Der stille Amerikaner

Ryan Gosling brilliert in «First Man» als Neil Armstrong, der als Erster den Mond betrat. Der neue Film von Damien Chazelle überzeugt als beklemmendes Kammerspiel.

«First Man» – komplexe Persönlichkeit mit minimaler Mimik: Ryan Gosling als Neil Armstrong. Foto: Daniel McFadden

«First Man» – komplexe Persönlichkeit mit minimaler Mimik: Ryan Gosling als Neil Armstrong. Foto: Daniel McFadden

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Neil Armstrong und seine Frau Janet sitzen in ihrem amerikanischen Heim an einem amerikanischen Znacht, Mitte der Sechzigerjahre, als das Telefon läutet. «Yes sir», sagt er. «Thank you sir.» Der Astronaut (Ryan Gosling) hat eben erfahren, dass er an einem der Gemini-Projekte teilnehmen darf. Sie dienen der Vorbereitung auf den ersten bemannten Mondflug, dem kühnsten Ziel, seit die Menschen vor 60 Jahren mit dem Fliegen anfingen. «Es ist ein neuer Start», sagt seine Frau (Claire Foy), «ein Abenteuer.» Das Paar hat vor kurzem die zweijährige Tochter an den Krebs verloren. Man merkt ihm nichts von allem an.

Armstrong geniesst bei der Nasa einen guten Ruf. Er gilt als belastbar, kompetent, vernünftig und selbst in extremen Situationen kontrolliert. Vor allem ist er sehr verschlossen. Als er erfährt, dass er auf den Mond fliegen darf, sagt er «okay». Dass er sich von seinen Söhnen verabschieden soll mit dem Hinweis, dass er womöglich nicht zurückkehren werde, muss ihm seine Frau befehlen. Als ihn ein Journalist vor dem Start der Apollo 11 nach seiner Reaktion auf die Wahl fragt, sagt er: «Ich war erfreut.» Regungslos.

Durch die Unendlichkeit

Was für eine psychologische Ironie: dass ein dermassen nach innen gekehrter Mann durchs All fliegen, ein Verschlossener durch die Unendlichkeit rasen würde. Dabei hatte das Fliegen den Astronauten von Anfang an interessiert. Neil Armstrong hatte im Koreakrieg Bombereinsätze geflogen und an der Universität von Purdue, Indiana, Aeronautik studiert.

Als Astronaut gelang ihm nicht alles. Auf einem Testflug sollte er einen Fehler machen, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte, aber auch einem anderen einen Fehler korrigieren und damit sein Leben und das seines Kollegen retten. Beide Momente spielen in «First Man» eine wichtige Rolle. Möglicherweise hat sich Armstrong mit seiner Art, sich kaum beeindrucken zu lassen, die Captain-Binde im Mondflug eingehandelt. Typischerweise brauchte der stille Amerikaner einen einzigen Satz, um danach für immer zitiert zu werden: «Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen», sagte er, nachdem er den Mond betreten hatte, «doch ein riesiger Schritt für die Menschheit.» Filme über das All tendieren zur breitleinwandfüllenden Totale, weil diese so spektakulär aussieht, seit Stanley Kubrick das mit «2001: A Space Odyssey» auf einem bis heute unerreichten Niveau vorgemacht hat. «Gravity», «The Martian», «Apollo 13», «Interstellar», «Star Wars» und andere ausserirdische Filme verlieren sich gerne in Zeit und Raum.

Der Regisseur interessiert sich mehr für das Scheitern als für den Triumph.

Damien Chazelle tut in «First Man» beinahe das Gegenteil: Sein Film spielt am häufigsten auf den Gesichtern der Astronauten, die im Simulator und auf den Testflügen fast bis zur Bewusstlosigkeit durchgeschüttelt werden. Und zeigt auf beklemmende Weise, wie beengt sich die Männer während ihrer Flüge fühlen mussten und was für ein irrsinniges Risiko sie dabei auf sich nahmen.

Wer das Original der Mondlandefähre im National Air and Space Museum von Washington gesehen hat, bewundert die Leistung von Neil Armstrong und Buzz Aldrin noch mehr.Die Kapsel sieht aus wie eine breitgetretene Konservendose. Ihr Computer wog 32 Kilogramm, hatte aber eine RAM-Speichergrösse von umgerechnet 2400 Wörtern. Dieser Artikel hat fast die Hälfte davon.

Verzicht und Scheitern

Wie schon bei seinem ersten Grosserfolg «Whiplash» über die Leidensbeziehung eines Schlagzeugers zu seinem gnadenlosen Lehrer und wie auch beim Ende seines Musicals «La La Land» interessiert sich der Regisseur mehr für den Verzicht und das Scheitern als für den Triumph. Darum handelt fast sein ganzer neuer Film von den Vorbereitungen auf den Mondflug und den Fehlern, Gefahren und Katastrophen, die sich in diesen Jahren ereigneten. Schon die erste Szene zeigt Armstrong bei einer falschen Einschätzung, als er mit der Kapsel einer X-15 zu steil in die Atmosphäre fliegt. Zur Strafe muss er eine Weile auf der Erde bleiben.

Harfen im Weltall

Filme über Amerikaner im All neigen aufdringlich zum Patriotischen, aber selbst hier bleibt «First Man» subtil. Als der Film am Festival von Venedig seine weltweite Premiere feierte, dauerte es nicht lange, bis amerikanische Superpatrioten dem Regisseur vorwarfen, das Hissen der US-Flagge auf dem Mond nicht gezeigt zu haben. Da Gosling Kanadier und Chazelle halber Franzose ist, flatterten in der Folge die Verschwörungstheorien im Wind der Unterstellungen. Worauf Donald Trump unweigerlich ankündigte, er werde den Film wohl nicht sehen wollen. Er steht damit nicht allein, weil keiner der Mitkritiker mehr gesehen hat als den Trailer. Die amerikanische Flagge ist in «First Man» übrigens ein Dutzend Mal im Bild. Auch auf dem Mond.

Wer sich deshalb von diesem Film abschrecken lässt, verpasst ein meisterhaftes, von Special Effects kontrastiertes Kammerspiel, das drei kapitalistische Lieblingsthemen einfängt – Leistung, Technikglaube und den Kalten Krieg. Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen: dass der ideologische Kampf gegen die Sowjetunion auch dazu führte, dass die USA Milliarden von Dollar in ein Projekt investierten, dessen praktischer Nutzen sich am ehesten in der PR-Wirkung zeigt. Das Einzige, was dem Film drängend fehlt, ist ein guter Soundtrack. Wer auch immer die Idee hatte, Harfen im Weltall spielen zu lassen, sollte kein Instrument mehr bedienen dürfen.

Aber das alles spielt in diesem subtilen Film über eine ungewöhnliche Reise keine Rolle, nämlich weil Ryan Gosling die Hauptrolle spielt. So wenig Mimik zu zeigen und gleichzeitig nachvollziehbar zu machen, was für eine komplexe Persönlichkeit sich dahinter verbirgt, ist gerade deshalb eine schauspielerische Leistung, weil sich Gosling dermassen zurückhalten muss. Er tut das auf grandiose Weise, weil man in jedem Moment die Verletzlichkeit eines Mannes spürt, der trotzdem immer wieder sein Leben riskierte. Auf diese Weise macht Ryan Gosling auch deutlich, was Neil Armstrong, der Bescheidene, als Astronaut nie vergass: dass 400'000 Leute jahrelang daran gearbeitet hatten, dass er den Schritt für die Menschen machen durfte.

Ab Donnerstag in den Kinos. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.11.2018, 06:32 Uhr

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