Der den Drachen das Fliegen beibringt

Der Schweizer Animationsexperte Simon Otto ist mit «How to Train Your Dragon 2» auf Oscar-Kurs.

Simon Otto bringt die Drachen zu fliegen.

Simon Otto bringt die Drachen zu fliegen. Bild: zvg

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Mit den Oscar-Verleihungen vom 22. Feb­ruar erreicht die Award-Saison für Hollywood ihren diesjährigen Höhepunkt. Der Schweizer Simon Otto hat die verschiedenen Zeremonien mit zunehmender Spannung verfolgt. Der Animationsexperte aus Gommiswald war massgeblich an der Produktion von «How to Train Your Dragon 2» beteiligt, nach Gewinnen bei den Golden Globes und den Annies ist der Film auch für einen Oscar in der Kategorie «Bester animierter Spielfilm» nominiert. «Je mehr Awards ein Film auf dem Weg zu den Oscars mitnimmt, desto grösser ist die Chance, dass er von den Mitgliedern der Academy of Motion Picture Arts and Sciences für eine Auszeichnung in Betracht gezogen wird», sagt er im Gespräch.

Schon seit 1996 arbeitet der Ostschweizer mit Jahrgang 1973 für das Filmstudio Dreamworks Animation, einem mittlerweile unabhängigen Ableger des 1994 von Steven Spielberg ­mitbegründeten Multimedienkonzerns Dreamworks SKG. Die im südkalifornischen Glendale beheimatete Firma war mit «Shrek» und «Madagaskar» für zwei der erfolgreichsten Animationsfilme aller Zeiten verantwortlich. Das hat Gründe: «Uns ist es ein grosses Anliegen, den Animationsfilm von seinem alten Ruf als Kinderfilm zu befreien. Darum produzieren wir Filme, die uns selber als Erwachsene ansprechen, aber die Kinder nicht aussen vor lassen.» Dank diesem Approach sind Dreamworks Animation mit «How to Train Your Dragon 1 & 2» zwei Kassenschlager mit Tiefgang gelungen.

«Ich habe keine klassische Migrationsgeschichte»

Im ersten Teil der Trilogie ging es um die berührende Coming-of-Age-Geschichte des Vikingerjungen Hiccup, der sich mit dem Drachen Toothless anfreundet und sein Volk überredet, mit den furchterregenden Flugwesen Frieden zu schliessen. Der zweite Teil ist ein stellenweise erschütterndes Action- und Familiendrama. In beiden Produktionen war Otto als Chefanimator involviert. «Weil wir die Beziehung zwischen Toothless und Hiccup so stark gemacht hatten, konnten wir bei der Handlung grosse Risiken eingehen. Dass Publikum konnte darauf vertrauen, dass wir es am Ende des Films nicht traumatisiert aus dem Kino entlassen.»

Simon Otto, bis heute ein Bewunderer der Zeichentrickklassiker aus dem Hause Walt Disney, war schon in jungen Jahren künstlerisch tätig. Er belieferte Tageszeitungen mit Karikaturen und baute Eisskulpturen in den Skigebieten von Arosa und St. Moritz, durchlief aber trotzdem eine Banklehre. Später besuchte er die F+F-Schule für Kunst und Mediendesign in Zürich und die renommierte Animationsakademie «Gobelins, l’école de l’image» in Paris; nach einem Praktikum beim französischen Ableger des Disney-Konzerns holte ihn Dreamworks nach Kalifornien. «Ich habe keine klassische Migrationsgeschichte», sagt Simon Otto. «Während viele Schweizer darum kämpfen müssen, um hier im Filmgeschäft Fuss zu fassen, hat Dreamworks für mich den roten Teppich ausgerollt.»

