Der schmierige Mister Mortensen

Regisseur Peter Farrelly hat sich mit Dampfhammerkomödien einen Namen gemacht. Mit «Green Book» zeigt er nun, dass er auch subtilere Register beherrscht.

Genüsslich unterlaufene Schwarzweiss-Klischees: Szene aus «Green Book». Foto: PD

Genüsslich unterlaufene Schwarzweiss-Klischees: Szene aus «Green Book». Foto: PD

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Er isst, raucht und flucht nonstop, und wenns sein muss, lässt der rassistische Türsteher Tony Lip (Viggo Mortensen) im Copacabana auch mal die Fäuste sprechen. Aber dann wird der Club renoviert, und Tony braucht einen Job. Er findet – ausgerechnet – Arbeit als Fahrer des schwarzen Pianisten Don Shirley (Mahershala Ali), der mit seinem Jazztrio zu einer Konzerttour durch den amerikanischen Süden aufbricht.

«Green Book», der das Zurich Film Festival eröffnet, taucht tief ein in den Alltagsrassismus der frühen Sechzigerjahre – und da haben sich die Richtigen gefunden: hier der italoamerikanische Alltagsjongleur Tony, der zu Hause Gläser in den Müll wirft, wenn dunkelhäutige Handwerker daraus getrunken haben. Dort der schwarze Don, dem eine Karriere als Klassikpianist verwehrt blieb und der sich nirgends und niemandem zugehörig fühlt.

Das klingt nach berechenbaren Culture Clashes. Was man aber vor allem serviert bekommt, ist starkes Schauspielkino – etwa dann, wenn gegessen wird. Der aufgeschwemmte Viggo Mortensen ist von erlesener Schmierigkeit, wenn er Pizzas und Sandwichs in sich hineindrückt, während Mahershala Ali einen KFC-Pouletschenkel wie ein Marsfundstück in Händen hält. Da werden dann auch Schwarzweiss-Klischees genüsslich unterlaufen.

Das Erstaunlichste an diesem Feelgoodmovie ist jedoch sein Regisseur: Peter Farrelly hat mit seinem Bruder Bobby über zwanzig Jahre lang Dampfhammerkomödien à la «There’s Something About Mary» oder «Dumb and Dumber» fabriziert. Jetzt, im biografisch verbürgten «Green Book», zeigt er sich erstmals von einer dramatischen und emotionalen Seite. Und wer sich in Hollywood auf solche Art neu erfindet, darf schon mal hoffnungsvoll der nächsten Oscarverleihung entgegenblicken.

Zurich Film Festival: 27.9. bis 7.10. Weitere Aufführungen von «Green Book»: 28.9., 30.9. und 6.10.

Erstellt: 25.09.2018, 18:47 Uhr

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