Der Reiseleiter für den gescheiterten Mann

In seinem neuen Film «Downsizing» bearbeitet der US-Regisseur Alexander Payne sein Kernthema: Orientierungslose Versager. Dieses Rezept trägt ihm regelmässig Oscar-Nominationen ein.

Hauptdarsteller und kleiner Mann: Matt Damon in «Downsizing». Foto: Paramount Pictures (PD)

Hauptdarsteller und kleiner Mann: Matt Damon in «Downsizing». Foto: Paramount Pictures (PD)

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Er ist ein Einhorn unter den amerikanischen Filmregisseuren – denn einen wie Alexander Payne dürfte es in Hollywood gar nicht geben. Nicht mehr. Weder bietet er Superhelden auf in seinen Filmen, noch dreht er massgeschneiderte Fortsetzungen. Stattdessen sind seine Werke von einer so unterhaltsamen Kuriosität, dass PR-Verantwortliche Panikattacken bekommen müssten beim Gedanken daran, sie zu vermarkten. Was Payne erzählt, ist ausschweifend, eigenwillig, inhaltlich kaum fassbar, keinem Genre zuzuordnen; dennoch landet der 56-Jährige mit seinen unregelmässig erscheinenden Zweistundenœuvres regelmässig Erfolge.

Sein grösster Box-Office-Hit war 2011 «The Descendants»; in den Hauptrollen spielten George Clooney und die damalige Neuentdeckung Shailene Woodley («Divergent»). Der Film ist ein Mysterium mit gefühlten achthundert Figuren und Stimmungslagen. Und wer es fertigbringt, den Inhalt in einem Satz zusammenzufassen, ist entweder ein Schummler oder ein Glückspilz. Hier unser Versuch: «The Descendants» handelt von einem Familienvater auf Hawaii, der seine Töchter allein erziehen muss, weil seine Frau, die ihn betrogen hat, nach einem Surfunfall im Koma liegt, worauf der Bald-Witwer nicht nur trauert, hadert und auf Rache sinnt, sondern alle Hebel in Bewegung setzt, um den Verkauf eines lukrativen Familiengrundstücks zu verhindern. So läuft der Plot, aber damit ist noch nichts gesagt über die lockere, warmherzige und aberwitzige Art dieses Werks, das 20 Millionen Dollar gekostet und 177Millionen Dollar eingespielt hat. Das ist die eigentliche Sensation.

Tragödien als Satiren

«The Descendants» steht exemplarisch für Paynes Schaffen. Er schreibt seine Drehbücher in der Regel mit Co-Autor Jim Taylor und produziert seine Filme in der eigenen Firma Ad Hominem Enterprises. Gekauft und vertrieben werden sie dann von den Unterhaltungsgiganten Paramount, Warner oder 20th Century Fox. Das ist kein Zufall, denn Payne hat früh erkannt, wie er seine Geschichten am besten unters Volk bringt. Er verkauft menschliche Tragödien als bekömmliche Satiren, besetzt A-Stars in ungewöhnlichen Rollen (zum Beispiel Jack Nicholson als pensionierten Versicherungsvertreter in «About Schmidt», 2002) und bietet Nachwuchstalenten eine Plattform. Seine bekannteste Entdeckung ist Reese Witherspoon in «Election» (1999).

All dies beeindruckt jeweils auch die Oscar-Academy so sehr, dass es für ­jeden von Paynes Filmen (ausser dem Debüt) mindestens eine Nomination absetzte. Zweimal hat Payne die begehrte Auszeichnung gewonnen – einmal für das beste adaptierte Drehbuch zu «Sideways», einmal für das beste adaptierte Drehbuch zu «The Descendants». Damit steht er punkto Oscars auf einer Stufe mit Joseph L. Mankiewicz oder Francis Ford Coppola, und er ist der einzige aktive Drehbuchautor, der diese Ehrung auch noch ein drittes Mal bekommen könnte.

Nun mag man einwenden, dass adaptierte Drehbücher nicht den besten Ruf geniessen, da sie von einer Vorlage zehren. Ist da nicht die halbe Arbeit schon gemacht? Aber das ist erstens ein Irrtum und zweitens eine Spezialität von Payne: Er macht sich Stoffe zu eigen. «About Schmidt» basiert auf dem gleichnamigen Roman von Louis Begley. Doch wer Jack Nicholson als Versicherungsvertreter gesehen hat, der nach dem Tod seiner Frau aus der Spur gerät, vergisst das Buch.

