Der Kümmerer aus Kasimpasa

Der türkische Spielfilm «Reis», der in einem Zürcher Kino läuft, verherrlicht Recep Tayyip Erdogan als Politiker ohne Schwächen. So viel Hagiografie dürfte selbst seine Anhänger irritieren.

Szene aus dem türkischen Heldenepos «Reis», das den Aufstieg von Recep Tayyip Erdogan zeigt. Foto: PD

Szene aus dem türkischen Heldenepos «Reis», das den Aufstieg von Recep Tayyip Erdogan zeigt. Foto: PD

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Ein Mann mit Schnauzbart macht Schlagzeilen. Er beleidigt Kritiker, bezeichnet sie als Vaterlandsverräter, schwört Rache. Er ist sich nicht zu schade, die absurdesten Sätze zu sagen. Zum Beispiel diesen: «Ich habe gedacht, der Nationalsozialismus in Deutschland ist vorbei, aber er geht noch immer weiter.» Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan möchte Alleinherrscher der Türkei werden. Von seinen Landsleuten – auch jenen in Westeuropa – erwartet er, dass sie beim Referendum am 16. April für das von ihm angestrebte Präsidialsystem stimmen. Sollte er mit diesem Vorhaben durchkommen, wird die vor knapp 100 Jahren von Mustafa Kemal Atatürk gegründete Republik zu Grabe getragen. Das Parlament bestünde in Zukunft nicht aus Volksvertretern, sondern aus Museumsverwaltern. Die Minister wären bestenfalls Statisten im Erdogans Kabinett.

Der Staatschef befürchtet, die Türken könnten bei seinem bösen Spiel um unbeschränkte Macht nicht mitmachen. Deshalb möchte er alle Landsleute mobilisieren. Er schäumt vor Wut, wenn deutsche Städte die Auftritte seiner Minister verbieten, die für das Projekt werben wollen. «Wenn ich will, komme ich morgen. Ich komme, und wenn ihr mich nicht hereinlasst oder mich nicht sprechen lasst, dann werde ich die Welt erschüttern», drohte er am Wochenende in Richtung Berlin.

Die «schwarzen Türken»

Zunächst ist aber der «Reis» gekommen, der Anführer, der Boss, der Chef. «Reis» heisst der Film des türkischen Regisseurs Hüdaverdi Yavuz. Pünktlich zum Beginn der heissen Phase des Abstimmungskampfes zeigen die Kinos in der Schweiz, in Deutschland, in Österreich und Italien, in Frankreich und Dänemark das Heldenepos. Ein Geschenk Erdogans für die türkische Diaspora. Die Premiere feierte der Film am 26. Februar in Istanbul, an Erdogans 63. Geburtstag. Es ist eine Propagandashow, in der Erdogan als Regierungschef, Staatspräsident, Modernisierer und Autokrat mit islamistischer Agenda nicht vorkommt.

«Reis» - der Trailer.

Die Zuschauer werden in das Istanbul der 60er-Jahre gedrängt. Dort, im Hafenviertel Kasimpasa, wo 1493 die Eroberung Konstantinopols durch die Osmanen begann, wächst ein Junge in einer frommen Familie auf. Die Frauen sind verschleiert; Männer, die Schnaps mit Anisaroma trinken, gelten als Sünder. Die meisten Nachbarn sind Ankömmlinge vom Schwarzen Meer. Sie werden von der kemalistischen Elite verächtlich «schwarze Türken» genannt, bildungsferne Dörfler, die nicht mit Messer und Gabel essen können, ein wenig Geld als Tagelöhner verdienen, die Gebetsketten durch die Finger gleiten lassen und die Freizeit Tee trinkend oder mit sentimentalem Arabesk-Pop totschlagen. Es ist keine idyllische Welt. Die Underdogs werden von den Söhnen der Reichen verprügelt und diese kommen frei, weil Richter und Politiker korrupt sind. Grob­schläch­tige Männer schliessen dubiose Geschäfte ab. Die Nachricht, dass die Armee Ministerpräsident Adnan Menderes hingerichtet hat, treibt die Männer zur Weissglut. Im Gockelgang erklären sie den Mächtigen den Krieg.

Nur der kleine Recep Tayyip Erdogan verhält sich vorbildlich. Er prügelt nicht, der Imam sieht ein «Leuchten» in seinen Augen, von den Altersgenossen wird der Junge mit dem Ehrentitel «Reis» angesprochen, obwohl er kaum lesen und schreiben kann. Das von seinem Vater gesparte Geld für ein Velo spendet er einer bedürftigen Familie.

Erdogan wird vom Regisseur Hüdaverdi Yavuz als Kümmerer aus Kasimpasa, als eine Art türkische Version von Mutter Teresa porträtiert. Es wird krampfhaft versucht, ihn als makellosen Propheten erscheinen zu lassen. Auch als Bürgermeister von Istanbul bleibt er gutherzig und stets im Dienste des Volkes. Er gibt den «schwarzen Türken» die Würde zurück, jagt die Baumafia zum Teufel, für seine Anhänger ist er der «brennende Fluss», der höchstpersönlich einen Hund aus einem Brunnen rettet. Das Kind freut sich – und mit ihm das ganze Volk. So viel Erdogan-Hagiografie dürfte selbst seine Anhänger irritieren. Hat der Mann keine Schwächen? «Er hat keine Schwächen», lautet die Antwort des Filmemachers. Endlich herrscht Klarheit. Vielleicht deshalb wird der Film in der Schweiz nur eine Woche gezeigt. Der echte Erdogan führt das Land derweil in Richtung Diktatur.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2017, 21:00 Uhr

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