Hintergrund

Der Mord als schöne Kunst

Der Spielfilm «Hitchcock» erzählt, wie der Film «Psycho» entstand. Mit Anthony Hopkins als «Meister der Spannung».

Der «Master of Suspense»: Anthony Hopkins in der Rolle des Alfred Hitchcock.

Der «Master of Suspense»: Anthony Hopkins in der Rolle des Alfred Hitchcock.

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Ein Drama, sagte Alfred Hitchcock, dessen bürgerliche Wirklichkeit nicht so aufregend war wie seine Filme, sei ein Leben, aus dem man die langweiligen Momente herausgeschnitten habe. Der Spielfilm «Hitchcock», ein biografischer Versuch des Engländers Sacha Gervasi, ehrt den Meister durch Respekt vor seiner Maxime. Es geht darin nicht um das Ganze, sondern um das Spannende.

Nämlich: Im Jahr 1959, mit 60, fiel Alfred Hitchock (Anthony Hopkins) in eine Art Schaffenskrise, soweit sein unermüdlich tüftelndes Genie das überhaupt zuliess. Denn es war nicht so, dass ihm nichts mehr eingefallen wäre. Die Filme waren über die Jahre ja geradezu aus ihm herausgequollen, zuletzt «North by Northwest» in seiner kühlen und kühnen Thriller-Eleganz, davor «Vertigo», dieser schwindlig machende Blick in eine Seelendüsternis. Aber Qualen bereitete ihm der Gedanke, seine Einfälle könnten im Stande der Perfektion erstarren. Oder, was ihm noch fürchterlicher gewesen wäre, in der Routine des Fernsehens, da er, der wirkliche Hitchcock, dort bereits als sein eigenes Image auftrat, als «Master of Suspense», und sehr erfolgreich die serielle Spannungsherstellung praktizierte.

Die irritierende Liebe zu Alma

Er war berühmt, aber die Sättigung sättigte ihn nicht. Die Freiheit des Anfangs war verloren. Zu viel Geld, das nicht glücklich machte, sondern nur beruhigte, verlangte Hitchcocks Rücksicht. Es war ihm unheimlich, dass ihm vielleicht die künstlerische Unheimlichkeit abhanden kommen könnte. Und das ist das eine psychologische Zentrum, um das «Hitchcock» als biografischer Entwurf kreist. Das zweite ist die nie erschütterte, wenn auch manchmal irritierte Liebe zwischen Hitchcock und seiner Frau Alma Reville – und beide berühren sich mehr als nur an den Rändern.

Im Kern geht es also um das Problem, dass Hitchcock gar nicht wusste, wohin mit der eigenen Unheimlichkeit; mit dem Mörder in sich, der womöglich auch nach aussen hätte drängen können, wenn er nicht immer wieder in immer neue Dunkelheiten vorgestossen wäre und die Drohungen des Absurden bekämpft hätte mit noch absurderem Humor. Der Schrecken wurde die köstlichste Unterhaltung, so schwarzromantisch war er auszuhalten. Und als Motiv, sich seinerzeit, im November 1959, ans Filmprojekt «Psycho» zu machen, scheint das in «Hitchcock» hinreichend überzeugend.

Eine fürchterliche Diskretion

Die Wahl des biografischen Ansatzpunkts ist sogar glänzend. Wenn es ein filmisches Monument für die Kunst der Schreckensmetapher gibt, für die Fähigkeit der lebensgefährlichen Aussparung, für das voyeuristische Vergnügen und die dramatische Irreleitung der Sympathie, dann «Psycho», ein Meisterwerk der fürchterlichen Diskretion.

Erinnern Sie sich? Natürlich. Die Szene in der Dusche, der Horror eines Gemetzels, obwohl Mutter Bates’ Messer die Haut von Janet Leigh nie auch nur berührt, und am Ende läuft gegen alle physiologische Wahrscheinlichkeit nur dieses kleine bisschen Blut den Siphon runter. Der Tod des Detektivs Arbogast, auch nicht viel mehr als eine Totale von oben, zwei, drei Schritte der Mutter Bates mit ihrem Messer, diese scharf peitschenden Akkorde dazu, dann das Taumeln des Opfers und eine Tötung in zwei angedeuteten Stichen. Oder Normans Schrei, «O Gott, Mutter, Blut, Blut!» aus dem Bates-Haus, während wir vor der Tür bleiben und uns alles vorstellen müssen. Man könnte «Psycho» vermutlich Einstellung für Einstellung auswendig kennen und wäre doch nie geschützt gegen den Schock.

