Der Maler der leuchtenden Berge

Christian Labharts intensiver Dokumentarfilm über Giovanni Segantini verzichtet auf kunstwissenschaftliches Zerreden. Er lässt die Bilder selber sprechen. Und den Maler.

Giovanni Segantini mit seiner Frau Bice vor dem Gemälde «Das Pflügen» (um 1890). Foto: Look Now!

Giovanni Segantini mit seiner Frau Bice vor dem Gemälde «Das Pflügen» (um 1890). Foto: Look Now!

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Ein solches Leben und Werk, in einem derartigen Widerspruch zueinander; ein so eigenwilliger Künstler wie Giovanni Segantini (1858–1899), der als Maler von Berglandschaften, Menschen und des Lichts berühmt wurde, das auf sie fällt, zugleich mit den Behörden im Streit lag, anarchistische Ansichten vertrat und als Staatenloser in die Schweiz flüchtete, der sich zuletzt ins Engadin zurückzog, wo ihn auf einer Alphütte ein früher Tod ereilte mit nur 41 Jahren: Diese Kombination aus Bildern, Biografie und Schicksal drängt zu einer Verfilmung. Der Zürcher Dokfilmer Christian Labhart hat sie in «Giovanni Segantini, Maler des Lichts» gewagt.

Er habe fünf Jahre lang daran gearbeitet, sagt der 62-Jährige im Gespräch. Die Idee dazu sei ihm viel früher gekommen: «Segantinis Bilder begleiten mich seit über vierzig Jahren.» In einer frühen Fassung des Films liess der Regisseur Experten auftreten, kam dann aber davon ab und ist heute froh darum. Er hat recht. Dass die Bilder nicht von Kunsthistorikern zu Texten gemacht werden, erleichtert den Zugang zu ihnen. Statt Analysen liefert der Film Ergänzungen: durch autobiografische Briefe und Texte des Malers und Auszügen aus «Das Schönste, was ich sah», dem Künstlerroman von Asta Scheib.

Bruno Ganz liest Segantini, Mona Petri trägt aus dem Roman vor. Der Maler selbst wird nicht von einem Schauspieler nachgestellt – zum Glück, denn auch dieser Verzicht erweist sich als Vorteil. In seiner Abwesenheit tritt er durch seine Bilder noch stärker hervor. Christian Labhart hat einen Film gedreht, der alles Unwichtige, Dazuerfundene, Nachgeredete weglässt und seiner Hauptfigur dadurch näherkommt.

Bruno Ganz aus dem Off

Dabei vertraut der Regisseur dem Blick von Pio Corradi, dem Ästheten unter den Kameramännern, der die wuchtigen Gemälde des Malers mit Aufnahmen aus den Bündner Bergen und aus den Orten seines Lebens gegenschneidet. Segantinis arme Kindheit im Südtiroler Dorf Arco und später in Mailand; der Tod der geliebten Mutter, das Verschwinden des Vaters; Überleben als Tagedieb, Einweisung des Zwölfjährigen in eine katholische Erziehungsanstalt, wo er zu malen beginnt; Aufnahme in die Kunstakademie, Verweigerung des Kriegsdienstes, Liebesglück, vier Kinder, Umzug ins Bündnerland, Erfolg und Tod, offiziell an Blinddarmentzündung, möglicherweise aber auch an den Folgen einer Bleivergiftung, die vom Bleiweiss in seinen Farben herrührte.

Der Anfang des Films gibt die Stimmung vor, die Labharts Film ganz bestimmt. Die Kamera fährt eine Gebirgskette ab, wie Segantini sie gemalt hat, Bruno Ganz trägt aus dem Off vor, wie der Maler seine Arbeit und sein Leben zusammengedacht hat in seinen absoluten Worten: «Die Kunst stirbt niemals. Sie ist ein Teil unseres Ichs. Sie ist mit unseren Leidenschaften verknüpft, darum ist sie unzerstörbar. Mein Leben ist ein einziger Traum, der sich allmählich einem Ideal nähert bis hin zum Verlöschen der Materie.»

Bilder in Bewegung

So kann nur einer denken, der das Grosse bannen möchte, in dem er es auf die Leinwand wirft. Immer wieder sucht Corradis hochauflösende Black Magic Camera Segantinis Bilder ab, der die Farben in Linien aneinanderlegte und komplementär aneinandersetzte, macht filmend sichtbar, wie dem Maler gelang, was er sich vorgenommen hatte. Die Spezialkamera erlaubt eine möglichst genaue Farbkorrektur, und dass der Kameramann die Bilder nicht statisch abbildet, sondern in einer Bewegung erfasst, verstärkt die Wirkung.

So bleibt der Regisseur nahe an Giovanni Segantinis Werk und Ansichten, handelt sich damit aber einen Nachteil ein, der seinen schönen Film belastet: die Schwere des Pathos. Die aufgetürmte Prosa in Segantinis Texten klingt heute fremd und aufdringlich, der gelegentlich sentimentalische Zug von Asta Scheibs Biografie schafft keinen Kontrast dazu. Dazu kommt noch die Musik, ausgewählter Barock und Kompositionen des Schweizer Musikers Paul Giger für Streicher, Orgel und Countertenor; obwohl Labhart die Musik zurückhaltend einsetzt, wirkt sie so stark auf den Film ein, dass sie die Bilder gelegentlich überwältigt.

Aber das sind Klagen auf alpinem Niveau.

Segantini – Magie des Lichts. Dokumentarfilm von Christian Labhart. 82 Minuten. Ab Donnerstag im Kino Alba. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2015, 17:35 Uhr

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