Der Mensch ist ein böses Tier

Sebastião Salgado fotografierte die Leichenberge der Welt und ging daran fast zugrunde. In Wim Wenders’ Dokumentarfilm «Das Salz der Erde» betrachtet der grosse brasilianische Fotograf sein Lebenswerk.

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Als der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado, geboren 1944, alles gesehen hatte nach seinem gewaltigen Bilder-projekt «Exodus» (1993–1999), wollte er nichts mehr sehen. Keine Menschen mehr am tiefsten Punkt ihrer Not und am Ende ihres Widerstands, in der Sahelzone oder im Kongo, wo ihnen die Haut zur Baumrinde verdorrt war, bevor die Cholera sie ganz austrocknete. Nichts mehr wie in Ruanda, keine Berge von zerhackten und zerfetzten Leichen auf der Strasse nach Kigali, keine Flüchtlingsströme von einer Katastrophe in die andere und wieder zurück, keine kongolesischen Lager, in denen Kadaver mit Baggern verscharrt wurden. Auch das zerrissene Jugoslawien nicht mehr, wo er 1994 erlebt hatte, wie europäische Nachbarn in abstossender Gewalttätigkeit versanken.

Das Leichengift in der Erde

Salgado hatte das seit Jahrzehnten der Welt gezeigt, nicht nur die Not, sondern auch die Würde in der Not. Er war dort, wo kein Hund begraben sein möchte, aber tote Kinder respektvoll beerdigt werden. Er wollte, dass das Elend gewusst wurde von denen, die es besser hatten. Aber es hatte nichts genützt, und seine Seele wurde krank, und davon berichtet Sebastião Salgado in einer stillen, sehr berührenden Passage des Dokumentarfilms «Das Salz der Erde»: wie die empathische Sozialfotografie, seine ­Lebensaufgabe, an ihre Grenzen kam und seine Kunst an ein Ende, an dem er nur noch sah, dass der Mensch ein böses Tier war, das die Erde mit Leichengift versalzte.

Der Film ist eine Gemeinschaftsarbeit von Wim Wenders, der ja immer mehr Fotograf war als Dramatiker, und von ­Juliano Ribeiro Salgado, Sebastiãos Sohn. Darum ist er nun beides: Porträt eines verehrten Künstlers und Porträt eines Vaters, der mehr Zeit damit zugebracht hat, fremde Kinder sterben als die eigenen aufwachsen zu sehen. Eine diffizile, differenzierte biografisch-fotografische Mischung. Leise Traurigkeit legt sich über die Verehrung und über die Melancholie gleich wieder die Bewunderung. Keiner der Autoren wird eitel in seiner interpretatorischen Rolle. Das hält den Film quasi im sachlichen Gleichgewicht.

Vor allem reden hier Sebastião Salgado und seine schwarzweissen Bilder. Er und sie erzählen die Geschichte eines Lebens und die Geschichte vieler Leben (denn an jeder von Salgados Aufnahmen hängt so eine Erzählung, eine individuelle Existenz, eingefroren im Bruchteil einer Sekunde, und er hat keine davon vergessen). Sie handeln alle von der Wirklichkeit und ihrer Abbildung. Von der Schönheit und ihrer Herstellung und von der Hässlichkeit und ihrer Kontrolle durch einen manchmal erschreckend erbarmungslosen Stilwillen.

Und so handelt jede Geschichte eines Bildes auch von dem, der es machte: dem studierten Ökonomen Salgado, der das Abenteuer Welt – man darf «Welt» wörtlich nehmen, zwischen Arktis und Antarktis – durch die Fotografie entdeckte; dem Abenteurer, der seine voyeuristischen Leidenschaften durch verantwortungsbewusstes thematisches Engagement bändigte. Und unser Erschrecken über die stilbewusste Gestaltung des menschlichen Unglücks­zustands müssen wir schon aushalten. Es ist uns zumutbar, weil da einer den Preis seiner Kunst doch bezahlt und den realen Schrecken selber ausgehalten hat, bevor er ihn fotografierte. Bis es eben nicht mehr ging und er fast starb an zu viel aufgesogenem Leid.

Es ging dann doch weiter. Anders. ­Sebastião Salgado sucht für sein Langzeitprojekt «Genesis» lang schon und quasi mit genesender Hoffnung nach den unverstümmelten Resten unseres Planeten. Nach der Erde und dem Menschen, wie sie vielleicht einmal gedacht waren (das klingt pathetisch; aber ja, er scheint da tatsächlich so etwas zu vernehmen wie eine Schöpfungsmelodie).

Niemand lebt vom Bild allein

Wenders und Juliano Salgado haben ihn oft begleitet in den letzten Jahren. Wo ihr Film am filmischsten ist, tun sich die paradiesischen Reservate auf, die der 70-Jährige jetzt bereist: jenes der Walrosse am arktischen Polarkreis; oder ­jenes der freundlichen Menschen vom Stamm der Zo’é im Regenwald Brasiliens, die er nun fotografiert in der Art eines idealistischen Ethnologen.

Und schliesslich, über alle Fotografie hinaus: Dies ist auch die wundersam konkrete Geschichte einer Heimfindung und der Erkenntnis, dass der Mensch nicht vom Bild allein lebt. Nach langen Jahren in Paris (ungeliebtes Exil wars nicht, aber wahrscheinlich auch nie ganz Heimat) hat Salgado beschlossen, die gerodeten Wälder rund um seinen brasilianischen Geburtsort aufzuforsten. Das von ihm und seiner Frau gegründete «Instituto Terra» habe schon zweieinhalb Millionen Bäume pflanzen und tausend Quellen erschliessen lassen, heisst es. Einmal, wenn er Glück habe, sagt er, werde er den Wasserfall seiner Kindheit wieder rauschen hören.

Eine verdiente Zeit

Ein bisschen erinnert er da an Voltaires Candide, der von der grossen Welt gesunden wollte, indem er den eigenen kleinen Garten bestellte. Man kanns nicht übersehen: Hier sind ein Film und ein Leben in ihre sentimentale Phase eingetreten. Aber hat einer wie Sebastião Salgado, der an seinem Wirklichkeitssinn fast draufgegangen ist, sich diese Sentimentalität nicht verdient?

Das Salz der Erde (Frankreich/Brasilien 2014); 110 Minuten. Regie: Wim Wenders und Juliano Ribeiro Salgado.

In Zürich in den Kinos Arthouse Movie und Houdini.

Erstellt: 14.11.2014, 18:21 Uhr

Trailer «Das Salz der Erde»

Im Kino

Das Salz der Erde

Das Salz der Erde (Frankreich/Brasilien 2014); 110 Minuten. Regie: Wim Wenders und Juliano Ribeiro Salgado.

In Zürich in den Kinos Arthouse Movie und Houdini.

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