«Der Film ist schlecht»

Bald läuft der Spielfilm «The Fifth Estate» über Julian Assange und Wikileaks in Europas Kinos an. Bereits jetzt ist ein erbitterter Streit zwischen der Enthüllungsorganisation und den Filmemachern entbrannt.

«Die meisten der Ereignisse im Film haben sich so nie zugetragen», kritisiert Wikileaks: Offizieller Trailer.


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Ein bitterer Streit ist zum Wochenende um den neuen Julian-Assange-Film entbrannt, der vor kurzem in Toronto seine Uraufführung hatte und im Oktober in Europa in die Kinos kommen soll. «The Fifth Estate», Die fünfte Gewalt, ist von der Organisation Wikileaks als «verantwortungsloser, kontraproduktiver und schädlicher» Streifen attackiert worden.

Der Film sei eine Fiktion, die sich als Faktensammlung gebärde, klagt Wikileaks. Er könne dem Wikileaks-Gründer Assange auch persönlich gefährlich werden: «Dieser Film existiert ja nicht in einem historischen Vakuum. Er erscheint vor dem Hintergrund anhaltender Bemühungen um strafrechtliche Verfolgung von Wikileaks und Julian Assange nach unserer Enthüllung der Aktivitäten des Pentagon und des US-Aussenministeriums.»

Angst vor der US-Justiz

Assange selbst hatte den Film schon im Januar als «massive Propaganda-Attacke» gegen seine Person verworfen. Der Australier, der seit Juni voriges Jahres in der ecuadorianischen Botschaft in London untergeschlüpft ist, um einer Auslieferung nach Schweden im Zusammenhang mit Vorwürfen sexueller Art zu entkommen, befürchtet noch immer, dass ihn eines Tages auch die USA zur Rechenschaft ziehen wollen – und dass «The Fifth Estate» Washington dabei in die Hände spielt.

Der Film, der bereits im Vorfeld erhebliches Aufsehen erregt hat, sucht die Vorgänge um die Wikileaks-Enthüllungen von 2010 und insbesondere um Assanges Rolle in der betreffenden Zeit darzustellen. Assange wird von dem im Vereinigten Königreich äusserst populären Benedict Cumberbatch gespielt, der zuletzt als neuer Sherlock Holmes von sich reden machte. Auch Daniel Brühl, Laura Linney und Peter Capaldi sind mit von der Partie.

Streit um Faktentreue

Das Filmskript stützt sich auf das Buch «Inside Wikileaks» des früheren Assange-Mitarbeiters Daniel Domscheit-Berg (der im Film von Brühl gespielt wird) sowie auf ein Buch der beiden Guardian-Journalisten David Leigh und Luke Harding mit dem Titel «Wikileaks: Inside Julian Assange's War on Secrecy».

Mit Leigh und Harding hatte Assange zunächst zusammen gearbeitet. Die Zusammenarbeit war aber zu einem Ende gekommen, als Wikileaks sich zur eigenständigen, weitgehend unzensierten Veröffentlichung von einer Viertelmillion Geheimakten entschloss, durch die nach Ansicht des Guardian 2000 Informanten des State Department weltweit gefährdet wurden.

Um diese Veröffentlichung dreht sich zum Teil der Streit zwischen Wikileaks und den Filmproduzenten. In ihrem Verriss des Films versuchte Wikileaks, sich gegen entsprechende Vorwürfe zu verwahren. Ausserdem, hiess es, sei Domscheit-Berg weit unbedeutender gewesen, als es der Film wahrhaben wolle. «Die meisten der Ereignisse im Film haben sich so nie zugetragen», meinte die Organisation. «Oder die Leute, die gezeigt werden, hatten nichts mit ihnen zu tun.»

Film will «Debatte beleben»

Filmregisseur Bill Condon hatte seinerseits erklärt, sein Film verfolge die Absicht, «den Komplexitäten und Herausforderungen der Frage von Transparenz im Informationszeitalter nachzugehen – und, wie wir hoffen, die Debatte zu beleben und zu bereichern, die Wikileaks bereits vom Zaum gebrochen hat».

Auch Hauptdarsteller Cumberbatch bestand darauf, dass er versucht habe, seinem Assange im Film «so viel Komplexität zu verleihen und Verständnis entgegen zu bringen», wie er nur konnte. Der Film bringe Assanges «Ideen und seine Integrität und seine Selbsthingabe» durchaus fair zum Ausdruck.

Mail von Assange

Der Schauspieler wurde selbst in den Streit hinein gezogen, als Assange ihm vor der Filmproduktion per Mail eine Zehn-Seiten-Botschaft zukommen liess, in der er den Film verurteilte und Cumberbatch bat, die Rolle nicht zu spielen. Noch am Tag vor Beginn der Dreharbeiten habe ihm Assange mitgeteilt, es wäre «unmoralisch» von Cumberbatch, sich an dem Projekt zu beteiligen, berichtete der Schauspieler.

Er habe nach Erhalt dieser Mail vier Stunden lang mit sich gerungen, sagte Cumberbatch: «Natürlich bin ich ins Wanken gekommen. Natürlich habe ich die Proteste des Mannes, den ich darstellen sollte, gehört und unmittelbar empfunden.» Er sei aber zu dem Schluss gekommen, dass der Film Assange kein Unrecht tue. Assanges Errungenschaften, habe er dem Wikileaks-Gründer versichert, würden «meiner Ansicht nach nur positiv dargestellt» in «The Fifth Estate».

In ihrer Botschaft, der sie auch den Wortlaut einer «späten Drehbuchfassung» zum Film beifügten, zitierten die Wikileaks-Leute gestern Cumberbatch mit dessen ursprünglich geäusserten Sorge, im Film könne Assange zu einer «Bösewichts-Karikatur» werden. Die Bemerkung bezog sich offenbar auf eine Frühfassung des Skripts, die später geändert wurde.

Cumberbatch hatte auch enthüllt, dass er Assange vor den Dreharbeiten mehrfach vergebens um ein persönliches Gespräch gebeten hatte. Wikileaks monierte, es sei umgekehrt als Organisation «nie zu diesem Dreamworks-Disney-Film konsultiert» worden: «Also steuern wir unseren Rat hier gratis bei. Der Film ist schlecht.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.09.2013, 20:28 Uhr

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