Der weisseste Film hat gewonnen

Es war Zeit, dass Leonardo DiCaprio einen Oscar bekommt. Aber der Rest war verrückt.

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Sechsmal war er nominiert, beim sechsten Mal durfte er auf die Bühne: Leonardo DiCaprio hat seinen ersten Academy Award gewonnen. Nicht für seine Rolle in «What’s Eating Gilbert Grape», nicht für jene in «The Aviator», nicht einmal für die in «The Wolf of Wall Street». Da war er doch auch gut! Sicher besser, energetischer und verrückter als in «The Revenant», dieser Ego-Verrücktheit im historischen amerikanischen Frost von Alejandro González Iñárritu.

Aber er gehört einfach da hin, auf die Bühne vor die Kameras der Welt. Die Dankeskaskaden von Leonardo DiCaprio waren gut vorbereitet und endeten mit einer staatsbürgerlichen Kampfrede zum Schutz des Planeten. Für «The Revenant» sei die ganze Crew nach Südamerika geflogen, weil nur dort noch Schnee lag: Damit verschmolzen für DiCaprio die Engagements für Kunst und Umweltschutz, und der Applaus war laut und herzlich.

Jetzt aber zu den wichtigen Ereignissen. «Spotlight»! Das Journalistendrama wurde zum besten Film gekürt, und das Gefühl war ähnlich wie nach der Abstimmung vom Sonntag: Gerade noch einmal gut gegangen. Zuvor schon hatte der Mexikaner Alejandro González Iñárritu, der im letzten Jahr mit seiner Hollywoodbetriebssatire «Birdman» triumphiert hatte, den Regiepreis für «The Revenant» entgegengenommen – man wollte sich nicht ausmalen, was er noch geredet hätte, wenn sein Survival-Muskelspiel auch noch «Spotlight» geschlagen hätte: wahrscheinlich noch mehr Unsinn über die Indianer in seinem Epos und seinen Einsatz gegen Vorurteile und Hass. So tickt ein Iñárritu: Was schon als Monument für seine eigene arrogante Virtuosität gewaltig genug ist, lässt sich unter dem Eindruck und dem Druck von #OscarsSoWhite noch einmal hochjazzen zum Denkmal für die Schandtaten am indigenen Erbe der USA. Der Mann ist wirklich ein Bully des Kinos. Deshalb: «Spotlight»!

Das analoge Ethos

Da spielen zwar wieder nur Weisse mit, aber das Drama beruht halt auf wahren Geschehnissen: Im Jahr 2001 begann die Spotlight-Abteilung, ein Team von Investigativjournalisten beim «Boston Globe», sexuelle Übergriffe an Kindern durch katholische Priester zu untersuchen. Die Ermittlungen sind langwierig, die Kirche droht und behindert die Reporter, und wir sehen eigentlich nur Leuten zu, die in Büros miteinander reden. Das ist nun weniger ein Denkmal für die Opfer von Freveltaten und mehr ein Triumph des Recherchejournalismus: ein fast nostalgisches Bild vom Zeitungsmachen und vom analogen Ethos der Aufklärung.

Und ein Sieg des Ensembles, das unter anderem aus Michael Keaton, Mark Ruffalo, Rachel McAdams, Liev Schreiber und John Slattery besteht. Sie bieten ein tolles Zusammenspiel: «Spotlight» ist eine Vereinigung aus struppigen Figuren, ein Kollektiv von trockenen Denkern und angegrauten Stoikern, die ihr Metier beherrschen wie wenig andere. Schauspielerisch ein Fest des Underplaying und formal ein unaufdringlich inszenierter Medienthriller: Regisseur Tom McCarthy hat ein Gespür für Feinheiten im Ausdruck, und im Gegensatz zu «The Revenant» braucht er keine sehnigen Look-at-this!-Sequenzen, um seine Story zu vermitteln.

Gute Wahl also. Noch besser wäre nur gewesen, hätte «Mad Max: Fury Road» in der Kategorie des Besten Films gewonnen. Dann hätte man einen richtig guten Stand gehabt, um all den freudlosen Leuten, die an diesem fulminanten Actionfilm die dünne Geschichte bemängeln, zu erklären, woraus das Kino von George Miller besteht: aus Bewegung, innerer Logik, zwingender Komposition der Unordnung. Form halt! Und damit auch: Übersetzung des Inhalts (Verfolgungsjagden) in Bildsprache.

Der souveräne Chris Rock

Aber quantitativ war «Mad Max: Fury Road» an der 88. Oscar-Gala ohnehin der Sieger, mit sechs Awards (Tonschnitt, Tonmischung, Kostüme, Ausstattung, Schnitt und Make-up). «The Revenant» holte die Auszeichnung für Emmanuel Lubezkis Schau-wie-schön-ist-das-Abendlicht-im-Weitwinkel-Kamera. Und man kann auch zufrieden sein mit dem Oscar für Brie Larson, die in «Room» eine abgeschminkte Darstellung liefert als gekidnappte und eingesperrte Mutter mit kleinem Sohn. Die Drehbuchpreise gingen an «Spotlight» (Original) und die eher unebene Finanzkrisenkomödie «The Big Short» (adaptiert).

Am souveränsten aber war Komiker und Moderator Chris Rock, der den Ball um #OscarsSoWhite bereits im Eröffnungsmonolog aufnahm, ohne gleich die plattesten Witzchen zu reissen: Die Aufregung um die weisse Nominierungsliste sei doch immerhin ein Fortschritt, denn früher seien Afroamerikaner ja vorwiegend damit beschäftigt gewesen, vergewaltigt und gelyncht zu werden. Er bewertete die Kritik an den Academy Awards als berechtigte, aber auch privilegierte Wut – und sagte dann doch: «Natürlich ist Hollywood rassistisch!»

Nicht im augenfälligen, sklaventreiberischen Sinn. Sondern als sublimierte Unterdrückung in einem gewachsenen System, in dem sich die Weltansichten der «Hollywood liberals» mit Machtstrukturen und Traditionen verquicken. Eine perfidere, unsichtbarere Form also, die umso schwerer zu bekämpfen ist.

In einem Einspieler befragte Rock schwarze Passanten, welche der nominierten Filme sie gesehen hätten. «Spotlight»? «Bridge of Spies»? «The Revenant»? «The Big Short»? «Nie gehört. Was sind denn das für Filme?», sagten sie alle. Die Titel klangen für sie wie erfunden. Und für einmal war Hollywood wirklich diese elitäre, in sich geschlossene Welt.

Nicht wegen des Glamours der Oscar-Nacht. Sondern wegen der Filme, die dort ausgezeichnet werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.02.2016, 09:21 Uhr

Einer freute sich ganz besonders: DiCaprio und seine Oscar-Rede.

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