Der Fall Tschanun am Zurich Film Festival

Kino der grossen Gefühle, kann ein Schweizer Film diesen Anspruch einlösen? «180°», ein Film über den Amoklauf von Günther Tschanun, versucht es.

Ensemblefilm, der auf ein Gesellschaftspanorama zielt: «180°» von Cihan Inan.


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Ambition, mit Ausrufezeichen! Es ist ja leider allzu oft so, dass man genau das vermisst bei Schweizer Filmen und ihrer fast chronischen Angst, aufs Ganze zu gehen. Aber wenn die künstlerischen Ambitionen höher fliegen, als der Film dann einzulösen vermag, ist es auch wieder nicht recht. Womit wir schon beim Dilemma von «180°» wären, dem dritten Schweizer Film im Wettbewerb des Zurich Film Festivals.

Das multikulturell aufgefächerte Drama spielt vor dem Hintergrund eines Amoklaufs in einer Zürcher Behörde. Die Tat ist zwar dem Fall Tschanun nachempfunden, doch das historische Ereignis liefert im Erstling von Cihan Inan nur die klimatischen Umstände für einen Ensemblefilm, der auf ein Gesellschaftspanorama zielt.

Emotionale Unmittelbarkeit

In sehr geschliffenen Bildern geht es hier darum, wie der Alltag aus den Fugen gerät: Zwei verliebte Teenager werden von einem bekoksten Banker angefahren, im Spital kreuzen sich dann die Welten der Eltern von Sabine (tot) und Kemal (im Koma). Auf der Intensivstation trifft Sabines Mutter (Sophie Rois) auf Kemals türkischen Vater (Güven Kiraç), und wie die beiden Untröstlichen in ihrer jeweiligen Sprache aufeinander einreden, ohne ein Wort des anderen zu verstehen, findet der Film doch zu jener emotionalen Unmittelbarkeit, die er oft vergebens sucht. Es ist, in ihrer beiläufigen Tragik, eine grossartige Szene zwischen zwei grossartigen Schauspielern.

Eindruck macht sonst vor allem die Ambition. «180°» ist ein Film, der ohne Scheu vor Pathos ein Kino der grossen Gefühle simuliert, aber in Dialogen und Schauspiel öfter in der Seifenoper hängen bleibt. Und im Zweifelsfall fährt der Soundtrack die Geigen des Tonhalle-Orchesters auf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2010, 16:02 Uhr

Der Film

«180° - Wenn deine Welt plötzlich Kopf steht», Regie: Cihan Inan.
Ab Donnerstag im Kino.

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