Die Bildung des höheren Unsinns

In den Locarno-Wettbewerben gefielen die Könner des Absurden: Der Franzose Serge Bozon mit «Madame Hyde» und Cyril Schäublin mit «Dene wos guet geit».

Ausschnitt aus «Madame Hyde» mit Isabelle Huppert als Lehrerin Madame Géquil (links). Foto: Praesens Film

Ausschnitt aus «Madame Hyde» mit Isabelle Huppert als Lehrerin Madame Géquil (links). Foto: Praesens Film

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Wir haben den Mann gefunden, der in Locarno alles zusammenhält. Wir meinen jetzt nicht Marco Solari, obwohl der als Präsident natürlich auch die Übersicht hat. Nein, er heisst Serge Bozon. Der französische Regisseur ist gekommen, um im internationalen Wettbewerb seine irre Komödie «Madame Hyde» zu zeigen. Er ist aber auch Schauspieler, zuletzt trat er in einer anderen französischen Komödie auf, die letztes Jahr hier am Festival lief. Ausserdem schreibt er Filmkritiken; Bozon gehört zu der Sorte Cinephilen, die mit Tempo und Intelligenz über alles Mögliche reden. In Locarno konnte man das beobachten, als er an einem langen Tisch die Retrospektive zu Jacques Tourneur diskutierte. Sprudelnd sprach er über dessen «Gleichberechtigung zwischen den Figuren». Er ist ein Bewunderer dieses B-Movie-Kinos, scheint es vor allem sehr gut zu kennen.

Man könnte also sagen, Serge Bozon ähnele einem Kraftwerk, das am 70. Filmfestival Locarno seine Energien in verschiedenste Richtungen schicke. Das würde nämlich auch zu «Madame Hyde» passen, worin Isabelle Huppert eine Lehrerin an einer technischen Berufsschule im Vorort spielt. Ihr pädagogisches Talent hält sich in Grenzen, den Schülern verweigert sie zum Beispiel alle praktischen Experimente, weil sie dafür nicht geeignet seien. Ihre Problemklasse besteht vor allem aus arabischstämmigen Franzosen, der langsamste Schüler unter ihnen heisst Malik, und geh­behindert ist er auch noch. Eine hoffnungslose Sache, ehrlich gesagt, aber zum Glück wird dann die Lehrerin vom Blitz getroffen. Sie macht «Ah!» und ist darauf nicht mehr ganz dieselbe; setzt sie sich zum Beispiel auf eine Parkbank, beginnt die zu glühen.

Bei Bozon ist nichts eindeutig

So strahlt diese Madame Hyde nun auch in verschiedene Richtungen ab, allerdings hat die Spannung ihrer Licht­bögen zuweilen tödliche Folgen. Dafür gelingt es ihr allmählich besser, ihrer Klasse das Wesen der elektrischen Leitung zu vermitteln. Und wenn das jetzt eines dieser inspirierenden Relevanzdramen geworden wäre, hätte der schlechte Schüler am Ende etwas wahnsinnig Beeindruckendes vollbracht. Bei Bozon ist aber nichts eindeutig, vieles irritiert, die Schauspieler übertreiben und delirieren, einige Gags sind richtig debil. Der Höhepunkt kommt, als Isabelle Huppert vollkommen entkräftet einen Vortrag über die Wechselwirkung von Genen und Umgebung hält. «Es geht um die Interaktion!», ruft sie, und bricht fast zusammen.

Man fing sich fast ein bisschen an zu wundern, wie vergnüglich der Wettbewerb dieses Jahr geraten war.

Das sei ihr «feuriger Kampf», sagt Serge Bozon im Gespräch im Café. Er fixiert einen mit intensivem Blick und hält die soziale Abstandsregel nicht immer ein. Ein Kampf, das muss es bei Bozon sein, denn er macht politisches Kino, wie es nicht so viele machen: anti-naturalistisch, absurd, immer menschenfreundlich. «Madame Hyde» handelt von Bildung und Banlieue, von Rassismus und Ungleichheit. Aber es ist eben nicht dieses engagierte Kino der Missstände, das Benachteiligte ausstellt und das System anklagt. «Wir wissen ja, dass Araber in Frankreich ausgegrenzt werden. Das Kino ist aber kein Zeitungsartikel, sondern etwas Überraschenderes. Ich möchte, dass die Zuschauer berührt sind, aber dass dieses Gefühl nicht sentimental wird, sondern eine Art Ernst behält.» Und so brennt in «Madame Hyde» am Ende die Schule, aber dafür hat Malik etwas gelernt. Er möchte jetzt Forscher werden, so Gott will.