Damit sind wir beim Kernthema dieses Regisseurs angelangt: Paynes Filme erzählen von desillusionierten, vom Leben enttäuschten, mitunter rasend orientierungslosen Männern, die ihre Ehefrauen verlieren und sich anschliessend neu erfinden müssen. Oft tun sie es auf einer Reise – der Roadmovie-Aspekt ist ein zentrales Element bei Payne. Seine Männer reisen jedoch nicht, um zu reifen, sondern um auf andere Weise erneut zu scheitern. Wie jener senile Alkoholiker in «Nebraska», der glaubt, dank eines Werbebriefs eine Million Dollar gewonnen zu haben, und dessen Sohn sich dann um die Eskortierung des starrsinnigen Papas in den titelgebenden Nachbarstaat kümmern muss. Oder wie George Clooney, der zu Beginn von «The Descendants» über Hawaii wettert: «Paradise? Paradise can go fuck itself!» Da sind wir im Grunde bei Samuel Beckett und jenem Zitat, das als Tattoo auf Stan Wawrinkas Unterarm prangt: «Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.»

Start in Omaha

Ja, es sind ausnahmslos Versager, die Paynes Filme bevölkern; und es sind unsinnige Reisen, die das Wesen seines Werks ausmachen. Meistens beginnen diese Reisen in Omaha, Nebraska, einer 500 000 Einwohner zählenden Stadt im Mittleren Westen. Dort ist der Regisseur aufgewachsen. Dort sind auch Marlon Brando, Nicholas Sparks, Warren Buffett oder Andy Roddick aufgewachsen. Mag sein, dass man aus dieser Stadt nichts als fliehen möchte – Payne jedoch kehrt immer wieder zurück, auch für seinen jüngsten (und mit Drehkosten von 68 Millionen Dollar bisher teuersten) Film «Downsizing». Von Omaha aus vermisst er seine Welt, von Omaha aus entwirft er Comédies humaines für die Massen, die unter anderer Regie bestenfalls zu arthousigen Vorhöllen taugten.

Übrigens: Für die Oscar-Nominierung dürfte bei «Downsizing» Hong Chau besorgt sein, die als Nebendarstellerin dem Hauptstar Matt Damon glatt die Show stiehlt. Und Alexander Paynes Ruf als Talentscout fulminant bestätigt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2018, 18:59 Uhr

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«Downsizing»

Alexander Paynes aktueller Film

So lockt man die abstiegsgefährdete Mittelklasse ins Paradies: Paul (Matt Damon) und Audrey (Kristen Wiig) wollen sich in «Down-sizing» einer Schrumpfkur unterziehen, um dank tiefer Lebenskosten in Saus und Braus in einem Puppenhaus zu leben. Doch dann bekommt Audrey kalte Füsse, und Paul muss sich allein zurechtfinden in der luxuriösen Miniwelt. Er trifft auf schummrige Lebenskünstler (Christoph Waltz, Udo Kier) und eine zwangsgeschrumpfte vietnamesische Politaktivistin (Hong Chau), die als Putzfrau arbeitet – und Hauptdarsteller Matt Damon glatt an die Wand spielt.

Wer einen Link zur aktuellen amerikanischen Politik und zu Überfremdungsängsten braucht, wird in «Downsizing» gut bedient. Das bislang ambitionierteste Werk von Alexander Payne und Co-Drehbuchautor Jim Taylor ist Science-Fiction, Ökofabel, Roadmovie, Sozialdrama und Weltuntergangsfilm in einem. Das wirkt herrlich überfrachtet und hat nichts mit Blockbusterware zu tun (was das amerikanische Publikum nicht goutierte: Der Film spielte in den USA weniger als die Hälfte seiner Kosten ein). «Downsizing» bedient keine Genre-Erwartungshaltungen. Stattdessen besticht der Film mit einer so irrwitzigen Geschichte, dass sich sogar die Figuren wundern, wie ihnen geschieht. (zas)

In den Kinos ab Donnerstag.

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