Der Kluge im Zuge

Die Berner Enrique Ros und Norbert Wiedmer blicken in einem Film-Essay auf das Leben im Schweizer Mittelland – poetisch unterfüttert von Pedro Lenz.

Eine Antenne von Mensch, der das Erhabene bei den kleinen Leuten findet: Pedro Lenz, der von Olten aus «mitten ins Land» pendelt.

Eine Antenne von Mensch, der das Erhabene bei den kleinen Leuten findet: Pedro Lenz, der von Olten aus «mitten ins Land» pendelt. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Der Dokumentarfilm sucht seine Themen ja oft an den Rändern: in fernen Ländern, in der Schweiz vielfach in den Bergen, bei herausragenden Persönlichkeiten oder bei Aussenseitern», sagt Enrique Ros. «Wir wollten exakt das Gegenteil: hin zur Mitte, zum Durchschnitt, zum Unspektakulären, zum Alltäglichen, zu den normalen Leuten. Ins Mittelland.»

«Mitten ins Land», so heisst denn auch der neue Film der Berner Enrique Ros und Norbert Wiedmer. Die beiden sind ein eingespieltes Regie-Duo seit drei Filmen (zuletzt «El encuentro»). Nun steuern sie in die gefühlte Mitte des Landes, zumal des Eisenbahnlandes: nach Olten. Von hier aus pendelt «Mitten ins Land» ins Irgendwo zwischen Zürich und Bern und begleitet dabei eine Handvoll Menschen.

Eine Lokführerin oder einen Jungpolitiker zum Beispiel (Cédric Wermuth auf dem Weg in den Nationalrat). Und immer wieder gehts zurück nach Olten, ins Restaurant Flügelrad etwa zu den dort kellnernden Zwillingsschwestern oder zu Volkan Inler, zum Bruder des Fussball-Nationalspielers, der als Werkhofangestellter in der Stadt für Ordnung sorgt und in den unteren Fussballligen ein kleiner Held ist.

Ein «People»-Freund

Die kleinen Helden, die haben es auch einem angetan, der ebenfalls zu dieser Gruppe Olten gehört, aber gleichzeitig aus ihr herausragt – und der sozusagen der Reiseführer in diesem Tingel-Film ist: dem Autor Pedro Lenz, der in Olten, direkt über dem Flügelrad, wohnt. Auch ihn interessieren die «People», wie er am Anfang des Filmes sagt, aber nicht die Prominenz, sondern das, was das Wort ursprünglich meint: das Volk. Ihm ist Lenz literarisch auf den Fersen, und dessen Gesprächen lauscht er, wenn er seine x-tausend Zugkilometer auf dem Weg zu Auftritten auf sich nimmt.

Enrique Ros kennt Pedro Lenz schon lange, seit jener Zeit, als dieser an der Universität Bern ein paar Semester Spanisch studierte und Ros dort einer seiner Dozenten war. «Ich wollte schon immer einen Film mit ihm machen», erinnert sich Ros. Lenz sei beim Dreh ein sehr enga­gierter Partner gewesen, habe Texte eigens für den Film geschrieben und den Machern die Lizenz gegeben, auch mal eine Passage zu kürzen oder zu verändern.

«Luft hole», heisst es einmal, «und öppis us der Luft usehole. / Und de wider fahre, / immer, immer fahre, / fahre und fahre und fahre, / mis Läben isch fahre, / und mängisch fahrts mer ii.» Eine bestechende Idee ist das, den Pedro Lenz, diese Antenne von Mensch, als literarischen Sensor durchs Mittelland zu schicken und mit ihm zusammen einer Mentalität, einer Atmosphäre, einer Schweiz im Kleinen auf die Spur zu gehen.

Im Aromatstreudosenland

Lenz’ Texte geben dem Film Thema und Tonart. Ros und Wiedmer beeilen sich aber zu betonen, dass «Mitten ins Land» keine Autorenbiografie sei, kein Film über Lenz. Was denn dann? «Ein Dreiecksfilm», so Ros, «ein Zusammenspiel zwischen Film, Literatur und Realität.» Was Ros meint, ist ein locker gesponnenes Geflecht aus Essay und Dokumentation, aus filmischen und literarischen Bildern des Mittellands, dieses «Aromatstreudosenlands», dieser «Plastikheuballenlandschaften», wie es Lenz formuliert. Norbert Wiedmer fängt dazu typische Bilder des mittelländischen Konglomerats von Industriebauten, Dienstleistungsgeländen und Mehrfamilienhaus-Rückseiten ein, auf der Tonspur begleitet vom ewigen «Ta-dam-ta-dam» der Züge.

