Der vergessene Schweizer Held

Ein Dokumentarfilm über den Diplomaten Carl Lutz feierte in Budapest Premiere. Er hatte im Zweiten Weltkrieg viele ungarische Juden gerettet.

Carl Lutz, ehemaliger Botschafter in Budapest. Foto: SRF

Carl Lutz, ehemaliger Botschafter in Budapest. Foto: SRF

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Das ist «der schönste Kinosaal, den ich je gesehen habe», sagte der Schweizer Regisseur Daniel von Aarburg über das Nationalkino Urania in Budapest. Vor den Toren des Kinos braust der Verkehr auf sechs Spuren durch das Zentrum der ungarischen Hauptstadt. Das Haus im maurischen Stil aber strahlt noch den Glanz einer Epoche aus, als Budapest zu den reichsten und stolzesten Metropolen Europas gehörte.

Am Wochenende fand hier eine Weltpremiere statt. Auf Einladung der Schweizer Botschaft zeigte Daniel von Aarburg im Urania zum ersten Mal seine Dokumentation «Der vergessene Held» über den Schweizer Carl Lutz. Als Vizekonsul hatte Lutz 1944 und 1945 mit dem von ihm erfundenen System der Schutzbriefe und Schutzhäuser über 60'000 ungarische Juden vor der Ermordung in den Konzentrationslagern gerettet. Ende August wird der Film in gekürzter Fassung im Hauptabendprogramm des Schweizer Fernsehens in allen drei Sprachen laufen.

In Budapest war aber noch der Director’s Cut zu sehen: die eineinhalbstündige Kinoversion, in der vor allem die Zeitzeugen länger zu Wort kommen als im Fernsehfilm. Drei Jahre arbeitete der in Chur lebende Regisseur am Projekt: Obwohl sich SRF und 3sat an der Produktion beteiligten, stand das Projekt finanziell knapp vor dem Scheitern. Erst als sich auf einen Bericht im TA über das Projekt hin ein privater Financier meldete, konnte von Aarburg notwendige Recherchereisen bezahlen.

Ein letztes Interview

Er fand Juden, die durch Schweizer Schutzbriefe in Budapest überlebten, in den USA, in Israel, in Österreich und in der Schweiz. Unter ihnen sind Prominente wie die Philosophin Agnes Heller, der Schriftsteller György Konrad, der Publizist Paul Lendvai oder der Kulturmanager Hans Landesmann. Die Interviews mit ihnen sind die berührendsten Szenen im Film. «Ich hätte eigentlich mit sieben Jahren sterben sollen», sagt einer: «Lutz schenkte mir 67 Lebensjahre.» Manche der Zeitzeugen erzählen vor der Kamera zum Teil zum ersten Mal von den dramatischen Erlebnissen vor 70 Jahren. Manche auch zum letzten Mal. Hans Landesmann starb vor einem Jahr, kurz nach dem Interview.

Unter dem totalitär regierenden Miklos Horthy war Ungarn Verbündeter des NS-Regimes. Doch erst 1944, mit der Entmachtung Horthys und dem Einmarsch der Wehrmacht und der SS, begann der Terror gegen die jüdische Bevölkerung. Innert weniger Monate wurden 440'000 Juden vom Land und aus den Kleinstädten nach Auschwitz deportiert und ermordet. Diplomaten mehrerer Länder versuchten, zumindest die Budapester Juden zu schützen. Lutz hatte Helfer in der Schweizer Botschaft und beim Internationalen Roten Kreuz, sein System der Schutzbriefe übernahmen der Schwede Raoul Wallenberg und der päpstliche Nuntius Angelo Rotta. Im Andenken an die «ausländischen Retter in Ungarn 1944» veranstalten die Vertretungen der Schweiz, Schwedens, Polens, Portugals, Spaniens, Italiens und des Vatikans diese Woche Gedenkmärsche zu den damaligen Schutzhäusern und zeigen Filmdokumentationen.

In Budapest ist der Name Lutz nicht so geläufig wie jener Wallenbergs, aber durchaus bekannt. Es gibt eine Stiftung und ein Archiv im sogenannten Glashaus, in dem Lutz die Schutzpässe ausstellen liess und über 3000 Juden vor dem Zugriff der ungarischen Faschisten versteckte. Es gibt ein Donauufer mit seinem Namen, eine Statue und eine Gedenk­tafel an der Wand der ehemaligen britischen Residenz, in der Lutz wohnte und in deren Keller er mit Familie und Mitarbeitern zwei Monate lang die Kämpfe zwischen Deutschen, Ungarn und der Roten Armee überlebte. In der Schweiz hingegen ist Lutz noch immer wenig bekannt. Regisseur Daniel von Aarburg gab in seiner Eröffnungsrede zu, dass er selbst bis zu seinen Recherchen noch nie vom mutigen Diplomaten gehört hatte. Durch ­Zufall war er auf eine Biografie aus den 90er-Jahren gestossen. Er forschte weiter und fand heraus, dass die Stieftochter von Lutz, Agnes Hirschi, in der Nähe von Bern lebt. Er kontaktierte sie, fuhr mit ihr nach Budapest, konnte sie für sein Projekt gewinnen. Nun führt sie, die als siebenjähriges Mädchen selbst an der Seite des Stiefvaters das Grauen in Budapest erlebt hatte, durch den Film.

Von Aarburg fand neben Zeitzeugen auch ein bemerkenswertes Dokument in den Archiven: zwei Filmrollen mit einem Interview mit Lutz, das kurz vor seinem Tod 1975 als Teil eines dann nie umgesetzten Filmprojekts entstanden war. Darin erzählt er über seine Begegnung mit dem Organisator des Holocausts, Adolf Eichmann, in Budapest; und wie seine Idee, Budapester Juden mit Schutzpässen die Ausreise nach Palästina zu ermöglichen, von Hitler persönlich genehmigt worden sei. Später stellte ihn Eichmann vor eine unmenschliche Entscheidung: Lutz musste in einem Anhalte­lager in Budapest richtige und gefälschte Schutzpässe identifizieren – und damit zwischen Leben und Tod ihrer Inhaber entscheiden. Diese Selektion, sagt Regisseur von Aarburg, habe den gläubigen Diplomaten bis ans Ende seines Lebens traumatisiert.

In der Schweiz gemassregelt

Sichtbar verbittert, erzählt Lutz im Interview von seiner Rückkehr nach Bern und seinen enttäuschten Erwartungen. Er hatte geglaubt, er werde als Retter der Juden gefeiert, aber er wurde ignoriert, wegen zu hoher Spesen gemassregelt und auf einen unbedeutenden Posten versetzt. Nur in Israel wurde er geehrt. Die Gedenkstätte Yad Vashem nahm ihn, seine erste Frau Gertrud, seinen Mitarbeiter Harald Feller und den IKRK-Delegierten Friedrich Born in die Liste der «Gerechten unter den Völkern» auf. Doch Lutz wollte die Anerkennung der Heimat. Und bekam sie zu Lebzeiten nicht: «Kein Bundesrat hat mir je die Hand gereicht.»

Nach der Premiere im Budapester Kino Urania könnte die Geschichte des vergessenen Helden aus der Schweiz um die Welt gehen. Von Aarburg erhielt Einladungen aus Kanada und den USA. Offen bleibt, ob der Film in Ungarn in die Kinos oder ins Fernsehen gelangt. Ein Filmverleih sagte zu und wieder ab, vermutlich aus politischen Gründen: Im Film kommen Zeitzeugen zu Wort, die heute in Opposition zur Regierung von Viktor Orban stehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.06.2014, 08:29 Uhr

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