Der Schwarzromantiker

Für «Alien» gewann H. R. Giger 1980 einen Oscar. Aber die Zusammenarbeit des Künstlers mit Hollywood war nicht reibungslos.

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An H. R. Giger, den Schöpfer des welt- und weltraumberühmten «Aliens», hat man sich das letzte Mal sofort wieder erinnert, als im neuen «Godzilla»-Film diese seltsamen Godzilla-Abkömmlinge über Häuser und Menschen hinwegstampften: diese insektenhaft gepanzerten Kreaturen, gelenkige Riesen mit Köpfen wie stromlinienförmige Helme, stahlzähnig und giftig geifernd. Derart nämlich schmarotzt Hollywood bereits seit Jahrzehnten an der Düsterfantasie eines Schweizer Albträumers, der seinerzeit für den Regisseur Ridley Scott dieses ungemein bewegliche, vollendet schöne und abstossende Raubtier entwarf, den Inbegriff einer amoralischen, verheerenden biomechanoiden Natur.

Dieses Untier benützte Menschen ­gewissermassen als Gebärmutter, 1979 brach es durch einen Brustkorb ans Licht. Ein Licht fiel dann auch auf H. R. Giger, der 1980 in Hollywood einen Oscar in der Kategorie «Beste visuelle Effekte» erhielt, was ja im Grunde eine sehr unpoetische Würdigung ist für ein Kunstgeschöpf, das aus dem Dunkel einer philosophischen Schwarzromantik kam.

Der schüchterne Bub aus Chur

Denn das Dunkel war Gigers Lebens- und Arbeitslicht, sozusagen. Schon der schüchterne Bub, geboren am 5. Februar 1940 in Chur, soll am liebsten mit einem Totenschädel aus der Apotheke seines Vaters gespielt haben und schaute scheints auch der Mumie einer ägyptischen Prinzessin im Rätischen Museum gern tief in die leeren Augenhöhlen. Früh, noch während seiner Ausbildung an der Zürcher Kunstgewerbeschule ­(Innenarchitektur und Industriedesign), hat er sich die Dunkelwelt herbei­gezeichnet, etwa die skurril deformierten «Atomkinder».

Und selbst gewählte Düsternis herrschte auch in seinem Reihenhäuschen in Oerlikon, wo seine Fantasie das Mechanische und das Kreatürliche zu makabren, hocheleganten, sehr sinnlichen Hybriden kreuzte. Ein Mann der künstlichen Nacht, um den eine Atmosphäre von Morbidität und Todeslust und Todesernst wehte, so konnte es einem wohl vorkommen.

Aber es war durchaus auch eine helle, eine strahlende Ironie bei H. R. Giger zu entdecken und eine grosse Liebenswürdigkeit – zum Beispiel, wenn er etwas ungelenk über seine Werke sprach; die Eigeninterpretation war nicht sein ausgeprägtestes Talent – und eine Weltläufigkeit, die ihre Freude hatte an den Spielmöglichkeiten, die ihm dann eben das effektbedürftige Hollywood bot.

Schon 1968 hatte er ja zusammen mit Fredi M. Murer in die cineastische ­Zukunft geschaut: im experimentellen Science-Fiction-Film «Swiss Made 2069», für den er unter anderem einen ausserirdischen Hund schuf. Auf den Film und gar aufs Alien liess er sich natürlich nie reduzieren. Ungemein breit ist die Palette der Künste und Kunsthandwerke, mit denen er einen – seinen – Kosmos von feiner und grober, erotischer und auch pornografischer Schreckensschönheit ausstattete.

Eros, Tod und Qual

Man sitzt dort in Giger-Sesseln aus dem Gebein fremder Wesen, man trinkt in skelettartigen Bargewölben nach Gigers Entwurf, liest aus Gigers Tarotkarten die Zukunft und spielt auf Guitarren von Giger, die aussehen wie zusammengepresste Schädelstätten. Von den Wänden starren riesige, veloursverschleierte Bilder von Baphomet, dem gehörnten Lebens- und Totengott, und von Priesterinnen des Eros und der Qual, denn Giger war zunächst einmal ein hervorragender Zeichner und Maler. Als Architekt, sagte er, hätte er am liebsten Burgen gebaut wegen seiner Faszination für das historische Töteln in Waffenkammern und Verliesen.

