Der gute Populist

Als Bernie Sanders kurzzeitig zum Star der US-Politik aufstieg, flog der Genfer Lionel Rupp nach New York. Sein Porträt enttäuschter «Bernie Bros» läuft nun in Nyon.

Bernie Sanders unterstützt – und mit ihm verloren: Szene aus «A Campaign of Their Own». Foto: Visions de Réel

Bernie Sanders unterstützt – und mit ihm verloren: Szene aus «A Campaign of Their Own». Foto: Visions de Réel

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Es ist Juli 2016, es herrscht grosse Hitze. Donald Trump ist noch nicht Präsident der USA, Hillary Clinton hat noch nicht gegen ihn verloren. Am amerikanischen Fernsehen tritt ein Greis mit schlohweissen Haaren auf. Als er von der politischen Revolution zu reden beginnt, gerät die Menge in Wallung. Er spricht von der grotesken Ungleichheit in den USA, vom Geld, das die Politik korrumpiere. Bernie Sanders, der parteilose Senator aus Vermont, macht noch immer Wahlkampf. Er gesteht seine Niederlage ein, während er an der Democratic ­National Convention, dem Parteitag der Demokratischen Partei in Philadelphia, seine Rede hält. Er tut es auf raffinierte Weise. Nachdem Sanders den versammelten Parteibonzen die Giftpfeile entgegen­geschleudert hat, brüllt er: «Jeder nüchterne Beobachter muss zum Schluss kommen, dass Hillary Clinton aufgrund ihrer Ideen und ihrer Führungsstärke die nächste Präsidentin der USA werden muss!»

Als Bernie Sanders verliert, sitzt Jonathan Katz mit seiner Kollegin Toby vor dem Fernseher. Auf dem Gesicht des glühenden Bernie-Anhängers weicht die Nervosität der Verwunderung und die Verwunderung dem Entsetzen. Hat Bernie gerade empfohlen, Hillary zu wählen? Jene Hillary, die mit dem Wallstreet-Business verstrickt ist, die sich niemals mit ganzem Herzen für die arbeitende Bevölkerung einsetzen wird, so wie Sanders es tun würde? Man erlebt da, wie für einen Menschen, der an etwas glaubt, eine ganze Welt zusammenbricht. Katz ist ein herzlicher Typ, wie es ihn in New York häufig gibt, mitteilungsfreudig und einen Tick zu schrullig für eine Karriere. Er ist um die 60, wohnt in Harlem, wo er Lehrer darin ausbildet, Mathematik auf ungewohnte Art zu vermitteln. Katz ist ein engagierter Wahlkämpfer, der sich für nichts zu schade ist und von Tür zu Tür geht mit seinem Bernie-Infomaterial, um New Yorker davon zu überzeugen, Sanders zu wählen.

«Verlierer sind interessanter»

Es war im April 2016, als Lionel Rupp Jonathan Katz entdeckte. Der 33-jährige Regisseur aus Genf, der auch beim Kollektivprojekt «Heimatland» dabei gewesen ist, war zusammen mit seinem Produzenten Michael David Mitchell kurzerhand nach New York geflogen, als Bernie Sanders zu seinem überraschenden Höhenflug angesetzt hatte. «Wir hatten zuerst Columbia-Studenten begleitet, aber ihre Aussagen waren enttäuschend», sagt Rupp im Gespräch. «An einer kleinen Demo vor dem Rathaus schwenkte ich die Kamera über die Leute und stiess plötzlich auf einen Mann mit Schnauz, dessen Enthusiasmus mir sehr gefallen hat. Das war Jonathan. Nachher haben wir nicht mehr von ihm abgelassen.»

Rupp begleitete ihn während einer Woche im April letzten Jahres. Damals hatte Sanders Clinton bei den demokratischen Vorwahlen bereits in New Hampshire und in Michigan besiegt. Anfang April gewann er sieben Staaten in Folge. «Es waren alles Staaten im Mittleren Westen. Da hatte Sanders sein Momentum bei der weissen Arbeiterklasse.» Aber erst in New York würde sich entscheiden, ob Sanders Clinton wirklich würde schlagen können. «Es wäre irr gewesen, wenn er gewonnen hätte. Aber jetzt bin ich fast froh, denn Verlierer sind interessanter.»

Metaphysischer Horror

«A Campaign of Their Own», Lionel Rupps Dokumentarfilm über den Sanders-Wahlkampf, ist ein faszinierendes Porträt von Verlierern geworden. Es zeigt im unkommentierten Direct-Cinema-Stil die politische Leidenschaft, die von unten kommt und zum Überkochen neigt. Man bekommt die Wut der «Bernie Bros» über die Parteimaschine der Demokraten zu spüren, die sich in ihren Augen in ein elitäres System verwandelt hat. In ein System, das nur noch dem Machterhalt dient, sich gegen jegliche Aussenseiter verschworen und überhaupt vergessen hat, sich für die wirklich Benachteiligten einzusetzen. Kurz vor dem Parteitag enthüllt Wikileaks, dass Mitarbeiter der Democratic National Convention versucht hatten, Sanders’ Wahlkampagne zu unterminieren.

«Socialist» gilt bei der vom Kalten Krieg geprägten Generation in den USA als Schimpfwort.

