Der Heimatboden schwankt

Am 67. Filmfestival von Locarno schlug sich der Schweizer Film im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht.

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Sie haben den «Wilhelm Tell» aufgeführt auf der Piazza Grande. Oder besser: im Spielfilm «Schweizer Helden» von Peter Luisi. Es scheint sich darin die halbe Welt zu versammeln in einem Durchgangszentrum für Asylbewerber, alle machen mit, und das Volk von Uri hat am Schluss seine helle Freude an diesem Spiel. Kurz: Friedrich Schiller trifft aufs Asylwesen. Bevor im Film das Stück aufgeführt werden kann, hat man den afrikanischen Tell ausgeschafft, die Zweitbesetzung ist ein Kurde, und ein alter Tibeter ruft, der Apfel sei gefallen.

Eine tolle, theatralische Idee. Sie lebt von melodramatischer Skurrilität. Aber es dauert, bis Schiller bühnenreif ist, und davor hat man viel Mühsal durch­zustehen. Peter Luisi («Der Sandmann») hat ein Talent fürs Kuriose und hält sich an den Ernst der Sache. Bloss findet er dazwischen keine andere Lösung als die Rührseligkeit. Deshalb kommt eine gut meinende Schweizerin (Esther Gemsch) vor, die es auch nicht leicht im Leben hat, Reclam-Hefte verteilt und versucht, Seelen zu gewinnen.

Die Schweiz im Spiegel

Dann aber, in einigen schillerschen Originalszenen, lebt die Komödie prächtig von der Multikulturalität der heroischen Klischees, die sich überall gleichen, aber anderswo womöglich doch etwas mehr mit der Wahrheit zu tun haben. Der eidgenössische Gründungsmythos, wie ihn ein Deutscher sah, wird zur globalen Tragikomödie, und neues Leben blüht aus den Ruinen. In diesem Sinn: Es lebe Tell, der Schütze und Erretter!

Man kann natürlich auch Erkenntnis gewinnen, wenn sich die Schweiz wieder einmal in sich selbst spiegelt. Oder in dem, was in ihr eben nicht Schweiz ist. Das Filmfestival von Locarno, das zu Recht auf seiner internationalen Bedeutung besteht und keinen Ehrengast gehen lässt, ohne dass er ihm diesen Ruf bestätigt, es achtet auch auf das Schweizerische und den künstlerischen Zustand des einheimischen Kinos.

41 Schweizer Filme sind dieses Jahr ins Programm gestreut worden, zwei davon in den Wettbewerb, zwei Komma fünfacht, nimmt man es produktionstechnisch genau, auf die Piazza Grande. Manchmal wird schweizerische Internationalität in Filmen beschworen, die mit der Schweiz gar nichts zu tun haben und nicht belastet sind von einer Nostalgie der Herkunft oder von der Scham des Soseins. Dann wieder prallt das Fremde mit dem Schweizerischen härter zusammen als auch schon, und beide bringen einander das Fürchten bei.

Drama ohne Bodenhaftung

Wie in Fernand Melgars Dokumentarfilm «L’abri» über die Menschen, die in Lausanne einen Notschlafplatz ­suchen. Unter diesen wirklich Gestrandeten hätte man gewiss einen gefunden, der den Wilhelm Tell ausgefüllt hätte mit elendem, rebellischem Leben.

Mit dieser Schweiz im Kopf, aus dem man sie nicht so leicht bringt, war es gar nicht so einfach, sich mit dem feiner gesponnenen Wettbewerbsbeitrag «Cure: The Life of Another» von Andrea Štaka («Das Fräulein») zu befreunden. Zwei Mädchen fehlt es darin an nichts – ausser am Wichtigsten: dem sicheren Heimatboden einer Identität. So zart und nach innen gekehrt, fast geisterhaft in ihrem Schwebezustand ist die Geschichte der Schweizer Regisseurin mit kroatischen Wurzeln, dass der Zuschauer kaum ­Bodenhaftung findet in diesem Drama. Motive? Ja. Ökonomisch schöne Bilder? Ja. Aber nicht den trittfesten Grund einer erzählerischen Entschlossenheit. Und über der Psychologie der Figuren liegt einiger Nebel. Da sind also zwei Fünfzehnjährige, 1993 im kriegsversehrten Dubrovnik. Die eine, Linda, hat ihre Mutter in der Schweiz, aber nicht das Herz. Die andere, Eta, würde sofort mit ihr tauschen.

