Der freundliche Chronist des Leidens

Locarno-Sieger Wang Bing zeigt den chinesischen Alltag fernab der Megastädte. Ein Treffen.

Wang Bing an der Preisverleihung auf der Piazza Grande in Locarno.

Wang Bing an der Preisverleihung auf der Piazza Grande in Locarno. Bild: PD

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Wang Bing hat das freundlich runde Gesicht eines Koalabären. Die Zigaretten sind, wenn man so will, seine Eukalyptusblätter, er pflückt beim Gespräch eine um die andere aus der Schachtel. Von der Seite weht es Nebelschwaden in die Outdoor-Sitzecke, es handelt sich bei der Tröpfchenproduktion um eine Kunstinstallation, wie man erst jetzt gemerkt hat. Irgendetwas mit Wasserdampf und Sound zum 70. Jubiläum, zeitweise sieht man die eigenen Füsse vor den Augen nicht mehr.

Aber dass am Filmfestival in Locarno von einer Seite die Kunst hereinströmt, passt eigentlich ganz gut zu Wang Bing. Er gehört zu jenen Alltagsdokumentaristen, für die sich immer mehr auch die Kunstmessen interessieren. Die Kuratoren lassen seine teils stundenlangen Alltagsbeobachtungen über den Wandel des Industriesektors («Tie Xi Qu: West of the Tracks») oder die Psychiatrie («Til Madness Do Us Part») gern als Loop laufen. Dafür bauen sie eine Black Box in den White Cube, der Besucher lugt dann hinter den schweren Vorhang und setzt sich, wenn das Ganze nicht allzu anstrengend aussieht, kurz auf eine dieser Kunstgalerienpritschen.

Wang Bing in Locarno. Foto: PD

An der diesjährigen Documenta XIV gab es gar eine Retrospektive mit Wangs Filmen; die wurden aber in einem Kino vorgeführt, was seiner aufmerksamen Art der Beobachtung um einiges zuträglicher ist. «Mrs. Fang» war bereits in Kassel zu sehen, in Locarno kam es zur internationalen Premiere im Wettbewerb. Für seinen Film erhält Wang Bing nun den Goldenen Leoparden. Er zeigt die letzten Tage im Leben einer an Alzheimer erkrankten Bäuerin: Sie liegt unbeweglich mit weit geöffnetem Mund im Bett – ein unerschrockenes Close-up von der körperlichen Erstarrung in Todesnähe.

So wurde ein Wang-Bing-Film an der Documenta in Athen projiziert. Foto: Mathias Völzke.

«Mrs. Fang» spielt in einem kleinen Ort am Flussufer in der südöstlichen Provinz Zhejiang. «In einem solchen Dorf leben praktisch nur noch Alte, die Jungen haben den Ort verlassen», erzählt der 1967 in der zentralen Provinz Shaanxi geborene Wang Bing. «Sie suchen nach einem besseren Leben in der Stadt.» Frau Fangs Enkel tauchen im Film auch nicht auf, jemand fragt einmal nach ihnen, aber das wars.

«Angesichts der ökonomischen Entwicklung in China ist auch der Druck gestiegen, den die Leute aushalten müssen. Es gibt viel Wettbewerb, aber weil das System selbst im Prinzip instabil ist, bietet es für niemanden eine Garantie.» Zum Sterben kehrten auch reichere Menschen als Frau Fang zurück zu ihrer Familie. «Die Familie verspricht Gleichgewicht, besonders in Zeiten, in denen draussen das Chaos herrscht.»

Die Rückseite der Glücksversprechen

Wang Bings behutsame Sterbebeobachtung zeigt ein Stück chinesischen Alltags. Es sind gar nicht unbedingt die Benachteiligten und Verfolgten, die sein Kino bevölkern, im Grunde sind es eher die normal Verlassenen und Verirrten. Seine Dokumentarfilme führen uns auf die Rückseite der Glücks- und Besitzversprechen des gelenkten chinesischen Megakapitalismus. «Mrs. Fang» spielt auf einem ländlichen Flecken, wo den Zurückgebliebenen ausser Sterben nicht mehr allzu viel bleibt.

Die junge Generation kehre heute mit einem Gefühl starken Unbehagens in die Dörfer zurück, sagt Wang: «Es macht ihr Leben ja auch nicht einfacher, wenn sie in einer Grossstadt einen Job finden müssen. Viele wollen dann auch Erfolg haben und ihren Familien Geld mitbringen, wenn sie im Dorf zu Besuch kommen.»

Ausschnitt aus «Mrs. Fang». Quelle: pardo.ch

Arte wird den mit 90 Minuten vergleichsweise kurzen Wang-Bing-Film irgendwann ausstrahlen, «das bedeutet für mich schon ein breiteres Publikum». Normalerweise sei es schwierig, abzuschätzen, ob einem Film nach dem Festival noch ein Leben beschieden sei oder nicht. Wang arbeitet seit seinem Filmstudium in Peking als unabhängiger Regisseur mit billigen digitalen Mitteln. Es wird aber wohl selbst mit einem Goldenen Leoparden mühsam bleiben, seine dokumentarischen Arbeiten zu finanzieren.

Auch in Locarno hielten nicht alle die Nahbegegnung mit dem Sterben aus, bei aller Zartheit des Blicks. Sie gingen und kehrten vielleicht wieder beim anderen Bing, dem Xu Bing. Zusammen mit «Mrs. Fang» bildete «Dragonfly Eyes» im Locarno-Wettbewerb sozusagen ein Double Bill ungeschönter chinesischer Realität. Auch Xu Bings Beitrag, der mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet wurde, hatte einen dokumentarischen Kern: Er durchforstete Tausende Aufnahmen von Überwachungskameras, um daraus eine Fiktion über eine Online-Celebrity zu destillieren.

Ein Film aus Überwachungsaufnahmen

Zwischen ein paar strafrechtlich relevanten Szenen von Verkehrsunfällen entsteht da ein Bild jener chinesischen Jugend, die in «Mrs. Fang» nirgendwo zu sehen ist. Teenager, die in den Internetshops der Metropolen sitzen; die Coverversionen singen in Livestreams für die Fans im Netz; die Likes horten, um sich bekannter zu machen. Faszinierendes Material über ein Land, das jede Bewegung seiner Bürger zu registrieren versucht (und in dem sich die Online-Berühmtheiten praktischerweise gleich selbst überwachen). Aber die Geduld von Wang Bing geht Xu Bing offensichtlich ab: Immer wieder legt er den namenlosen Helden aus dem chinesischen CCTV-Panoptikum Sätze in den Mund, die im Studio eingesprochen wurden.

Nur so kann er seine Geschichte erzählen, aber es wirkt fast, als tue er ihnen Gewalt an. Man muss dann wieder an den zum Schmerzensschrei erstarrten Mund von Frau Fang denken. Kein Wort dringt heraus, aber man kommt ihr so nah, dass es wehtut. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2017, 12:03 Uhr

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