Der Schöpfer der lustigsten Filme aller Zeiten ist tot

Blake Edwards, der Regisseur von «Pink Panther» und «Breakfast at Tiffany’s», ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Seine Filme lehrten das Publikum, immer mit dem Unerwarteten zu rechnen.

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Es gibt nur wenige Hollywood-Regisseure, deren Filme dazu einladen, derart gründlich missverstanden zu werden, wie Blake Edwards. Seinem Kino eignet eine heikle Doppelbödigkeit, eine Spannung zwischen den Oberflächenreizen, der Ernsthaftigkeit und der Konsequenz, mit der er seine thematischen Obsessionen verfolgte. Gibt es einen trefflicheren Schauplatz, um von der Angst vor dem Altern zu erzählen, als das pastellfarbene, von joggenden Strandschönheiten und Fitness-Aficionados bevölkerte Südkalifornien, das er in «Ten» (1978) ausmalt – einem seiner grössten Erfolge und zugleich verkanntesten Filme? Und überhaupt: Wie konnte einer gleichzeitig ein Romantiker, ein scharfsichtiger Chronist sich wandelnder Geschlechterverhältnisse und ein hinterlistiger Slapstick-Regisseur sein?

Edwards war zeit seiner Karriere ein Equilibrist, der in seinem Inszenierungsstil die Balance schaffte zwischen grosser Eleganz und Momenten hinreissend schlechten Geschmacks. So blieb er in Hollywood stets ein Aussenseiter, obwohl er am 26. Juli 1922 mitten ins Filmgeschäft hineingeboren wurde: Sein Grossvater war ein Stummfilmpionier, sein Vater Produktionsleiter. In den Vierzigerjahren begann er als Darsteller und Drehbuchautor – vor allem für seinen engsten Freund Richard Quine –, arbeitete in den Fünfzigern als Autor für Radio und Fernsehen und inszenierte 1955 seinen ersten Film «Bring Your Smile Along».

Hochs und Tiefs

Den Ehren-Oscar, den er 2004 für sein Gesamtwerk erhielt, nahm er mit der stolzen Skepsis eines Überlebenden an, der unzählige Scharmützel mit Produzenten und eine Karriere voller kommerzieller Wechselfälle hinter sich wusste. Von «Operation Petticoat» (1959) bis «A Shot in the Dark» (1964) drehte er einen Kassenschlager nach dem anderen, von der Mitte der Sechziger- bis weit in die Siebzigerjahre produzierte er Misserfolge in Kaskaden. Immerhin war er da schon dank seiner Rechte an der Zeichentrickfigur des «Pink Panther» Multimillionär und konnte mit seiner Frau Julie Andrews, die zum romantischen und moralischen Zentrum seiner Filme wurde, zeitweilig ein komfortables Exil in Europa verleben.

Deplatziert, ein Aussenseiter zu sein, ist eine Grunderfahrung auch seiner Kinofiguren. Die Leinwand dient ihm als erzählerisches Terrain nicht nur der Verwirrung und Erschütterung, sondern auch der Isolation. Argwohn und Skepsis herrschen noch in seinen burleskesten Filmen. Nicht von ungefähr waren seine langlebigsten Protagonisten Detektive: der Titelheld seiner TV-Serie «Peter Gunn» und Inspektor Clouseau – eine Figur, von der er unseligerweise auch nach Peter Sellers’ Tod nicht lassen konnte. Die Observation, das Ausspionieren spielte in Edwards filmischem Universum eine doppeldeutige Rolle zwischen Bedrohung und Schutz.

Er tummelte sich in fast allen Genres: Sein erzählerisches Spektrum reicht vom Thriller («Experiment in Terror», 1961) übers Melodram («The Days of Wine and Roses», 1962) bis zum Western («Wild Rovers», 1971). Vor allem hat er jedoch eine Disziplin gemeistert, die in ihrer Reinform sonst niemanden mehr zu interessieren scheint: den Slapstick. Seine Faszination für die Erzählmöglichkeiten der Situationskomik war unerschöpflich. Langsam entwickelte er die Gags, bereitete sie sorgfältig vor, bis sie sich im präzisen, beinahe mathematisch berechneten Wechselspiel von Totale und Nahaufnahme, Schuss und Gegenschuss, Innen und Aussen entfalten.

Die Helden im Fegefeuer

Die Verheerung erhob er zur schönen Kunst, nicht nur zusammen mit Peter Sellers in der «Pink Panther»-Serie (1963–1978) und in «The Party» (1967), sondern auch in seinen romantischen Komödien, von «Breakfast at Tiffany’s» (1960) bis «Victor, Victoria» (1982). Jeder Raum wird bei ihm zu einem Minenfeld – jede Bewegung birgt in sich ein absurdes Verderben. Seine Filme lehrten einen, auf der Hut zu sein, stets mit dem Unerwarteten und unbedingt mit dem Schlimmsten zu rechnen. Edwards verdichtete die Situationskomik zur existenziellen Erfahrung, weil er sie nie abstrahierte von den Figuren. Die Tücke des Objekts tritt allmählich hinter die des Subjekts zurück. Missgeschicke, Tiefschläge und die Angst, die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren, addieren sich zu einem Martyrium, das seine Helden läutert. Für ihren Chauvinismus, ihre Ignoranz schickte er sie durchs Fegefeuer.

«Change» lautete der Arbeitstitel eines seiner letzten Filme: Die eigene Lebensweise steht unablässig zur Frage; die Möglichkeit, sich selbst neu zu erfinden, ist gleichermassen mit Furcht wie mit Sehnsucht belegt. Psychoanalyseszenen ziehen sich seit «Ten» wie ein roter Faden durch seine Filme (von denen er einige zusammen mit seinem Analytiker geschrieben hat) – immer haarscharf am Rande zur Parodie, aber nie ganz ohne Grundvertrauen in diese amerikanische Institution: Edwards’ Slapstick zielte auf eine therapeutische Wirkung.

Erstellt: 17.12.2010, 13:12 Uhr

Vater und Sohn: Blake Edwards und Paulchen Panther.

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