Und tatsächlich tauschen die beiden Mädchen dann die Kleider, als würden sie in einer fragilen Harmonie verschmelzen. Aber Eta ist dann plötzlich tot (oder auch nicht, ihr Geist lebt und stellt maliziös Ansprüche), und Linda wird zu Eta mit einer eigentümlichen Selbstverständlichkeit. Und das gleitet nun hinein in die Geschichte einer Grossmutter, die dem Tod sozusagen seine Wirklichkeit verweigert. Möglich, dass der Film auch von zwei Mädchen erzählt, die schon immer ein einziges zerrissenes Wesen waren. Wobei auch das ein Missverständnis des ­Zuschauers sein könnte, aber dann liegt es an der irritierenden Art, mit der das Jenseits in den Realismus einfällt und auf irreale Art durchwabert. So können sich in «Cure» weder das Eindeutige noch das Uneindeutige so recht behaupten.

Und weiter in den möglichen Miss­verständnissen, zur Zürcher Regisseurin Sabine Gisiger und ihrem Dokumentarfilm «Yalom’s Cure» über den berühmten Psychotherapeuten Irvin Yalom (der Film wird ausser Konkurrenz gezeigt). Man sieht einen sanften 80-Jährigen mit einem gewaltigen Vertrauen in die lebensverbessernde Kraft der Selbsterkenntnis.

Der Film ist grossartig, daran gibts nichts misszuverstehen. Aber noch grossartiger wird er, weil man ahnen darf, dass auch Subversivität darin steckt: ein heiliger Schrecken vor so viel therapeutischem Optimismus. Dafür legte man die Hand ins Feuer – aber darin steckt vielleicht auch die Fehlinterpretation. Dann wäre der Film in seiner ungebrochenen Bewunderung einfach das hervorragende Porträt eines gescheiten Mannes. Immerhin muss man einmal nicht über die Schweiz nachdenken, sondern nur über sich selbst.

Von Wut verstopft

Womit wir wieder bei der Internationalität des Festivals wären und beim Courant normal eines Wettbewerbs, in dem es manchmal sehr laut wurde. Zum Beispiel löste der Grieche Syllas Tzoumerkas im Drama «A Blast» die Welt in Gekreisch auf. Das war gewiss der unsympathischste Film bis jetzt.

Einem Land in der Krise wird jede Schönheit ausgetrieben, eine Gesellschaft ist von jeder Moral entblättert und jedes Individuum von der Fähigkeit zur Solidarität. Wenn Frauen nicht kreischen, dann sehen sie aus, als wären sie ganz und gar von Wut verstopft. Das ist zwar schwer erträglich, aber es hat ästhetische Konsequenz. Nennen wir sie eine verzweifelte Obszönität.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2014, 06:54 Uhr

Ein Geruch von Aufbruch

Die Jungfilmer von «8 Horses»

Noch ein Schweizer zeigte, fast etwas un­bemerkt, seinen Film in Locarno. Er heisst Matthias Huser, und sein Erstling «They Chased Me Through Arizona» feierte gestern Premiere im Nebenwettbewerb «Cineasti del presente». Das Roadmovie spielt aber gar nicht in Arizona, sondern in Polen, wo zwei stoische Männer durchs Land fahren, um Telefonkabinen abzumontieren. Zwischendurch liest einer in einem Westernroman, und sehr langsam verbinden sich höchste Lakonik und die Mythen der frühen Siedler zu einer Geschichte über Auflösung und zu einer wunderbaren Donquichotterie im desolaten Osten. Huser, 1979 in Winterthur geboren und ein stilsicherer Bildkomponist, steht für eine junge Generation von Schweizer Regisseuren, die neuen formalen Mut schöpfen und sich am gewagteren internationalen Festivalkino orientieren. Er ist Teil der Schweizer Jung­filmer-Gruppe «8 Horses», die freilich nicht acht, sondern elf Mitglieder hat und aus befreundeten Filmemachern, Kameraleuten und Videokünstlern besteht. Diese arbeiten zusammen und wollen ihre Filme in Zukunft unabhängig produzieren. Zu «8 Horses» gehören u. a. Lorenz Merz («Cherry Pie»), Tobias Nölle sowie Simon Jaquemet, dessen Jugenddrama «Chrieg» am kommenden Festival von San Sebastián in der Sektion «New Directors» laufen wird. (blu)

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