Der Mann, der zu verschwinden droht

Joaquin Phoenix spielt in «You Were Never Really Here» einen gnadenlosen Killer, den die Gewalt langsam auslöscht.

Schattendasein: Phoenix als traumatisierter Veteran. Foto: Alison Cohen Rosa

Schattendasein: Phoenix als traumatisierter Veteran. Foto: Alison Cohen Rosa

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Muss man sich Sorgen um Joaquin Phoenix machen? Seine Rollenwahl scheint mehr und mehr auf die Notwendigkeit einer existenziellen Selbstversicherung hinzudeuten. Nicht erst seit dem Experiment «I’m Still Here» (2010), in dem sich der US-Schauspieler entschied, künftig als Rapper tätig zu sein, wobei irgendwann keiner der Beteiligten mehr erfassen konnte, wie unernst es ihm dabei noch war. Der Titel des neuen Thrillers «You Were Never Really Here» klingt jetzt wie die schroffe Antwort auf die Identitätswirren des Rollenspiels: Völlig egal, was du sein möchtest, richtig existiert hast du ja sowieso nie.

In diesem Fall hat das damit zu tun, dass der Ex-Soldat und Ex-Polizist Joe, den Phoenix jetzt spielt, in New York ein Schattendasein als Mann fürs Grobe führt. Er wird gerufen, um minderjährige Entführungsopfer zu befreien und dabei so gnadenlos wie möglich vorzugehen. Joe lebt mit seiner betagten Mutter in einem kleinen Haus, und sonst ist es, als gäbe es ihn nicht. Er sorgt dafür, dass niemand seine Adresse kennt, und wenn er Spuren hinterlässt, dann sind es Blutlachen. Phoenix spielt Joe mit der Intensität des Gebrochenen: als vernarbten Kriegsveteranen, die Muskeln erschlafft, das Gesicht im Halbschatten. Wie ein Geist, der aus schwarzer Nacht auftaucht und um die nächste Ecke verschwindet, zu erkennen einzig an der Verwüstung, die er zurücklässt.

Seine Hiebe, für die er am liebsten einen Hammer aus dem Baumarkt einsetzt, treffen noch immer aufs Brutalste, aber die Gewalt macht ihn fertig. Ein Mann kurz vor der Selbstzerstörung, dessen Bewusstsein immer wieder von Traumasplittern durchbohrt wird: ein Mädchen, das im Kriegsgebiet erschossen wird; ein Container mit toten Migrantinnen. Joe als Kind, das im Kleiderschrank rückwärts zählt, versteckt vor dem gewalttätigen Vater. Solche Flashbacks wirken im Kino in der Regel wie billigste Psychologisierungen. Bei der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay («We Need To Talk About Kevin») werden sie zu überscharfen Fragmenten des Horrors, die eine ohnehin in Auflösung begriffene Existenz destabilisieren.

Zugleich haben wir es hier mit einem der seelenvollsten Raubeinen seit langer Zeit zu tun. Anna, die Tochter eines New Yorker Senators, die Joe auf dessen Auftrag aus einem Bordell mit minderjährigen Sexsklavinnen befreit, bedankt sich bei ihm, indem sie sich im Auto zu ihm hinüberbeugt, ihn umarmt und die Lippen auf seine Wange drückt, weil sie wahrscheinlich denkt, so etwas würden ältere Männer von ihr erwarten. Joe schiebt sie zurück in ihren Sitz, und wie Joaquin Phoenix es schafft, ihr in ein und derselben Bewegung den Sitzgurt umzulegen, ist ein kleines Wunder von Schauspiel und Regie.

Stark im Zusammenbruch

Es gibt noch weitere. Die stilisierte Inszenierung hat nicht selten mehrere Register offen, den Thriller wie die Verspieltheit und den unverhofften Humor. Die Gewalt wird mal verstärkt durch Johnny Greenwoods (Radiohead) super zeitgenössische Kompositionen für Synthesizer und Streichergekreisch, mal irritierend konterkariert mit dem Jukebox-Schmachtfetzen «Angel Baby» von Rosie and the Originals aus dem Jahr 1960. Sängerin Rosie Hamlin war zum Zeitpunkt der Aufnahme 15 Jahre alt. Das unterstreicht, auf welch paradoxe Art Lynne Ramsay die Dinge miteinander in Verbindung bringt: die Sehnsucht nach Unschuld mit dem kalt stechenden Schmerz, die süsse Wärme einer Schnulze mit der Brutalität.

Es gibt keine Erlösung aus Ramsays Verstörungen der Existenz. «Ich bin schwach», ruft Joe verzweifelt, als ihn gegen Ende der Zusammenbruch ereilt. Stärker präsent als in dem Moment, in dem er vollends zu verschwinden droht, ist er im ganzen Film nie.

In Zürich ab morgen im Kino Riffraff. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2018, 17:22 Uhr

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