Der heitere Widerspenstige

Der Schweizer Dokumentarfilmer Peter Liechti ist tot. Mit ihm haben wir einen der klügsten und originellsten Köpfe der Filmszene verloren. Ein Nachruf.

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Jetzt, da der Dokumentarfilmer Peter Liechti gestorben ist nach schwerer, lang bekämpfter Krankheit, ist man sehr versucht, sein Werk, das späte vor allem, von diesem Ende her zu lesen. Als ob doch einfach Spuren und Ahnungen von Abschied zu finden sein müssten. Als ob ein Kreis sich schon habe schliessen wollen in seinem letzten Film, «Vaters Garten», einer kunstvollen, versöhnlichen Wiederannäherung an die Eltern, die er verloren und sozusagen abgehängt hatte für lange Jahre und die doch in seiner Seele waren, als ein Stück von ihm in ihrem würdigen Bünzlitum. Oder in seinem vorletzten Film, «The Sound of Insects», dieser meisterhaften Kombination von Tönen und Bildern über ein einsames menschliches Sterben mitten in einer Natur von gleichgültiger Schönheit.

Aber vermutlich liefe das auf ein Klischee von Todesbewusstsein hinaus. Denn sterben wollte Peter Liechti gewiss noch nicht und hatte nur keine Wahl. Und eigentlich handeln ja all seine Filme vom Leben und vom hartnäckigen Lebenwollen, selbst dieser «Sound of Insects», worin ein Körper sich lange wehrt gegen den Todeswunsch eines Intellekts. Wahrscheinlich hätte auch Peter Liechtis nächstes – jetzt letztes und Entwurf gebliebenes – Projekt, «Dedications», davon gehandelt: als ein vitaler Widerstand gegen die eigene Krankheit, bestimmt eigenwillig wie immer, vielleicht skurril wie so oft und heiter in seiner Widerspenstigkeit. Ein wenig trauriger allerdings wirken ein paar Szenen in «Vaters Garten» nun schon. Jenes Puppenspiel mit den elterlichen Hasen zum Beispiel, in dem Peter Liechti, der Sohn und Filmemacher, als schmerzgrinsende Marionette auftritt, die ihren Holzkopf gegen den Holzboden Familie rammt, ganz das Kind, das man immer bleibt, solange man Eltern hat. Auch jene Szene, in der die fromme Mutter sagt, sie bete immer für eine kleine Wohnung dereinst im Haus des Herrn. Wo er einmal lande ihrer Meinung nach, fragt sie der Sohn, und die Mutter zögert lang und ist durchaus nicht sicher, ob ihr Beten auch ihm in den Himmel helfen werde.

Filmische Scharfzüngigkeit

Wenns eine himmlische Gerechtigkeit gibt und die Verdienste zählen, dann schon. Und sonst ist es halt nicht der Himmel, sondern immerhin die internationale Filmgeschichte. Wegen Liechtis dauernd sich erneuernder, eigensinniger, wirklich unvergleichlicher Originalität des Sehens und Erzählens; wegen seiner fröhlichen Melancholie und, wenn man das so sagen darf, wegen seiner filmischen Scharfzüngigkeit.

Er war Schweizer, Ostschweizer und St. Galler genau gesagt, er konnte ja nicht anders. Und mit der Schweiz hat er sich auseinandergesetzt, mit der, die um ihn war, und mit der in ihm selbst (das Schweizerische hockte dort, genauso wie die Eltern, und reizte zur künstlerischen Opposition). Er hat sie als Filmemacher oft begangen, schon in seinem dritten Film, dem wunderbar stacheligen Essay «Ausflug ins Gebirg» (1986). Peter Liechti wanderte da im gebirgigen Grenzland zu Österreich, der Berg hatte ihn gerufen, hatte ihm aber weiter nichts zu sagen. Es verging dem Autor Liechti alle alpenländische Sehnsucht, dort oben einen Spiegel von Heimat zu suchen. In der dünnen Luft spürte er die eigenen Gedanken absterben, und Heimat, dachte er, wenn es sie gibt, sei woanders und müsse mehr sein als ein Prospekt alpiner Schönheit.

Ein Heimatfilmer war er; und ein Anti-Heimat-Filmer. Das war ein Teil seiner Heiterkeit und seiner ironischen Melancholie. Er ist später dann noch einmal durchs Land gewandert, dreimal von Zürich nach St. Gallen, um dabei vom Rauchen (Marocaine Extra) wegzukommen und den Film «Hans im Glück» (2003) zu drehen. Es gelang im Kampf gegen die Sucht ein Meisterwerk der Schweiz- und Selbsterkenntnis. Die Regeln waren streng: alles zu Fuss, keine Zigaretten, die Kamera als Disziplinierungs- und Beobachtungsmittel. Und was für Beobachtungen das waren auf der Alp und im Tal, in minderen Hotels, in denen man das Morgenessen schon um halb neun abräumte und im «Hexenwäldchen», in dem ein Mann eine dressierte Sau spazieren führte. Selbst ein Nichtraucher begriff wahrscheinlich die Poesie (und die Qual) eines Unternehmens, bei dem es schliesslich gar nicht mehr ums Rauchen ging, sondern um die Suche nach der Heimat, in der man es einst entdeckte. Bild und Kommentar – reine Sprachkunst – vereinigten sich zu einem Gedicht der «Heim-Suchung».

Düsternis in der Ironie

Man könnte Peter Liechti tatsächlich einen Lyriker nennen. Seine Musikalität (die er auch in «Musikfilmen» wie «Kick That Habit», 1989, oder «Namibia Crossings», 2004, bewies) und sein feines Sprachgehör erzeugten lyrische Rhythmen und Melodien. Seine Filme waren immer auch Zuhörgenüsse. Wortlust äusserte sich in ihnen so gut wie die Lust am Bild. Assoziationen trafen aufeinander mit völlig logischer Unlogik und forderten die Realität auf, ihre tiefere Wirklichkeit preiszugeben. Und es war skeptischer Humor in der Traurigkeit und Düsternis in der Ironie, und so ein Liechti-Film war und ist nie nur, was man sieht, sondern auch, was man auch noch bedenken muss und ahnen darf. Eine Herausforderung.

Achtzehn Filme hinterlässt uns Peter Liechti, viele davon preisgekrönt. Vor gut zwei Wochen hat er mit «Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern» den Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm gewonnen. Er hat ihn nicht mehr selber entgegennehmen können. Keine letzten Worte an Kollegen und Kolleginnen. Am Freitag hat ihn der Krebs besiegt, und wir haben einen der klügsten, originellsten Köpfe der Filmszene verloren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.04.2014, 14:09 Uhr

Trailer: Vaters Garten

Trailer: Signers Koffer

Trailer: Sound Of Insects

Masterclass mit Liechti

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