«Die Behörden fragten, warum in meinem Film so viele Leute sterben müssen»

Ein Land nimmt Kurs aufs Chaos: Der chinesische Filmregisseur Jia Zhangke im Gespräch über sein gnadenloses Gesellschaftsporträt «A Touch of Sin».

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In «A Touch of Sin» zeichnen Sie ein bitteres Bild des heutigen Chinas, ein Bild von Verzweiflung, Mord und Ausbeutung. Verstehen Sie Ihren Film als eine Form von Protest?
In gewisser Weise schon. In den letzten zwei Jahren kam es in China zu gewalttätigen Ereignissen, von denen man über verschiedene Social-Media-Kanäle erfahren hat. Als sich solche Vorfälle häuften, wollte ich mit den Mitteln des Kinos herausfinden, woher die Gewalt rührt. Wie kommt es zu solchen gesellschaftlichen Entwicklungen? Ich wollte den Gefühlszustand des Landes verstehen.

Hat die staatliche Zensurbehörde nicht in Ihren Film eingegriffen?
Die Zensur hat den Film kurz vor der Premiere am letztjährigen Cannes-Festival angenommen. Das war ein Glück für das chinesische Kino. Bis jetzt hatten Filme, die Gewalt darstellten, grosse Probleme mit der Zensur. Aber mein Film handelt auch von gesellschaftlichen Phänomenen und von den Gefühlen der Leute, deshalb wurde er akzeptiert. Das gibt mir Hoffnung.

Kann es sein, dass die offiziellen Stellen einverstanden waren mit Ihrem Film? Die wollen sicher auch keine Gewalt im Land.
Ich habe mit vielen Leuten der Behörden diskutiert, die wissen wollten, warum es in meinem Film so viel Gewalt gebe und so viele Leute sterben müssten. Darauf habe ich geantwortet: Wenn man das Elend nicht zeigt, wie soll man darüber reden? Auch wenn sie meinen Film noch nicht gesehen haben, wissen die Leute mittlerweile, wovon er handelt. Da die offiziellen Medien die herrschende Not zu wenig thematisieren, braucht es eine künstlerische Auseinandersetzung mit solchen Problemen.

In «A Touch of Sin» entsteht der Eindruck, CEOs und korrupte Lokalpolitiker hätten die kommunistischen Herrscher abgelöst. Kann man das so sehen?
Ja. Seit meinem Erstlingsfilm «Pickpocket» verfolge ich die Veränderungen in China. Am Anfang war ich von grosser Hoffnung erfüllt, aber die hat sich verflüchtigt. Weil Macht und Geld immer noch in einer kleinen Gruppe konzentriert sind. Superreiche können sich heute plötzlich ein Privatflugzeug kaufen. Sie sind weder Kommunisten noch Kapitalisten. Sondern gehören einfach zur reichen Klasse. Insofern hat sich wenig verändert: Seit der Kaiserzeit kämpfen einfache Leute gegen die Ungerechtigkeiten, die ihnen widerfahren. In der chinesischen Volkskultur kommen solche Helden immer wieder vor, etwa in Wuxia-Filmen. Sie handeln von Kämpfern, die das Unrecht der einfachen Leute rächen. «A Touch of Sin» ist auch als Hommage an dieses Genre zu verstehen.

In Ihren Filmen zeigen Sie immer wieder, wie wichtig Volkskultur ist. Auch in «A Touch of Sin» schauen sich die Leute eine Pekingoper an. Bietet Volkskultur eine Zuflucht in widersprüchlichen Zeiten?
Die Oper, die in meinem Film vorkommt, beruht auf dem berühmten Klassiker «Die Räuber vom Liang-Shan-Moor» aus der Kaiserzeit. Sie handelt von einfachen Leuten, die Gerechtigkeit mit Gewalt erkämpfen. Es ist eine Art Robin-Hood-Fabel über den Aufstand der Armen. Auch heute gibt es für einfache Leute neben Gewalt kaum andere Möglichkeiten, sich durchzusetzen. Deshalb habe ich die Oper in den Film eingebaut.

