden. Oder genauer gesagt, oft gefunden: Der Boxer Tyson etwa zitierte Nietzsche, die Milliardärin Trump lange Passagen Andy Warhol.

In der schönsten Szene im Film zeigt Tom Kummer seine Arbeit: Er wirft ein Wissenschaftsmagazin an die Wand. Dann entnimmt er der zufällig geöffneten Seite Antworten für seine Stars.

Ein Mann sieht grün

Ein an die Wand gepfeffertes Biologiemagazin ergab etwa das letzte Interview mit Charles Bronson. Der bereits Todkranke sprach nur noch über ein Thema: über seine Kommunikation mit Pflanzen. Nichts sonst interessiere ihn. Der Titel, den die Redaktion dem Interview gab, hiess: «Ein Mann sieht grün».

Schön an dieser Filmszene ist vor allem die Begeisterung des Fälschers Kummer dabei – wie alle Begeisterung ist sie mitreissend. Und es war eine Begeisterung, die Kummers Chefs und Leser teilten. Denn Kummer lieferte ihnen beste Frankensteintexte: Leichenteile der guten alten Philosophie und Wissenschaft wurden neu elektrisiert durch die grossen Namen der Stars.

Kurz: Kummer tarnte kaum. Der Grund für seine jahrelange Nicht-Entlarvung war, dass in den Neunzigerjahren der Magazinjournalismus neu erfunden wurde. Pop hatte mit einer jungen Generation auch den Journalismus erreicht. Sie versuchte ein einfaches, aber wirkungsvolles Rezept: das Gegenteil. Waren in der Presse zuvor Ich-Texte verachtet, schrieb man stolz oder ironisch Ich. Wurden zuvor gern Verlierer porträtiert, schrieb man nur noch über die Sieger: Stars und ihr Genie. Versuchte man zuvor zu zeigen, dass Schicksale das Resultat und Symptom gesellschaftlicher Prozesse und politischer Entscheidungen seien, war das Verhältnis zwischen Frau und Mann plötzlich eine Sache von Hormonen und Biologie. Und Erfolg oder Misserfolg eine Sache persönlichen Charismas. Dieses Es-ist-genau-andersrum-Denken war ein Generator für Heerscharen frischer Storys: Die Bahn, nicht das Auto ist der wahre Umweltsünder! Böser Greenpeace-Konzern jagt unschuldigen Gentechprofessor! Werbung ist die echte zeitgenössische Kunst!

Das Schillern des «Tages-Anzeiger-Magazins» unter Roger Köppel kam nicht zuletzt durch sein politisches Schillern. Dadurch, dass es eher rechte Botschaften in dezidiert linker Form wiedergab: Bis dahin waren Pop und Sexyness fast nur ein Monopol der Linken gewesen. Kummer lieferte für dieses Magazin den Glamour. Zwar gab es immer Gerüchte, seine Interviews stimmten nicht. Und wenn Tom Kummer beweisbar eine Person interviewte (etwa Fredi Murer), waren deren Antworten so dröge wie überall.

Kummer fälschte schon immer

Trotzdem wollte keiner seiner Chefs die Tonbänder sehen – bis es zum Skandal kam. Dann schrieb ihnen Tom Kummer zu ihrem Schock, dass ihm «leider in Los Angeles der Draht zur Wirklichkeit abhandengekommen» sei. Dabei log Tom Kummer erneut. Er hatte schon vor den Star-Interviews Storys erfunden, er fälschte auch danach, als einige Zeitungen ihm eine zweite Chance gaben.

Und das ist die Krux mit Gimes’ Film: Die wichtigsten Chefs von damals reden nicht; auch die des Hauptabnehmers «Süddeutsche Zeitung Magazin» nicht. So bleibt nur die regungslose, fast steinerne Hauptfigur. Tom Kummer zeigt keine Reue, hat aber auch keine genaue Idee zu seiner Tat: Er hat einfach so zuverlässig und schon immer gefälscht wie eine Maschine.

Und er weigert sich einen Film lang, darüber nachzudenken. Die Begeisterung in der Fälscherszene bleibt die einzige Emotion im Film. Sonst liefert Tom Kummer nur eine Kette von lakonischen Assoziationen: von «Borderline-Journalismus» bis «Konzeptkunst».

Vielleicht lügt die Fotokamera doch nicht: Tom Kummer hat tatsächlich etwas von einem guten Soldaten. Er schweigt auch dann, wenn er redet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2010, 09:03 Uhr

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