«Es gibt für mich keine Schönheit ohne Stilisierung», sagt Bozon. Er finde das noch immer vor allem im Hollywood-Kino der 40er- und 50er-Jahre und heute allenfalls bei Sitcoms. Das gegenwärtige Kino aus den USA dagegen sei «rien», so Bozon, was natürlich ziemlicher Quatsch ist. Man konnte das nur schon im internationalen Wettbewerb sehen, wo Aaron Katz mit «Gemini» einen Film noir vorstellte über die Unmöglichkeit, heute einen Film noir zu drehen. Aus der Femme fatale ist die Celebrity geworden, aus dem gefährlichen Fremden ein Superfan. Die Auflösung wirkte ebenfalls richtig debil, aber stilisiert und schön war das doch auch?

Verbrechen im Callcenter

Überhaupt, der Wettbewerb. Man fing sich irgendwann fast ein bisschen an zu wundern, wie vergnüglich er dieses Jahr geraten war. Nicht nur dank dem süssen kleinen Werwolf in «As boas maneiras» aus Brasilien, sondern auch dank «Winter Brothers», einem besonders styli­shen Brüderdrama direkt aus dem eiskalten dänischen Minenstollen. Es wurde darin Blödsinn getrieben mit verstörender Wirkung. Einem Serge Bozon jedenfalls hätte «Winter Brothers» gefallen.

Und vielleicht hätte ihm sogar der höhere Unsinn von «Dene wos guet geit» gefallen, dem Erstling des Zürchers Cyril Schäublin, der gestern in der Wettbewerbsreihe «Cineasti del presente» Premiere hatte. Im Prinzip war das eine Konzeptkomödie rund um die ungleiche Verteilung des Reichtums in der Schweiz, bewusst seltsam gehalten in ihrer Lo-Fi-Schummrigkeit und der Statik der Einstellungen. Eine Callcenter-Mitarbeiterin knöpft in ihrer Freizeit Betagten ihr Vermögen ab, indem sie sich als Enkelin in Not ausgibt. Zwei Polizisten fahnden nach ihr, dazu kommen weitere Figuren, gespielt von Laien und ein paar Vertretern der Zürcher Lokalprominenz wie dem Rapper EKR.

Die Gesellschaft wird zum Netzanbieter

Schäublin hat in Berlin studiert, er kommt da aus einer strengeren Schule. Sein Humor aber ist wunderbar spröd und einheimisch, und sein Gewebe des raffinierten Nonsens deutlich politisch: Vom Verkaufen zum Verbrechen ist es ein kleiner Schritt, im Callcenter üben die jungen Mitarbeiter nämlich schon, die Gutgläubigkeit der Alten auszunutzen. Die Gefühle, die sie vortäuschen, sind beim Trickbetrug noch viel nützlicher.

Ringsum stehen dann die Professionals von Zürich lustig an Nichtorten. Alle haben Probleme mit ihrem Daten­volumen, zwei Polizisten besprechen Preisunterschiede von Krankenkassen. Kommunikation ist, wenn jemand für dich einen Hotspot macht; Identität ist, wenn man seinen ungefähren Kontostand noch weiss; Interaktion ist eine freundliche Strassenkontrolle und die Gesellschaft ein Netzanbieter, der leider nicht für alle das gleich gute Angebot hat. Es gibt noch Lieder und Filme, aber an deren Titel kann sich niemand mehr erinnern. Dafür kennen wir jetzt den 14-stelligen Wi-Fi-Code. Und die Bildung des hohen Unsinns war bei Schäublin wie bei Bozon etwas vom Gescheitesten, was man in Locarno gesehen hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2017, 10:15 Uhr

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