Immer noch Handarbeit

Als das Studio aber 2003 von Trickfilmtechnik auf Computeranimation umstellte, war das für den geschulten Zeichner Otto ein Schock. Die damals verfügbare Software war noch nicht sehr weit entwickelt, darum verliessen viele Zeichner demotiviert das Studio, anstatt sich weiterbilden zu lassen. Heute ist Otto von den kreativen Möglichkeiten begeistert, die die Computeranimation ihm bieten. In seinen Drachen stecken bis zu 7500 Animationspunkte, an denen er ihre Gestik und Mimik verändern kann. Für Otto ist Computeranimation aber immer noch Handarbeit: «Jedes Bild im Film, das sind 144 alle sechs Sekunden, muss einzeln erarbeitet werden.»

Bei «How to Train Your Dragon 2» war Otto der erste Ansprechpartner für Drehbuchautor und Regisseur Dean DeBlois und blieb bis zum Abschluss der Produktionsarbeiten dessen Verbindungsmann zum 45 Mitarbeitern starken Animatorenteam. In seiner Arbeit kommen ihm typisch schweizerische Tugenden wie Qualitätsbewusstsein und Ausdauer zugute, davon ist er überzeugt. «Ich nehme meine Arbeit sehr ernst und bleibe hartnäckig an einer Sache dran, bis sie zu Ende geführt ist. Von meinen Eltern und meinen früheren Chefs habe ich auch gelernt, bei Verhandlungen diplomatisch vorzugehen und andere Menschen einzubeziehen, anstatt ihnen meine eigenen Vorstellungen aufzudrängen.»

Zukunft von Dreamworks ist alles andere als sicher

Bei der Produktion eines Animationsfilms werden nicht nur enorme kreative Kräfte gebündelt, es werden auch gewaltige finanzielle Mittel eingesetzt. 145 Millionen Dollar steckte Dreamworks Animation in die Produktion von «How to Train Your Dragon 2», laut Otto könne es nach der Lancierung eines Filmprojekts bis zu sieben Jahre dauern, bis das investierte Kapital wieder eingespielt ist. «Wenn ein Studio ein bis zwei Filme pro Jahr produziert, und einer davon nicht gut läuft, steht es sehr schnell sehr schlecht um die Zukunft dieses Studios.»

Trotz den Erfolgen der letzten Jahre ist Dreamworks’ Zukunft alles andere als sicher. Vor wenigen Wochen entliess die Studioleitung Hunderte Angestellte, Ende 2015 wird der Zweitcampus bei San Francisco geschlossen. «In solchen Zeiten heisst es Ruhe bewahren und einfach seiner Arbeit nachgehen», so Otto. «Gerade dann sind Award-Gewinne für uns Angestellte sehr wichtig, weil sie die Stimmung heben.»

Ein Stapel Drachen-Zeichnungen vom Sohn

Angesichts eines Dauerprekariats mit Millionenbudgets erstaunt es nicht, dass Dreamworks Animation möglichst viel Kapital aus ihrem geistigen Eigentum zu schlagen versucht. «How to Train Your Dragon 1 & 2» haben darum schon Fernsehserien, Computerspiele und Spielzeuge hervorgebracht. «Beim Design einer neuen Produktion haben wir das Merchandising nie von Anfang an vor Augen», sagt Simon Otto. «Unsere Consumer-Products-Abteilung ist aber auch schon mit Ideen auf uns zugekommen, die die Filmdrachen bereichert haben.»

Simon Otto ist schon mit der Arbeit zu «How to Train Your Dragon 3» beschäftigt, der 2018 in die Kinos kommen soll. Regisseur Dean DeBlois hat das Drehbuch noch nicht vorgelegt, aber das Kreativteam macht sich jetzt schon Gedanken darüber, wie die Handlung optisch umgesetzt werden soll. Dazu kriegt der Animator auch Input aus der eigenen Familie: «Bei mir zu Hause stapeln sich Zeichnungen von neuen Drachen, die mein sechsjähriger Sohn im nächsten Film sehen möchte. Wegen der Arbeit an ‹How to Train Your Dragon› hat Daddy bei ihm gerade einen Hero-Moment.»

Erstellt: 18.02.2015, 10:51 Uhr

Simon Otto über seine Arbeit an «How To Train Your Dragon»

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