Der coole Kauz

Auch der zweite Tag des Zurich Film Festival brachte einen John. Keinen Travolta, sondern John Hawkes. Er dürfte mit seinem Behindertensex-Film «The Sessions» bald auf Oscar-Kurs sein.

Noch zerknautschter als in seinen Filmen: John Hawkes.

Noch zerknautschter als in seinen Filmen: John Hawkes.

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Er flog nicht selbst sein eigenes Flugzeug nach Zürich. Es gab kein Geschrei um ihn. Einsam irrte er Donnerstagnacht am Bellevue hin und her, bis ihn endlich jemand vom Festival erkannte und an die Eröffnungsparty schleppte. Ihn, den schüchternen Star des amerikanischen Independent-Kinos, der für 2013 mit seiner zweiten Oscar-Nomination rechnen darf.

Für seine Rolle im Film «The Sessions», dem Überraschungshit am letzten Sundance-Festival, er gewann dort den Publikumspreis und den Preis für das beste Ensemble. Wieso das so war, ist nicht wirklich ein Wunder, denn in «The Sessions» geht es um eine krasse Behinderung und um Sex, und John Hawkes hat sich für diese Rolle erst noch selbst fast eine dauerhafte Behinderung zugezogen, und wenn das keine Oscar-Nomination ergibt, dann ist die Academy weiss Gott nicht mehr sie selbst.

Die wichtigste aller Fragen ist entsprechend diese: «John Hawkes, wie geht es Ihrem Rücken?» «Ach, das ist vorbei», sagt John Hawkes in einer Suite des Baur au Lac und sieht dabei noch zerknautschter aus als in allen seinen Filmen, «aber wenn Sie sich jeden Tag stundenlang auf einen Gummiball von der Grösse einer chinesischen Vase legen, dauert es natürlich, bis alles wieder richtig sitzt.»

Der Folterball

Aber der Reihe nach: Der Regisseur Ben Lewin, der selbst einmal an Kinderlähmung gelitten hatte, las einen Artikel des vom Hals abwärts gelähmten Journalisten und Lyrikers Mark O’Brien über dessen Sextherapie mit einer Berührerin. Er erkannte sofort das Rührungs- und damit Erfolgspotenzial des Stoffs, zumal ein Dokumentarfilm über Mark O’Brien schon einmal einen Oscar gewonnen hatte. Geld war so gut wie keins vorhanden, aber Lewins Drehbuch rührte Helen Hunt und John Hawkes derart, dass sie beschlossen, den Film zu drehen.

Und jetzt ist er also da, und er wird voll und ganz vom Spiel der beiden getragen, von Hunts nüchterner Herangehensweise an eine noch unentdeckte männliche Sexualität und von Hawkes schon fast aberwitziger Kunst, einzig mit dem Kopf spielen zu können und dies erst noch einen ganzen Film lang im Liegen. Der Rest seines Körpers ist natürlich auch noch da, es ist ein armer Körper, am Leben gehalten von einer Eisernen Lunge, vollkommen verkrümmt, der Brustkorb wölbt sich hervor wie ein nach vorne gewanderter Buckel, und damit das so aussah, liess sich John Hawkes ein Spezialkissen schneidern, seinen «Folterball». Davon holte er sich vorübergehend selbst eine Verkrümmung der Wirbelsäule. Schauspielern ist manchmal einfach nicht zu helfen.

Berühmt für seine Eigenheiten

John Hawkes ist berühmt für seine Eigenheiten. Er hasst das Internet. Er hat keine E-Mail-Adresse. Er ist unendlich wählerisch bei den Drehbüchern. «Lieber verdiene ich sehr wenig Geld, als einen dieser Blockbuster zu machen, die entweder für Kinder sind oder nur aus Explosionen bestehen.» Trotzdem hat der heute 53-Jährige schon über hundert Rollen in Film und Fernsehen gespielt, auch einem hiesigen Arthouse-Publikum ist er bekannt: Er ist der schrullige Schuhverkäufer und das Liebesleben von Miranda July in «Me and You and Everyone We Know»; er ist der Crystal-Meth-süchtige Hinterwäldler-Onkel von Jennifer Lawrence (die jetzt Millionen scheffelt mit «The Hunger Games») in «Winter’s Bone» – seine erste Oscar-Nomination; er ist der fies manipulierende Sektenguru in «Martha Marcy May Marlene» (TA vom 18. 8.) an der Seite der umwerfenden Elizabeth Olsen.

«Ich arbeite wahnsinnig gern mit Frauen», sagt er, «ich bin ein Scheidungskind und habe das von meiner Mutter gelernt. Als junger Schauspieler lebte ich in Austin, Texas, da waren wir alle arm, kreativ, glücklich und einfach Menschen. Dass es eine Geschlechterproblematik gibt, habe ich erst in Hollywood erfahren.»

Ach, Amerika

Es ist ein grosses amerikanisches Panorama aus mehrfach gebrochenen Helden, das er sich erspielt hat, Mark O’Brien passt da recht konsequent hinein. Auch wenn er wieder einmal einer jener Filmbehinderten ist, die entweder genial sind oder total lustig und auf jeden Fall ein hypersensibles Herz aus purem Gold besitzen, und selbstverständlich auch «nach einer wahren Geschichte» geformt sind.

Und wie hätte denn John Hawkes, der Mann, der mit jeder Rolle ein neues Experiment auf sich nimmt, Amerika am liebsten? «Ach, Amerika kommt mir vor wie ein wütender Teenager, der in alle Richtungen kämpft. Ich möchte, dass wir wieder gemeinsam zu diesem grossen Experiment finden, als das unser Land einst gestartet ist.» Und wie ist eigentlich John Hawkes einmal gestartet? «Sagen wir so: Es war eine sehr kleine Stadt in Minnesota, es gab viele Seen, Wälder, es war äusserst bukolisch. Es gab auch einen Bus, damit fuhren wir in eine andere Stadt und ins Theater. Dort sah ich ‹The Crucibles› von Arthur Miller. Und wollte Schauspieler werden.» Wie gut, dass er es geworden ist.


«The Sessions»: Mo, 24. 5., 20.15 Uhr im Arena 5.
www.zff.com

Erstellt: 21.09.2012, 19:01 Uhr

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