Als ­Innenarchitekt, der er war, hat er sich 1998 zumindest das Schloss St. Germain im freiburgischen Greyerz als Giger-­Museum eingerichtet. Dort konzentriert sich nun ganz real seine hermetische Surrealität, in der Sex und Tod und Lust und Grauen eng zusammengehören; und das, so meinte er in einem seiner Interviews, das passe als Kontrast doch prächtig in die Greyerzer «Doppelrahmwelt».

Nicht alle fanden es gleich so passend; aber inzwischen empfiehlt das ­lokale Tourismusbüro gern einen Besuch in der Giger-Bar des Museums. Auch die Erinnerung ans Alien ist dort selbstverständlich bewahrt. Denn die Filmarbeit gehört ins Gesamtbild von Leben und Werk des H. R. Giger. Er hat sie geliebt, und er hat sie hassen gelernt, und am Ende wars mehr Hass als Liebe. Hassliebe bestenfalls.

Enttäuschung in Hollywood

Er erzählte gern von der intensiven ­Zusammenarbeit mit Ridley Scott, der noch kein Schmarotzer war, sondern Gigers Bildbände «Necronomicon», worin das Alien eigentlich schon geboren war, kunstsinnig und respektvoll verehrte. Damals wars H. R. Giger wohl in der Hollywoodwelt, die in ihm den Künstler sah und nicht nur den Hersteller von Effekt. Sigourney Weaver, die menschliche Hauptdarstellerin in «Alien», sprach bewundernd von ihm, der Schauspieler John Hurt («1984»), so liest man, sass gar am Oerlikoner Stubentisch.

Und dieses Wohlbefinden hat Giger immer wieder gesucht. Das Kino lockte, und es hatte tatsächlich Arbeit für einen Oscar-Gewinner, beispielsweise in ­«Poltergeist 2» (1986), in «Alien 3» (1992) von David Fincher, in «Species» (1995) von Roger Donaldson. Er entwarf, zeichnete und lieferte seine Albträume mit ­offenem Künstlerherzen, er liess ganze Geisterzüge auftauchen aus den Tunneln des Unterbewusstseins, wo die Vernunft Monster gebiert.

Aber so wie mit Ridley Scott sollte es einfach nie mehr werden, vor allem mit Fincher nicht, für den er doch ein noch eleganteres, noch schnelleres und tödlicheres Alien geschaffen hatte. Man nahm, so sah er das, seiner Schöpfung die Seele für die blosse Wirkung. Und am Ende reichte es im Abspann von «Alien 3» nicht einmal mehr für einen anständigen Künstler-Credit.

Anwälte statt Künstler

H. R. Giger kam da wahrhaft auf die Filmwelt, wie man sagen könnte. Die Diskussion unter Anwälten löste die­jenige unter Künstlern ab. Es war eine Enttäuschung, die ihn wütend gemacht hat. Erst im Film «Prometheus» (2012) hat Ridley Scott noch einmal den Künstler geehrt.

Es ist jedoch anzunehmen, dass die Enttäuschung über Hollywood kaum kleiner wurde. Am deutlichsten vielleicht hat Giger sie auf einem grossformatigen – und grossartig gezeichneten – Entwurf der ausserirdischen Anatomie fürs dritte Alien formuliert. Er notierte dort den lakonischen, geradezu brutal ­illusionslosen Ausspruch eines Studiomitarbeiters: «Mr. Giger, what are you doing? You’re a fine artist, but here we work for children.» Am Montag nun ist H. R. Giger, der den Tod oft gestaltet hat in Bildern und Skulpturen, im Alter von 74 Jahren an den Folgen eines schweren Sturzes verstorben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.05.2014, 13:47 Uhr

Bildstrecke

H.R. Giger - Meister düsterer Plattencovers

H.R. Giger - Meister düsterer Plattencovers Die faszinierenden Bildwelten des Schweizers waren besonders bei Metal- und Punkbands beliebt. Doch auch Popalben hat der Alien-Schöpfer illustriert.

Trailer: Alien

Filmschaffende über Giger


(Quelle: darkallegiance666/Youtube)

Porträt über Giger


(Quelle: Jürg Conzett/Youtube)

3sat-Doku über Giger


(Quelle: DerWahrheitsgehalt/Youtube)

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