Der mit den Augen

Das Kino Xenix in Zürich feiert den deutschen Schauspieler Udo Kier mit einer Retrospektive.

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Eine Frau sticht in einen bleichen Geflügelbraten, bis das Blut spritzt, ihr Mann tanzt in Anzug und Krawatte unter irren Zuckungen im Flur und verwandelt sich kurz darauf in einen Vampir. Der Tänzer ist Udo Kier, der meistgebuchte deutsche Schauspieler in Hollywood, die Szene stammt aus dem Clip zu seinem 1985 veröffentlichten Song «Adler», der das Phänomen Kier in knapp vier Minuten wunderbar veranschaulicht: Das Abgründige und Unbehagliche, blutiges Fleisch und perfide Erotik ziehen sich von jeher durch sein Werk.

1944 wurde er im zerbombten Köln geboren, der Vater war weg, die Mutter Schneiderin: «Das macht sich immer gut, wenn man sagen kann, man sei in einfachen Verhältnissen gross geworden», meinte Kier einst in einem Interview mit Charlotte Roche. Auch sein erster Job am Fliessband bei den Kölner Ford-Werken befeuert das Image des Underdogs, den es schon immer in die Nacht zog: Als 16-Jähriger lernte er in einer Bar den 15-jährigen Rainer Werner Fassbinder kennen zu einer Zeit, als er in Automaten Passbilder von sich schoss und sie gegen Geld für Drinks tauschte. Sein androgynes Aussehen und die grossen Augen, die irgendwo zwischen Grün und Blau irrlichtern, wurden schnell sein Kapital und sind heute sein Markenzeichen. Fällt sein Name, heisst es oft: «Ah, ist das nicht der mit den Augen?» Und im gleichen Atemzug: «Aber was hat er schon wieder gespielt?»

Mit Fassbinder in London

Gegen 200 Filmrollen sind es mittlerweile, eine Auswahl ist nun im Zürcher Kino Xenix zu sehen. Das Ford-Fliessband lief bald ohne ihn: Mit Fassbinder, der zeitweilig sein Partner war, ging Kier 1963 nach London. Erst kam die Nebenrolle, 1968 die erste Hauptrolle als Bandenführer in Eddy Sallers «Schamlos», einem Paradebeispiel des Exploitationfilms: ein kalkulierter, möglichst billig produzierter Mix aus Sex und Crime.

Kier schreckte vor Körperflüssigkeiten und nacktem Fleisch nie zurück: Ein Jahr nach dem Debüt spielte er in «Hexen, bis aufs Blut gequält» einen Inquisitorenlehrling und bald darauf die Titelrollen in Andy Warhols «Flesh for Frankenstein» und «Blood for Dracula». Der Hexen-Horrorfilm steht noch heute in mehreren Ländern auf dem Index, Kiers Verkörperung des perversen Frankenstein geniesst Kultstatus: Mit Schweissperlen auf der Stirn und lustvoll stöhnend wühlt er sich im aufgeschnittenen Torso einer jungen Frau scheinbar zum Höhepunkt und bedient Splatterfans und Kunstrebellen gleichermassen. Da erstaunt es nicht, dass auch der Berufsprovokateur Lars von Trier auf ihn aufmerksam wurde: Seit «Epidemic» (1987) ist Kier in fast jedem Film des Dänen zu sehen, so auch jüngst als Hochzeitsplaner in «Melancholia».

Spiel mit den Rollen

Auch seine wohl monströseste Rolle spielte er unter von Trier: In der gefeierten Krankenhausserie «Riget» («Geister») wird er als deformiertes Riesenbaby wiedergeboren. Unvergesslich, wie Kier dieses wimmernde Wesen spielt, dessen Existenz mittels Sterbehilfe ein Ende findet. Überhaupt sind dramatische Filmtode seine Spezialität: In «Blade» wird er als zahnloser Vampir der Sonne zum Frass vorgeworfen und zerfällt kunstvoll zu Asche, in «Johnny Mnemonic» wird er von einem Laserstrahl tranchiert.

Während Kier durch die Abgründe des Daseins navigiert, pendelt er stets auch zwischen Hollywood und Europa, Kunst und Kommerz. Welcher Schauspieler kann schon von sich behaupten, mit Michael Bay («Armageddon») genauso wie mit dem jungen Christoph Schlingensief («Egomania») gedreht zu haben? Und oft ist sein Spiel mit den Rollen auch eins mit den Geschlechterrollen. Als harscher Zuhälter im Aidsdrama «House of Boys» offenbart er seinen weichen Kern erst, als er im Paillettenanzug Hildegard Knefs «Für mich solls rote Rosen regnen» singt. Und in Gus Van Sants «My Own Private Idaho» bricht Kier, der seinen deutschen Akzent nie versteckt, mit seiner Rolle des schmierigen Freiers, als er für zwei Stricher (River Phoenix und Keanu Reeves) seinen eigenen Song «Adler» performt. Mit einer Tischleuchte in der Hand hüpft er herum und singt: «Die Seele der Menschen muss in ihren tiefsten Tiefen verängstigt werden.»

Erstellt: 12.07.2013, 16:10 Uhr

Udo Kier im Kino Xenix

Die Retrospektive «Grausam sexy – eine Hommage zum 69. Geburtstag von Udo Kier» läuft bis zum 28. August.
www.xenix.ch

Blade

Der Tod auf dem Felsen: Udo Kier in «Blade» (1998)

Songclip: Der Adler

Veranschaulicht das Phänomen Kier in knapp vier Minuten: Clip zu Kiers 1985 veröffentlichtem Song «Der Adler»

Flesh For Frankenstein

Einer seiner dramatischen Filmtode: Udo Kier in «Flesh For Frankenstein» (1973)

My Own Private Idaho

Der Tanz mit der Lampe: Udo Kiers Performance als Hals Klein in «My Own Private Idaho» (1991)

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