Der Modeschöpfer im Drogenrausch

Opulent und überzeichnet: Im Film «Saint Laurent» lässt Regisseur Bertrand Bonello den Modeschöpfer in Sucht und Rausch untergehen.

Gaspard Ulliel spielt einen resignierten Yves Saint Laurent. Foto: Frenetic Films

Gaspard Ulliel spielt einen resignierten Yves Saint Laurent. Foto: Frenetic Films

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Mannequins von erlesener Schönheit schweben in russischen Folkloregewändern, Turbanen und Taftabendkleidern der Belle Epoque über den Laufsteg: Mit dem zauberhaften Defilee zur Kollektion «Les ballets russes» von 1976 setzt der französische Regisseur Bertrand Bonello fast zum Schluss den ästhetischen Höhepunkt des Films «Saint Laurent». Ein Modetraum aus teuersten Stoffen und dezenten Farben. Den von Mondrian, Picasso, Matisse, Van Gogh und Warhol inspirierten Yves Saint Laurent (Gaspard Ulliel) lässt er etwas resignativ dazu sagen, nur bei dieser einen Kollektion habe er sich selbst als Maler gefühlt.

Tatsächlich präsentiert der Film sonst eine eher seelenlose Ästhetik, die der Couturier angeblich selber zum Programm erhoben haben soll. Im letzten Drittel des Films lässt Bonello ihn sagen: «Ich liebe Körper ohne Seele, weil die Seele anderswo ist.» So spielt der Film vor allem im Elfenbeinturm steriler Ateliers, schwüler Clubs und musealer Luxuswohnungen. Seelenlose Ästhetik wird auch durch die sinnlichen Szenen suggeriert, die im Rausch stattfinden und durch Musik von Richard Wagner, Maria Callas oder Lou Reed ins Schwülstige stilisiert werden. Selbst Saint Laurents anmutige Musen Betty Catroux (Aymeline Valade) und Loulou de la Falaise (Léa Seydoux) werden zu puppenhaften Modeikonen.

Das Biopic konzentriert sich auf den jungen Saint Laurent, auf die Jahre 1967 bis 1976, seine schaffensreichste Lebens­phase. Ganz im Unterschied zum Film «Yves Saint Laurent» von Jalil Lespert, der im Frühling anlief, tritt der Modeschöpfer bei Bonello verführbarer und lasziver auf. Dafür verblasst sein Lebens- und Geschäftspartner Pierre Bergé (Jérémie Renier) zur Hintergrundfigur. Die Strafe dafür, dass Bergé dieses zweite YSL-Projekt nicht autorisiert hat? Jedenfalls konnte Bonello nicht an Originalschauplätzen drehen, auch nicht in der Villa Majorelle von Marrakesch.

Die Bulldogge stirbt an LSD

Die Form- und Farbenwelt Marokkos, die den jungen Saint Laurent damals inspiriert und bereichert hatte, fehlt fast ganz. Bonello reduziert Bergé auf die Rolle des kühlen Geschäftsmanns, der in Konkurrenz zu den anderen Haute-Couture-Häusern mit einer Prêt-à-porter-Linie die Mode demokratisiert und für den Normalbürger erschwinglich gemacht hat. Den Platz als Liebhaber von Saint Laurent muss Bergé dem schwarzhaarigen Beau Jacques de Bascher (Louis Garrel) überlassen. Wortlos, morbid und schön wird er dem jungen Saint Laurent zum diabolischen Verführer.

Wobei Bonello keine lineare Handlung erzählt, sondern eine üppige Szene an die andere reiht. Die Bilder spiegeln das Seelenleben eines Mannes, der beklagt, nie wirklich gelebt zu haben, und seinen Lebensüberdruss im Drogenrausch vergessen will. Kaum eine Sequenz, in der sich YSL nicht eine Zigarette anzündet und das Glas mit Whisky füllt. Die Sucht potenziert die erotischen Szenen ins Orgiastische. Küssend schieben sich Saint Laurent und de Bascher Acidpillen in den Mund. Während sie in einen Sinnesrausch taumeln, frisst Saint Laurents geliebte Bulldogge Moujik LSD-Tabletten und verendet erbärmlich.

Da passt es, dass der alternde und kranke Saint Laurent inmitten seiner Kunstschätze wehmütig auf sein Leben blickt. Gespielt wird dieses Drogenwrack vom früheren Visconti-Star Helmut Berger, der eigentlich sich selber spielt.

Elektroschocks und Krieg

Der in morbid-exzessiven Bildern dahinfliessende Film ist also keineswegs frei von Klischees. Homosexualität scheint nur als zügellose und abgründige Spielart menschlicher Beziehung darstellbar. Bonello überzeichnet die Figur Saint Laurents, indem er sie in grellen Farben auf Rausch, Sucht, Opulenz und Dekadenz fixiert. Haben Saint Laurent und Bergé wirklich mit ihren Lastern die Gesellschaft erobert, in einer Zeit zumal, als auch Homosexualität als solches galt und noch kaum gesellschaftsfähig war? Wohl eher sind sie dank Intelligenz, Talent und Disziplin zum erfolgreichen Männerpaar geworden. Bei Bonello aber muss die Ausschweifung über den Fleiss dominieren, weil dieser, wie der Film anschaulich macht, nicht sexy ist.

Dabei tönt Bonello die Hintergründe für dieses Leben in Sucht und Abhängigkeit nur vage an. Etwa das nachhaltige Trauma von 1960, als der Modeschöpfer zum Wehrdienst für den Algerienkrieg eingezogen wurde, dann aber zusammenbrach und in der Nervenklinik unter Elektroschocks und Betäubungsmitteln auf vierzig Kilo abmagerte. Später war es der Spagat zwischen Künstlertum und kommerziellem Zwang, der permanente Arbeits- und Kreativitätsdruck, der ihn an den Rand der Kräfte brachte.

Der Druck erhöhte sich just Anfang der Siebzigerjahre, als er neben den zwei Haute-Couture-Kollektionen jährlich zwei Prêt-à-porter-Linien entwerfen musste. Bonello legt Saint Laurent ein Bonmot von Marcel Proust in den Mund: «Ich schuf ein Monster und muss damit leben.» Der reale Saint Laurent allerdings verwies zeitlebens auf ein anderes Wort seines Lieblingsdichters, um das Bild des leidenden Künstlers zu kultivieren: «Die Familie der Übersensiblen ist erhaben und bedauernswert.»

Im vergleichsweise braven Film «Yves Saint Laurent» mimt Pierre Niney den übersensiblen Modeschöpfer mit Bravour. Im opulenten «Saint Laurent» von Bonello dagegen verkörpert Gaspard ­Ulliel den durch die Sucht zum Monster gewordenen Saint Laurent – weit weniger überzeugend.

Saint Laurent (F 2014). 150 Minuten. Regie: Bertrand Bonello. Mit Gaspard Ulliel, Jérémie Renier u. a. In Zürich im Arthouse Movie. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2014, 18:13 Uhr

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