Es ist eine filmische Form von aparter Unbestimmtheit, die im Vorfeld allerdings nicht alle Geldgeber überzeugte – Norbert Wiedmer kann noch heute nicht nachvollziehen, dass das Bundesamt für Kultur das Projekt abgelehnt hat. Allerdings wird «Mitten ins Land» nun prominent an den Solothurner Filmtagen gezeigt und ist für den Prix du Public nominiert. Und mit Pedro Lenz hat der Film ein Aushängeschild, das mittlerweile über die Literaturkreise hinaus bekannt ist und selber zu den «People», diesmal den prominenten, gehört.

Lenz’ Präsenz war allerdings auch der Grund dafür, dass der Filmstart um mehrere Monate verschoben werden musste. Als «Mitten ins Land» in den Endspurt ging, war «Der Goalie bin ig» schon am Start, Sabine Boss’ Verfilmung von Pedro Lenz’ Mundartroman. Der gemein­same Verleih pochte – mit gutem Grund – darauf, dass man sich in Sachen Lenz nicht selber konkurrenziere.

Geschadet habe die Verschiebung dem Film nicht, so Wiedmer, «Mitten ins Land» sei sowieso ein Werk, das Zeit ­gebraucht habe. «Gerade wenn man mit normalen Menschen arbeitet, muss man den Geschichten Raum geben, sich zu entwickeln.» Ein Panoptikum habe man angestrebt, ein Bild der Schweiz, geformt aus einzelnen Porträts und kleinen Geschichten, in denen man die Grösse gesucht habe.

«Öppis us der Luft usehole»

Im Kleinen das Erhabene, im Einzelnen das Allgemeine aufspüren, das ist exakt die Methode Lenz, und doch funktioniert das im Film nicht ganz so gut wie in den Texten. Auf der Leinwand haben die Begegnungen mit den Protagonisten etwas Perronhaft-Oberflächliches, und die Auswahl scheint nicht allzu zwingend. Dazu kommt die Episode über die Sondermülldeponie Kölliken, die zwar wunderbar geisterhafte Bilder dessen liefert, was im Untergrund des Mittellands lagert, aber im Film ein Fremdkörper ist. Dafür wird klar: Metaphorische Tiefenbohrungen gelingen Wiedmer und Ros nicht; das diffuse Gefühl fürs Mittelländische, von dem jeder eine ­Ahnung hat, wird hier nicht weiter akzen­tuiert.

Und doch ist es auch bezeichnend, dass der filmische Blick in die Mitte der Schweiz nirgends so richtig hängen bleibt. Das Mittelland als Region der ­Unschärfe, fassbar, wenn überhaupt, nur aus der fragmentierten Sicht des Durchreisenden. Oder – und das bewahrt das legere Geflecht des kinematografischen Essays vor dem Zerfasern – mit dem poetischen Sensorium eines Schriftstellers, das dem filmischen Erzählen hier eine Antennenlänge voraus ist. Wie sagt Lenz doch? «Luft hole / und öppis us der Luft usehole.»

Premiere heute in Solothurn, 20.45 Uhr, Reithalle (sowie am 28. Januar). 
Im Kino ab 5. Februar (Berner Premiere in Anwesenheit der Macher: 
Kino Bubenberg, 5. Februar, 20 Uhr).

Erstellt: 26.01.2015, 13:30 Uhr

Trailer

Unterwegs in eine Region der Unschärfe: 
Norbert Wiedmer und Enrique Ros. (Bild: zvg)

Artikel zum Thema

Der Sexorzismus

Unter dem sozialen Gebirge brodelt die Lust: Stina Werenfels zeigte in Solothurn ihren neuen Film. «Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» ist eine grandiose Studie über die Abschaffung der menschlichen Unwägbarkeit. Mehr...

Dankbare Geiseln

Analyse Warum es Solothurn braucht, Nyon, Locarno und sogar Montreux. Ein Plädoyer. Mehr...

Kommentare

Blogs

Sweet Home Willkommen im Weihnachtswunderland

Mamablog Zur Erholung ins Büro?

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...