Die Enstehungsgeschichte, kurz gesagt, lieferte wunderbares Spielmaterial. Es eröffneten sich dem Regisseur Gervasi die prächtigsten Möglichkeiten: im Bereich der filmhistorisch erwiesenen Wahrheit und ihrer recht makaberen Kuriositäten; ferner auf dem Gebiet der Spekulation über den Zusammenhang von Kunst und Neurose; und insbesondere auf dem Schlachtfeld Seele, wo bei Alfred Hitchcock ein unablässiger Krieg des Obsessiven gegen das Stinknormale geherscht haben muss.

Inspiriert von einen Mörder

Der hohe Anspruch ist zu spüren, aus «Hitchcock» selbst einen Hitchcock-Film zu machen, die Geschichte eines Mannes eben, dessen Genialität sich von gefährlichen Gelüsten nährte. Und hier müssen wir einen Augenblick lang eines sehr inspirierenden Menschen gedenken, des Mörders und Leichenschänders Ed Gein aus Waupun, Wisconsin, der in den 50er-Jahren Masken aus menschlicher Gesichtshaut herstellte und seine Katzen aus sorgsam präparierten Menschenschädeln fressen liess.

Ohne seine anregende Existenz wäre es zu «Psycho» offenbar gar nicht gekommen, und in «Hitchcock» ist dieser Gein nun leibhaftig in Alfred Hitchcocks Hirn gesetzt, nicht als der Wahnsinnige, der er war, sondern gewissermassen als ein domestizierter innerer Experte für mörderische Logik. Das hat in seiner selbstverständlichen Künstlichkeit tatsächlich etwas von jenem immer wieder bewundernswerten, lakonischen Hitch-Sarkasmus – als Porträt des Künstlers mit den Eigenschaften und Talenten eines erstklassigen Lustmörders: dem besessenen Perfektionismus, der brillanten szenischen Vorstellungskraft, der passiven Lüsternheit, die plötzlich krampfhaft und theatralisch explodiert, und nicht zuletzt der Sucht nach einer sadistischen Liebesbeziehung mit einem Publikum.

Natürlich könnte man auch behaupten, das sei ein recht simpler psychoanalytischer Ansatz. Man hätte nicht unrecht. Etwas komplexer und manchmal auch etwas «normaler» wird es in Hitchcocks Ich und Es schon zugegangen sein. Aber das ist gerade das Feine und Hitchcock-hafte an der Sache. Aus der Psychoanalyse wurden die langweiligeren Momente der Wahrheit herausgeschnitten. Eine Biografie wurde umspielt mit höchst unterhaltsamen Elementen einer biografischen Fiktion, die im Kino ja nicht zuerst wahr zu sein hat, sondern wahrscheinlich.

Zwei grossartige Szenen

Und so ist «Hitchcock» jetzt ein kenntnisreiches Zitatenspiel und ist Seelen- und Filmkunde und ist die Geschichte einer langen Liebe und einer elenden Eifersucht. Sehr bodenständig und widerspenstig spielt Helen Mirren des Meisters Frau; und Anthony Hopkins verkörpert seinen Hitch nicht als physische Kopie, sondern als präzisen, ironischen Schattenwurf. Er hat unter vielen guten zwei grossartige Szenen. In der einen jagt er Janet Leigh (Scarlett Johansson) unter der Dusche in Bates’ Motel den wahren Schrecken ein. In der anderen dirigiert er im Foyer eines Kinos durch die geschlossene Saaltür die taktgenau vorausberechneten Emotionen von Zuschauern, ein wilder Orgiastiker angesichts der eigenen Vollendung.

Da steht er dann sehr lebendig vor uns, der grosse Manipulator, der grandiose Mathematiker des psychologischen Horrors. So fürchterlich kaltherzig, wie ihn jener Vater erlebt haben wird, der sich beklagte, seine Tochter habe nach Henri-George Cluzots «Les diaboliques» (1955) schon nicht mehr baden wollen, nach «Psycho» dusche sie auch nicht mehr, und was er jetzt bitteschön mit ihr anfangen solle. «Lassen Sie sie chemisch reinigen», antwortete Hitchcock.

Erstellt: 10.03.2013, 07:30 Uhr

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