Der beste neue Schweizer Film ist polnisch

Der Premierenreigen an den Solothurner Filmtagen ist zur Halbzeit bereits vorbei: Alle neuen Filme in den beiden grossen Wettbewerbskategorien waren zu sehen.

Geschichte von einem Mann, dessen Leben nach einem kurzen Moment der Feigheit in Stücke fliegt: «Courage» von Greg Zglinski handelt.

Geschichte von einem Mann, dessen Leben nach einem kurzen Moment der Feigheit in Stücke fliegt: «Courage» von Greg Zglinski handelt.

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Am Sonntag feierten zwei Dokfilme ihre Uraufführung. «Bottled Life - Nestlés Geschäft mit dem Wasser», der um den «Prix de Soleure» rittert, ist ein konventionelles Werk, das allerdings zu einem selbstverschuldeten PR-Debakel für den Westschweizer Konzern wird: Die Nestlé-Chefs legten den Filmemachern weltweit Steine in den Weg.

Veronika Minder, deren Film «My Generation» für den «Prix du Public» nominiert ist, porträtiert mehrere ihrer 1948 geborenen Jahrgangskollegen. Überwiegend zufrieden blicken die 68er auf ihr Leben zurück, was glücklich stimmt, aber nur mässig aufwühlt.

Ohne Schweizer Verleih

Der bislang stärkste neue Film im Rennen um die Festivalpreise kommt aus Polen: «Courage» von Greg Zglinski handelt von einem Mann, dessen Leben nach einem kurzen Moment der Feigheit in Stücke fliegt. Alfred (Robert Wieckiewicz) bleibt wie versteinert stehen, als sein Bruder Jurek von einer Teenager-Bande verprügelt wird.

Für diesen Fehler, den er erst zu kaschieren versucht, muss er bitter bezahlen - härter noch als die Kriminellen. Zglinskis Drama ist berührend und bis am Schluss packend. Lange bleibt offen, ob Jurek den Angriff überlebt - und Freds Ehe die Ohnmacht des Gatten.

«Courage», der für den «Prix de Soleure» nominiert ist, gilt den Solothurner Filmtagen als Schweizer Film, da Zglinski (»Tout un hiver sans feu») im Kanton Aargau aufwuchs und während Jahrzehnten in der Schweiz tätig war. Ausserhalb der Filmtage ist «Courage» polnisch.

Die Kinoauswertung hierzulande dürfte dies erheblich erschweren. Zglinski sucht denn auch noch nach einem Schweizer Verleih. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Glanzlicht der Filmtage den Weg in die Kinosäle nicht findet.

Mutige Programmation

Bereits sicher ist der Kinostart von «Balkan Melodie» am 8. März. Die Organisatoren in Solothurn halten offenkundig grosse Stücke auf den Dokfilm von Stefan Schwietert, für den sie den besten Termin am Samstagabend in der Reithalle reservierten.

Ein mutiger Entscheid: Der Streifen handelt von Menschen und Ereignissen, die schon etwas in Vergessenheit geraten sind. Vor 20, 30 Jahren wurde der heute 86-jährige Schweizer Musikproduzent Marcel Cellier, der an der Premiere teilnahm, weltweit gefeiert. Er machte unter anderem bulgarische Volksmusik im Westen populär.

Schwieterts Dokfilm ist eine Hommage an Cellier und seine Musiker - und ein Fest der Bilder und Töne. Damit passt er perfekt zum Konzept der neuen Filmtage-Direktorin Seraina Rohrer, die Solothurn verstärkt als Feierstunde des Schweizer Films positionieren möchte.

Bizarres Erziehungsheim

Bereits am Freitag wurde der Dokstreifen «Die Wiesenberger» gezeigt. Die Zuschauer honorierten die gelungene Mischung aus Musikszenen, Vereinsleben und den Lebensansichten der Jodler mit langem Applaus. Weit weniger verständlich ist die «Prix du Public»- Nomination für den neuen Spielfilm «Puppe».

Der Streifen spielt in einem Erziehungsheim für Mädchen in den Walliser Bergen. Die deutsche Schauspielerin Corinna Harfouch tritt als tantige Heimleiterin in Erscheinung. Bis die Geschichte am Schluss auf ansprechende Weise die Handlungsstränge zusammenführt, dürften die meisten Zuschauer das Interesse an den unvorhersehbar agierenden Mädchen längst verloren haben. (phz/sda)

Erstellt: 23.01.2012, 09:40 Uhr

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