Interview

«Der Mensch wird von Sex und Aggression beherrscht»

Die Veranstaltungsreihe Cinépassion in den Zürcher Arthouse Kinos würdigt den Film aus Sicht der Psychoanalyse. Was sagt der Experte dazu? Ein Gespräch mit Doktor Markus Fäh.

Die Lust an der Qual oder Töten als Lust: Karen Bach rächt sich im Film «Baise-moi» für die Demütigungen, die sie erfuhr.

Die Lust an der Qual oder Töten als Lust: Karen Bach rächt sich im Film «Baise-moi» für die Demütigungen, die sie erfuhr.

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Herr Dr. Fäh, welches ist Ihr letzter bleibender Filmmoment?
Lars von Triers «Melancholia». Die Schlussszene: Claire (Charlotte Gainsbourg), panisch in diesem Holzverschlag kauernd, die baldige Apokalypse unbändig und hoffnungsvoll erwartend. Es ist die passive Erfahrung des langen gespannten Wartens während des gesamten Filmes – verknüpft mit der Wunschvorstellung, dass der Planet doch bald die Erde treffen möge und somit alles vorbei ist. Eine Art gewaltiger terminaler Orgasmus.

Während dieser Film bei Ihnen so viel auslöst, empfinden ihn andere als verwirrend, anstrengend oder schlicht langweilig. Wie erklären Sie das?
Filme sind nach den gleichen Prinzipien konstruiert wie Träume, nämlich über assoziative Verknüpfungen von Bildern und Szenen: Seelisches Material – Gefühle und Gedanken – werden visuell und akustisch dargestellt.

«Melancholia» erscheint als geradezu subtiler Film im Vergleich zu «Baise-moi», den Sie am Samstag im Zuge von Cinépassion kommentieren werden. «Baise-moi» wird keinen Kinobesucher kalt lassen.
Natürlich, «Baise-moi» ist – oder war zumindest bei seinem Kinostart 2000 – ein Schocker. Die expliziten Sexszenen und Gewaltexzesse sorgten damals für Furore. Der Staatsrat in Frankreich setzte den Film auf den Pornografie-Index. Jean-Luc Godard höchstpersönlich machte sich für den Film stark. Eine grosse Kulturdebatte wurde losgetreten. Dabei geht es meines Erachtens nicht primär um den Sex, vielmehr um eine ganz bestimmte Form von Gewalt und ihre Wurzeln – und die plakativ feministische Aussage, die der Film macht.

Sie meinen: Die Lust an der Qual oder Töten als Lust?
Der Mensch wird von zwei energetischen Quellen, sogenannten Trieben, beherrscht: Sex und Aggression. Beide fordern Befriedigung. Unser Gewissen fungiert als Instanz, die unsere Triebe im Zaum hält und im Interesse der Kultur und des Zusammenlebens kontrolliert. Dies führt zu massiven Konflikten bei jedem Einzelnen.

Es ist kein Zufall, dass Cinépassion mit «Baise-moi» und «Romance» zwei Filme weiblicher Regisseurinnen aussuchte?
Wir gehen bei der Filmauswahl von den Filmen aus und nicht vom Geschlecht der Regisseure. Es ist aber sicher bezeichnend, dass die Filme aus der Perspektive einer Frau gedreht wurden.

Inwiefern unterscheiden sich diese Triebhaftigkeit und das «Konfliktmanagement» zwischen den beiden Geschlechtern? Es gibt offenbar mehr männliche Triebtäter als weibliche…
Grundsätzlich sind beide Geschlechter mit den gleichen Trieben ausgestattet. Die Annahme, dass Männer a priori gewalttätiger seien, ist falsch. Dass sie im Verhalten häufiger dazu neigen, hat mit der Entwicklung von Männern und Frauen in unserer Kultur zu tun. Männer wehren oft mehr als Frauen den Zugang zu ihrer Fantasiewelt ab und neigen daher mehr zum Agieren... Da hat sich aber auch einiges verändert. Längst sind nicht mehr alle Männer psychologische Analphabeten

Sex als Urinstinkt ist uns abhanden gekommen. Wie kann Psychoanalyse helfen, ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Sexualität zu kurieren?
Psychoanalyse ist ein mächtiges Instrument, seinen unbewussten Hemmungen und Konflikten und damit auch seinen Triebkräften auf die Spur zu kommen und sein Potenzial, in kreativer und sexueller Hinsicht, zu entfalten.

Sie sagen: Wer den vollen Zugang zu seinem inneren sexuellen Reichtum hat, liebt besser. Verfügt tatsächlich nicht jeder über den gleich grossen «inneren Reichtum»?
Wer sexuell erfüllt ist, liebt besser. Wer besser liebt, arbeitet besser. Jede und jeder hat seinen unverwechselbaren inneren Reichtum, den er ausschöpfen kann.

Erstellt: 07.09.2012, 11:02 Uhr

Dr. Markus Fäh (Jahrgang 1958) ist praktizierender Psychoanalytiker und Ausbildner am Freud-Institut Zürich. Neben seiner Tätigkeit als Therapeut und Dozent leitet er regelmässig Seminare, veröffentlicht wissenschaftliche Artikel oder schreibt Bücher. Zuletzt erschienen ist «Was tut ein Psychoanalytiker? Vorträge und Schriften zur Praxis der Psychoanalyse.» Mehr Infos: www.markusfaeh.com (Bild: zVg)

Cinépassion

Die Filmreihe Cinépassion nähert sich dem Medium Film aus der psychoanalytischen Perspektive. Mit Blick auf den verborgenen Sinn – den Film hinter dem Film – eröffnet die Psychoanalyse zusätzliche Möglichkeiten der Interpretation. Seit 2006 werden in Zusammenarbeit mit der Zürcher Arthouse Commercio Movie AG ausgewählte Klassiker sowie Filme aus dem aktuellen Kinoprogramm vorgeführt, anschliessend von Psychoanalytikern kommentiert und mit dem Publikum diskutiert. Mehr Infos: www.cinepassion.ch

Video

Trailer: «Baise-moi», Virginie Despentes, Frankreich 2000.

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Trailer: «Romance», Catherine Breillat, Frankreich 1999.

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Trailer: «L'empire des sens», Nagisa Oshima, Japan/Frankreich 1976.

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