Die Bernie-Fans verwundert das überhaupt nicht. Ohnehin äussern manche von ihnen im Film derart prophetische Sätze, dass sie beim Zuschauer eine Art metaphysischen Horror auslösen. Wenn es so weitergehe, sagt ein Aktivist, werde Trump gegen Clinton gewinnen.

Er hat recht behalten. Ein anderer ereifert sich über die Diagnose, dass die Republikanische Partei Probleme bekomme, wo das doch vielmehr auf die Demokraten zutreffe. Auch er hat recht behalten. Mit einer anderen Art Schrecken realisiert man dann, dass Linke nicht selten so klingen wie Trump-Wähler, wenn sie, wie es Sanders-Anhänger tun, in «Hillary for Prison»-T-Shirts am Parteitag aufkreuzen und ihren Hass auf die Präsidentschaftsanwärterin kaum mehr verbergen. «Da kehren sich die Dinge um», sagt Rupp. «Es gibt einen Moment, in dem Jonathan für mich zu weit geht. Nämlich dann, als er Clinton ‹nasty› nennt. Das ist genau das frauenfeindliche Wort, das Trump benutzt hat.»

Ideen mit Sprengkraft

Sind das mehr als oberflächliche Ähnlichkeiten zwischen zwei Populismen? Rupps Dokumentarfilm, den er in zwölf Tagen gedreht hat, überlässt das Urteil uns. Er liefert keine Instanterklärungen dafür, weshalb Sanders bei so vielen Jugendlichen dermassen beliebt ist. Ein linker Tribun mit Vorschlägen – Anhebung des Mindestlohns, Abschaffung von Studiengebühren, Einheitskrankenkasse –, die man hierzulande in den meisten Fällen sozialdemokratisch nennen würde? Ein Politiker der Institutionen, ehemals Bürgermeister, heute Senator, einer, der inzwischen 75 Jahre alt ist und einen Hang zum Monologisieren hat wie einst die Leute im Marxismus­seminar? «Die Leute mögen seine Integrität», sagt Rupp. «Es gibt Youtube-Montagen, die zeigen, wie er mit 40 genau dasselbe vertritt wie mit 75.»

Anders gesagt: Wer mit 40 Jahren Kommunist ist, hat Verstand, wer es mit 75 noch immer ist, muss ein grosses Herz haben. «Socialist» gilt bei der vom Kalten Krieg geprägten Generation in den USA als Schimpfwort, aber als Parteiloser bringe Sanders durchaus Ideen mit Sprengkraft ein, so Rupp. «Es ist ein Umsturz aus dem Inneren.» Die «Anomalie» Sanders inspiriere durch Echtheit, seine Anhänger habe er dazu gebracht, sich in die Demokratie einzubringen. «Trump beschuldigte äussere Kräfte. Sanders aber hatte eine Lösung, die die Menschen einschliesst. Das ist für mich der Unterschied zwischen den beiden Formen von Populismus.»

Sind die Kräfte, die Sanders entfacht hat, schon wieder erloschen? «Ich denke nicht. Es gab eine grundlegende ideo­logische Vorbereitung nach der Wirtschaftskrise 2008, vor allem in Form von Occupy Wall Street.» Sanders erscheint in Rupps Film denn auch als eine Art Marionette, als riesiger sprechender Kopf im TV oder am Rednerpult. Als er am Parteitag der Demokraten Clinton zur Wahl empfiehlt, verglüht auf einen Schlag der Kopf einer ganzen politischen Bewegung. Was dann übrig bleibt, ist die rohe politische Energie. Das Geschrei der Jünger rund ums Totem, die gegenseitigen Beschuldigungen, der Zorn. Es ist eine ekstatische Kraft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2017, 09:33 Uhr

Lionel Rupp

Dokumentarfilmer

Lionel Rupp wurde 1983 in Meyrin GE geboren. Er studierte 2003 bis 2009 an der Haute Ecole d’Art et de Design in Genf, 2009 schloss er mit Diplom ab. 2008 war er Mitgründer der interdisziplinären Produktionsfirma Zooscope. Rupp wirkte bei der Gemeinschaftsproduktion «Heimatland» (2015) mit und drehte Spiel- und Dokumentarfilme unterschiedlicher Länge wie «Quai ouest», «Eskapop», «La forêt», «Le poisson» und «Ecran bleu ciel». (TA)

Visions du Réel

Filmfestival in Nyon

«A Campaign of Their Own» hat morgen Samstag um 14 Uhr in der Salle Communale in Nyon Premiere. Es ist einer von 61 Langfilmen am Dokumentarfilmfestival Visions du Réel, das heute beginnt und bis 29. April dauert; daneben gibt es Wettbewerbe für mittellange und kurze Dokumentarfilme sowie Meisterklassen und Retrospektiven, ausserdem kommt auch der Nachwuchs zu seinem Recht. Mit der 48. Ausgabe, die sich unter anderem Südafrika und dem Werk des Italieners Gianfranco Rosi («Fuocoammare») widmet, verabschiedet sich der künstlerische Leiter Luciano Barisone, der einstand für cinephile Intellektualität. Auf ihn folgt seine jetzige Stellvertreterin Emilie Bujès. (blu)

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