Der Ingenieur der Komik

Wie sind Buster Keatons Filme konstruiert? Dieser Frage ist Klaus Nüchtern in einem sehr schönen Buch nachgegangen.

Der Mann ist lustig, aber er blödelt nicht: Buster Keaton 1924 als reicher Schnösel in «The Navigator».

Der Mann ist lustig, aber er blödelt nicht: Buster Keaton 1924 als reicher Schnösel in «The Navigator». Bild: Österreichisches Filmmuseum

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Buster Keaton äugt um eine Hausecke. Da reisst ihm ein Windstoss den flachen Hut vom Kopf. Ohne sich umzudrehen, greift der Mann hinter sich, erhascht die fliegende Kopfbedeckung und setzt sie sich wieder auf – als sei das die einfachste Sache der Welt.

Solcher Szenen wegen halten manche Menschen Buster Keaton für den grössten Komiker der Stummfilm- und frühen Tonfilmzeit. Zu ihnen gehört Klaus Nüchtern, der das Buch «Buster Keaton oder die Liebe zur Geometrie» veröffentlicht hat. TA-Leser kennen Nüchtern als gelegentlichen Rezensenten, hauptamtlich ist er Kulturredaktor der Wiener Wochenzeitung «Falter».

Nüchterns Buch ist keine Biografie. Ja, so traurig macht ihn der Niedergang seines Helden, dass wir zwar erfahren, dass dieser am 4. Oktober 1895 in Piqua, Kansas, als Joseph Frank Keaton geboren wurde, nicht aber, wann und wo er gestorben ist, nämlich am 1. Februar 1966 in Woodland Hills, Kalifornien. Den Namen Buster erhielt er, so die Legende, als er mit sechs Monaten eine Treppe hinunterfiel, ohne sich zu verletzen. «Was für ein Wahnsinnssturz!», soll der Entfesselungskünstler Harry Houdini gerufen haben, und das amerikanische Wort für «Wahnsinnssturz» war eben «buster».

Der Dreh mit dem Genickbruch

Stürze prägten Buster Keatons Leben: Sobald er gehen konnte, liessen ihn die Eltern, die als Vaudeville-Komiker auftraten, als «menschlichen Mopp» mitspielen. Das bedeutete, dass Vater Keaton mit seinem Sprössling jeweils den Boden putzte, bevor er den Kleinen in die Kulissen schmiss. Buster lernte früh, umzufallen, ohne sich wehzutun und dabei keine Miene zu verziehen – daher sein legendäres «stone face». Noch als hoch bezahlter Filmstar machte er die gefährlichsten Stunts immer selbst. Bei den Dreharbeiten zu seinem Meisterwerk «Sherlock Jr.» (1924) brach er sich buchstäblich das Genick – doch er spielte weiter.

Keatons Stummfilmkomödien zeigen «einen Körper in Aktion», schreibt Nüchtern. Der Komiker habe dabei eine «apollinische Akrobatik entwickelt», er lasse sein Publikum teilhaben an der «Utopie einer vom Schmerz befreiten Körperlichkeit». Tatsächlich hat sich kein Filmdarsteller je schöner bewegt als Buster Keaton. Sogar umfallen konnte er mit Eleganz. In der Regel ist die von ihm gespielte Figur am Anfang eines Films so ungeschickt wie nur möglich: Der Protagonist von «The Navigator» (1924) etwa ist ein reicher Pinkel, der noch nie einen Finger hat krumm machen müssen – und plötzlich finden er und seine ebenso unbedarfte Geliebte sich allein an Bord eines Ozeandampfers wieder, der aufs Meer hinausgetrieben ist. Wie macht man bloss eine Konservendose auf ? Mit einer Schaufel? Und wie kocht man in einem 100-Liter-Topf ein Ei? Im Lauf der Handlung entwickeln die beiden Unpraktischen dann aber eine verblüffende Virtuosität.

Gelegentlich zitiert Nüchtern zu viel aus akademischen Abhandlungen, die meist schlecht geschrieben sind. Er selbst dagegen formuliert elegant, und am besten ist er immer dann, wenn er schildert, wie minutiös Keaton und seine Mitarbeiter ihre Gagverkettungen konstruierten. Tatsächlich erklärte Keaton einmal: «Eine Filmkomödie ist mit der gleichen Präzision zusammengebaut wie das Innere einer Uhr.» Bei anderer Gelegenheit sagte er, wäre er nicht Komiker geworden, wäre sein Berufswunsch Ingenieur gewesen.

Ganz und gar unsentimental

Keaton war ein genialer Handwerker, der auf der Leinwand fast nie eine Miene verzog, anders als Chaplin, der nach einem gelungenen Scherz gern in die Kamera feixte. Im Gegensatz zu Chaplins Filmen sind Keatons Werke auch frei von jeder Sentimentalität. Das meinte Luis Buñuel, als er über Keatons «College» (1927) schrieb, der Film sei «schön wie ein Badezimmer». Das heisst aber nicht, dass Keatons Filme einen kalt lassen: Gab es je eine bewegendere Liebesgeschichte als diejenige zwischen der Keaton-Figur Friendless und der Kuh Brown Eyes in «Go West» (1925)?

In fast all seinen Filmen geht es um die elegante Überwindung komplexer Probleme. So werfen in «The General» (1927) die Feinde des Lokomotivführers Johnnie Balken auf die Schienen, um den Zug zum Entgleisen zu bringen. Todesmutig stellt sich Johnnie auf den Kuhfänger seiner fahrenden Lok, um die Balken aus dem Weg zu räumen. Einen hält er in den Armen. Da kommt ein zweiter. Was tun? Johnny wirft Balken 1 so auf Balken 2, dass dieser – Hebelgesetz – wegkatapultiert wird. Der Weg für die Lok ist frei.

«Wir lachen nicht über, sondern mit Buster», schreibt Nüchtern. Keatons Komik sei gerade dort bewundernswert, wo sie nicht bloss Gelächter hervorrufe, sondern verblüffe und beglücke, weil sie nicht vom Scheitern, sondern von einem Gelingen handle: «Das macht sie einzigartig und führt dazu, dass man mitunter von einem raren Anfall von Gattungspatriotismus heimgesucht wird, wenn Buster etwas macht: Menschen können so was? Wie schön!»

Erstellt: 19.02.2013, 08:31 Uhr

Info

Klaus Nüchtern: Buster Keaton oder die Liebe zur Geometrie. Komik in Zeiten der Sachlichkeit. Zsolnay, Wien 2012. 320 S., ca. 29 Fr.

Empfehlenswert ist die Filmbox «Buster Keaton: Seine besten Filme». 5 DVDs. Al!ve, ca. 70 Fr.

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