Im Gegensatz zu den Armen strahlen die Reichen Arroganz aus. Der neureiche Minenbesitzer zum Beispiel foutiert sich um moralische Fragen, während sich die unteren Klassen Moral gar nicht erst leisten können.
Ja, weil das Recht in China noch immer kaum entwickelt ist. Die freie Rede ist eingeschränkt. Dadurch finden viele keinen anderen Weg, als moralische Fragen zu ignorieren und sich ihr Recht mit Gewalt zu verschaffen. Natürlich ist Gewalt kein akzeptables Ausdrucksmittel. Das will ich auch in meinem Film zeigen, deshalb stelle ich sie deutlich dar. Gewalt ist eine Tragödie. Aber es scheint in China keinen anderen Weg zu geben.

Das klingt ausweglos. Selbst ein junger Fabrikarbeiter gerät in Ihrem Film in Not. Steht nicht einmal mehr die Jugend für Hoffnung?
Die Geschichte mit dem Jugendlichen schliesst den Film ab. Sie spielt in der Stadt Dongguan, an einem Ort, wo viele Fabriken stehen, unter anderem auch jene des Apple-Zulieferers Foxconn. In letzter Zeit haben sich dort viele Arbeiter umgebracht. Damit wollte ich mich beschäftigen. Ich wollte den Ereignissen direkt ins Gesicht schauen. Darin steckt für mich die eigentliche Hoffnung: im genauen Hinsehen.

Apropos Apple: Sie zeigen im Film eine junge Frau und ihr iPad. Suchen Chinesen heute ihr individuelles Glück? Oder glauben sie noch ans Kollektiv?
Es gibt zwei Dinge. Einerseits streben Leute, die sich in einer Krise befinden, nach individuellem Glück. Sie glauben, dass man für sein Glück kämpfen muss. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter. Der Wunsch, sich Dinge kaufen zu können, beschränkt sich nicht auf Städte, sondern hat auch die Provinzen erreicht. Andererseits lebt die kollektive Idee der Entwicklung fort. Man träumt davon, dass die Gesellschaft freier und demokratischer wird. Zwischen diesen beiden Wegen aber klafft ein Widerspruch, der in letzter Zeit grösser geworden ist. Dann schliessen sich Leute wieder einer Bewegung an, die zurück in die Mao-Zeit will. Sie meint, das Glück liege in der Vergangenheit. Andere hingegen preschen voran und wollen keinesfalls zurückschauen. Ich sehe allerdings auch kein Heil in der Vergangenheit.

Und in der Zukunft?
Viele Intellektuelle machen sich Gedanken über die Zukunft Chinas. Doch wir leben in einer zerrissenen Zeit, im Widerstreit von unvereinbaren Standpunkten. Es fehlt der Konsens und der Sinn fürs Allgemeinwohl. Wir steuern letztlich aufs Chaos zu.

Erstellt: 16.01.2014, 08:20 Uhr

Der souveräne Störenfried

Jia Zhangke (*1970) ist die führende Figur der neuen Generation chinesischer Regisseure. Seine frühen Werke wie «Platform» (2000) entstanden ausserhalb des staatlichen Filmsystems und injizierten Realismus ins chinesische Kino.

Mit «Still Life» (2006) gewann Jia in Venedig den Goldenen Löwen, für seinen neusten Film «A Touch of Sin» (2013) wurde er in Cannes mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet.

Sehr lose verknüpft er darin vier Episoden über gewalttätigen Widerstand im neuen China: Ein Minenarbeiter rächt sich blutig an korrupten Oberen; ein Bauer arbeitet sich zum Killer hoch; eine Sauna-Empfangsdame wehrt sich gegen Angreifer; ein junger Arbeiter lässt in der Fabrik alle Hoffnung fahren. Was niederschmetternd klingt, entpuppt sich als kraftvolle und zornige Parteinahme für die Verlierer des chinesischen Aufschwungs. Das ist hoch explosiv, geradezu ansteckend in der empörten Haltung und besticht nicht zuletzt durch Jias stilvoll kontrollierte Thriller-Inszenierung. In China hätte «A Touch of Sin» bereits anlaufen sollen. Unterdessen haben die Behörden den Start verschoben und die Medien angewiesen, nicht darüber zu berichten. (blu)

Trailer

Trailer: «A Touch of Sin»

Filmausschnitt

Szene aus «Still Life» (2006)

Im Kino

«A Touch of Sin» läuft ab Donnerstag in Zürich im Kino Riffraff.

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